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Drei gegen China

Wie der neue Aukus-Pakt den Indopazifik strategisch neu gestaltet und unsicherer machen könnte

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 5 Min.
im Südchinesischen Meer zeigen Schiffe der 7. US-Flotte ihre Muskeln. Die US-Marine operiert seit mehr als 70 Jahren in der indopazifischen Region
im Südchinesischen Meer zeigen Schiffe der 7. US-Flotte ihre Muskeln. Die US-Marine operiert seit mehr als 70 Jahren in der indopazifischen Region

Nuklearbetriebene U-Boote, ein neuer Verteidigungspakt mit den USA und Großbritannien – für Australien sind die Neuigkeiten der vergangenen Woche einige der wichtigsten nationalen Sicherheitsentscheidungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Diplomatisch hat der Schritt zu einer Krise geführt: China sprach bereits von einer Mentalität des »Kalten Krieges«; Frankreich hat seinen Botschafter aus Canberra nach Paris zurückgerufen, weil durch den Pakt ein eigenes U-Boot-Geschäft mit Australien geplatzt ist. Auch Nachbarländer Australiens reagierten teilweise verstimmt und mit Kritik.

Laut James Chin, Asienexperte an der Universität von Tasmanien, hat bereits »das Afghanistan-Debakel bei vielen indopazifischen Ländern einen schlechten Beigeschmack hinterlassen«. »Einige fragen sich, ob der Zeitpunkt der Aukus-Ankündigung als Demonstration der US-Macht in der Region gedacht war, um nervöse Partner zu beruhigen«, schrieb der Akademiker im Online-Magazin »The Conversation«.

John Blaxland, Strategieexperte an der Australischen Nationaluniversität in Canberra, hält die neue Aukus-Partnerschaft dagegen für einen wichtigen Schritt, um das Gleichgewicht in der Region beizubehalten und »China abzuschrecken«. Der Deal sei eine »direkte Antwort« auf das chinesische Verhalten, sagte Blaxland vor Journalisten.

Tatsächlich hat sich China in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer Großmacht entwickelt, die aktiv ihr wirtschaftliches und politisches System als Alternative zu den USA propagiert. Dies zeigt sich nicht nur in der Belt and Road Initiative (»Neue Seidenstraße«), die Volksrepublik rüstet auch seit Jahren auf: Sie modernisiert ihr Militär und ihre Flotte und baute Militärbasen auf künstlichen Inseln im Südchinesischen Meer. Im Juli wurde zudem bekannt, dass sich im chinesischen Gansu 119 Silos im Bau befinden, die vermutlich Interkontinentalraketen vom Typ DF-41 aufbewahren sollen. Diese könnten dank einer Reichweite von über 12 000 Kilometern Australien und auch die USA erreichen.

Gleichzeitig verhalte sich China laut Blaxland seit Jahren kriegerisch, auch wenn bisher keine echten Waffen eingesetzt worden seien. So habe China Australien bereits mehrmals »mit politischer Einmischung und Cyberangriffen« attackiert. Auch in den USA betrachte man die Bedrohung aus China inzwischen als »existenziell«. In der Region stehe gerade viel auf dem Spiel, so Blaxland. Dies betonte auch der Asienexperte Chin in seiner Analyse. Das neue Abkommen signalisiere in erster Linie, »dass die USA, Australien und Großbritannien das Südchinesische Meer als wichtigen Austragungsort für den Kampf gegen China betrachten«, sagte er.

Laut Nadège Rolland, einer Strategieexpertin des National Bureau of Asian Research (NBR) in Washington, zeigt der Deal eines: Australien habe erkannt, »dass eine Annäherung an eine andere Mittelmacht nicht für das ausreicht, was auf dem Spiel steht«, sagte sie in einem Video-Briefing des Lowy-Instituts, eines als neoliberal geltenden australischen Thinktanks. Trotzdem bestehe damit aber auch die Möglichkeit, dass man »die Büchse der Pandora geöffnet« habe und mehr Länder jetzt über ihre eigenen nuklearen Fähigkeiten nachdenken würden.

Yun Sun, eine Asienexpertin und die Direktorin des China-Programms am Stimson Center in Washington, glaubt, dass die Zeichen eher schlecht stehen. »China sieht seine militärische Aufrüstung als Reaktion auf die US-Präsenz in der Region«, sagte die Expertin im Briefing des Lowy-Instituts. Noch nehme das Land eine »abwartende Haltung« ein, da die Bedrohung durch die U-Boote nicht unmittelbar sei. Doch sollten die USA mehr Soldaten und Raketen nach Australien schaffen, müsse Australien mit noch härterem Wirtschafts- und Handelsdruck rechnen. »Es gibt viele Stimmen in China, die das fordern«, sagte Sun. Gleichzeitig gebe es Stimmen im Land, die die Zeitspanne, bevor die U-Boote ausgeliefert werden, als eine »strategische Gelegenheit« bezeichneten, um beispielsweise Taiwan zu erobern. Zudem wolle China verhindern, dass die Partnerschaft auf andere Länder in der Region ausgeweitet werden und sich damit eine Art »asiatische Nato« bilden könnte.

Auch der Asienexperte James Chin macht sich Sorgen, wie die neuen Atom-U-Boote die Dynamik im Südchinesischen Meer verändern und »die Chinesen viel nervöser machen« könnten. Es habe schon jetzt mehrere Beinahe-Vorfälle in der Region gegeben. »Die Asean-Staaten sind bereits sehr besorgt über die Rivalität zwischen China und den USA, die sich in ihrem Hinterhof abspielt«, schrieb er. Das neue Aukus-Abkommen würde viele darin bestätigen, dass die Meinungen der Asean-Mitglieder in Bezug auf die Supermächte und deren Vorgehensweise in der Region keine Rolle spielten.

Der Strategieexperte Blaxland denkt dagegen, dass die Welt bereits viel früher auf die chinesischen Ansprüche im Südchinesischen Meer hätte reagieren müssen. Nun habe man dank des Aukus-Deals aber endlich »eine Grenze gezogen«. Laut Blaxland wäre es wichtig, Frankreich wieder an Bord zu holen und die Schmach des verlorenen Deals zu lindern, beispielsweise indem Australien U-Boote des Typs Barracuda bei Frankreich lease, um den Zeitraum abzudecken, bis die Atom-U-Boote fertig seien. Denn es sei nicht in australischem Interesse, dass Frankreich, das mit Neukaledonien und Französisch-Polynesien Territorium im Indopazifik hat, sich von der Region abwende. »Das würde ein Vakuum hinterlassen«, sagte er.

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