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Ein bewegter Bürger

Zum Tod des Bürgerrechtlers und Wendeaktivisten Reinhard Schult

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.
Reinhard Schult
Reinhard Schult

Herbst 1989, Frühjahr 1990: Die wenigen Wendemonate kurz vorm Ende der DDR waren die wohl intensivsten im Leben des Reinhard Schult. Für Leute wie ihn schien ein Traum in Erfüllung zu gehen: Die führende Rolle der SED war gebrochen, die Macht lag auf der Straße, alles schien möglich zu sein. Schult hatte schon seit Langem gegen Bevormundung und ideologische Enge aufbegehrt, gegen die Wehrpflicht, war für Meinungsfreiheit eingetreten und das, was man später Basisdemokratie nennen sollte. Er war eine Ausnahmeerscheinung unter den Bürgerrechtlern: kein Studierter, sondern ein Arbeiter. Maurer und Heizer. Ein Kerl wie ein Baum. Abitur konnte er wegen seiner politischen Aktivitäten nur über den Umweg einer Berufsausbildung zum Baufacharbeiter machen, ein Theologiestudium brach er ab.

Schult arbeitete in Oppositionsgruppen mit, wollte erreichen, dass über gesellschaftliche Probleme offen gesprochen werden kann. Er wurde von der Staatssicherheit zu den »unbelehrbaren Feinden des Sozialismus« gezählt, landete im Gefängnis. Im Frühjahr 1989 gehörte er zu denen, die die Manipulation der DDR-Kommunalwahl anprangerten. Als die Malerin und Freundin Bärbel Bohley ihn fragte, ob er in der Gruppe »Neues Forum« mitmachen wolle, fragte er zunächst misstrauisch: »Wie viele Pfaffen sind dabei?« Er machte mit, voller Energie: erst illegal, dann bei den Verhandlungen am Zentralen Runden Tisch, bei der Besetzung der Stasizentrale, bei der Sicherung der Stasiakten für die Öffentlichkeit.

Als aus den DDR-Bürgerbewegungen das Bündnis 90 wurde, eine Partei, sträubte er sich. Er blieb bei den Resten des Neuen Forums, wollte nicht die Kompromisse, nicht die Mechanismen der Macht, nicht den Gang in die Institutionen. Er wollte radikale Opposition, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung. Schult gehörte zu den Bürgerrechtlern, die nach der deutschen Vereinigung nicht nur das Thema SED-Diktatur kannten. Er bewahrte sich einen kritischen Geist – gegenüber Kriegseinsätzen der Bundeswehr, der Agenda 2010, dem Hartz-IV-Regime. Am Sonnabend ist Reinhard Schult kurz nach seinem 70. Geburtstag gestorben.

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