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  • Gehirnerschütterungen im Fußball

Mehr als nur ein Brummschädel

Der Profifußball wird bei Kopfverletzungen sensibler, aber der richtige Umgang bleibt eine Gratwanderung

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.
Folgen von Kopfstößen bleiben lange unerkannt. Doch eine englische Studie hat ergeben, dass Ex-Fußballer dreimal so oft an den Folgen von Hirnerkrankungen sterben als andere Menschen.
Folgen von Kopfstößen bleiben lange unerkannt. Doch eine englische Studie hat ergeben, dass Ex-Fußballer dreimal so oft an den Folgen von Hirnerkrankungen sterben als andere Menschen.

Es gibt keine Bundesligapartie in der jüngeren Vergangenheit, die von so einem Crash-Potenzial geprägt war wie der Abnutzungskampf zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Köln (1:1) am vergangenen Wochenende. Ständige Unterbrechungen, weil Fußballspieler wie Rammböcke aufeinanderprallten. Die Bilanz: drei Auswechslungen nach Kopfverletzungen, zwei blutende Nasen und eine Platzwunde. Auf Frankfurter Seite erlitt Erik Durm eine Gehirnerschütterung und wurde ausgewechselt, Timothy Chandler holte sich eine Platzwunde und spielte mit einem turbanartigen Verband weiter. Der 31-Jährige sagte direkt danach: »Es war ein größerer Cut und ich habe am Anfang gedacht, dass es nicht weitergeht. In der Halbzeit wurde ich in 15 Minuten genäht. Es war ein Brummschädel.« Tags darauf teilte sein Klub mit, es habe kein medizinisches Risiko bestanden.

Über die Homepage der Eintracht versicherte Chandler zudem, dass keine Nachwirkungen zu befürchten seien. »Wenn etwas zu befürchten gewesen wäre, hätte ich mich sofort auswechseln lassen. Es bleibt nichts als eine Narbe. Sieht nicht schön aus, aber es geht immer weiter.« Nicht so schnell weiter ging es wiederum in Berlin bei Timo Baumgartl vom 1. FC Union. In einer dramatisch anmutenden Situation im Heimspiel gegen Arminia Bielefeld (1:0) zog er sich eine schwere Gehirnerschütterung zu.

Die Häufung von Kopfverletzungen am achten Spieltag war gewiss nicht das Produkt von Rücksichtslosigkeit, aber betroffen waren Teams, die hohen körperlichen Einsatz als Wesenskern ihrer Herangehensweise begreifen. Frankfurts Trainer Oliver Glasner wertete den Umstand, dass zeitweise »fünf Spieler mit Kopfverletzungen am Boden lagen«, als Beleg, »dass sich keiner was geschenkt hat«.

Mehr Sensibilität für die Thematik der Kopfverletzungen hat wiederholt Robert Percy Marshall von RB Leipzig angeregt. Die These des Mannschaftsarztes lautet: »Hirnverletzungen sind immer noch eine im Profifußball unterschätzte Problematik, insbesondere da Spätschäden wie neurodegenerative und neuropsychiatrische Erkrankungen auch nach dem Karriereende möglich sind.« Wenn in einem Kopfballduell Schädel an Schädel prallen, würden schließlich »bis zu 40 G auf das Gehirn einwirken«, also das 40-fache des eigenen Gewichts.

Eine Untersuchung von Forschern der Universität Glasgow, die die Todesursachen von 7676 ehemaligen schottischen Fußballprofis (geboren zwischen 1900 und 1976) mit rund 23 000 Nichtsportlern verglichen, hat vor Kurzem erschreckende Ergebnisse geliefert: Die Ex-Profis starben dreieinhalbmal häufiger an den Folgen einer neurodegenerativen Erkrankung. Bei Alzheimer als zumindest mitverantwortliche Todesursache ist das Risiko sogar um das Fünffache erhöht.

Als aus der National Football League (NFL) in den USA alarmierende Zahlen zu Gehirnschäden an die Öffentlichkeit gelangt waren, gab der angesehene Berliner Hirntumorexperte Peter Vajkoczy in einem Beitrag der »Sportärztezeitung« den Hinweis, dass sich dem Problem der Prävention und der sicheren Isolation Betroffener bei Kopfverletzungen »nicht nur die klassischen Risikosportarten wie American Football oder Eishockey annehmen sollten, sondern auch der europäische Fußball«. Dieser aber ignorierte lange die Gefährdung durch ein Schädelhirntrauma im Eifer des Gefechts. Zwar bilden sich in den meisten Fällen die Beschwerden innerhalb von sieben bis zehn Tagen vollständig zurück; aber bei zehn bis 15 Prozent bestehen die Symptome über einen längeren Zeitraum fort.

Ein negatives Beispiel lieferte in diesem Sommer der beim FC Bayern spielende Bundesligaprofi Benjamin Pavard. Der französische Nationalspieler blieb im EM-Gruppenspiel gegen Deutschland benommen am Boden liegen, nachdem ihn das Knie von Robin Gosens im Gesicht getroffen hatte. Der Verteidiger spielte nach kurzer Behandlung weiter, obwohl er später zugab: »Ich war für zehn bis 15 Sekunden ausgeknockt.« Damit wäre er eigentlich ein Fall für eine Auswechslung gewesen, zumal alle EM-Teilnehmer die so genannte »Concussion Charter« des europäischen Verbands Uefa unterzeichnet hatten. Demnach soll jeder Spieler mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung vom Platz genommen werden. Neurologen unterbreiteten danach den Vorschlag, in diesen Fällen eine zeitweilige Auswechslung zu erlauben. Es ist schließlich ein Problem, dass Mannschaftsärzte am Spielfeldrand nicht nur unter Zeitdruck, sondern auch unter dem Erfolgsruck des Klubs entscheiden.

Dem Thema hat sich die von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer geleitete Medizinische Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) immer wieder angenommen, um das Management bei Kopfverletzungen zu verbessern. Fortbildungsveranstaltungen wurden 2019 für die Teamärzte durchgeführt, zudem das Trainerkolloquium bearbeitet. Auch können sich die medizinischen Helfer der 1. und 2. Bundesliga an den Trainerbänken die entsprechende Szene auf Video anschauen, um zu sehen, wie hart ein Aufprall war.

Mittlerweile sind sogenannte Baseline-Tests Standard. »Das bedeutet, dass man Spieler im gesunden Zustand einmal neurologisch untersucht. Mit diesem Ausgangswert kann später im Falle einer Kopfverletzung verglichen werden«, erklärte Meyer bereits vor zwei Jahren. »Es ist ein Instrument, das hilft zu entscheiden, wann ein Spieler wieder fit ist. Ich denke, dass wir mit dieser Batterie an Maßnahmen eigentlich ganz gut aufgestellt sind.«

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