Nazi-Ikone des Ruhrgebiets gestorben

Am Sonntag ist Siegfried Borchardt gestorben - er prägte die Neonaziszene über Jahrzehnte

  • Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie so viele Akteure der extremen Rechten war auch Siegfried Borchardt in letzter Zeit im Messengerdienst »Telegram« aktiv. Der Dortmunder Neonazi betrieb einen »Infokanal«. Wer beim Lesen mitkommen wollte, musste sich ranhalten. Borchardt verbreitete alles, was ihm ideologisch irgendwie passte. Viel Corona-Leugnung, Rassismus, Antisemitismus, billige Hetze und immer mal wieder persönliche Botschaften. Sein letzter Eintrag stammt vom Samstag. Der Neonazi klagte über Schmerzen im Bein, vermutete eine Thrombose und verabschiedete sich ins Krankenhaus. Am Sonntag vermeldete seine Partei »Die Rechte«, dass Borchardt gestorben ist.

Der 67-jährige war nicht irgendein Nazi, er gehörte über Jahrzehnte zu den prägenden Figuren der extremen Rechten in Deutschland. In den frühen 1980er Jahren war er einer der Köpfe der Hooligangruppe »Borussenfront«. Die BVB-Hooligans fielen immer wieder im Umfeld von Spielen der deutschen Nationalmannschaft auf. Zusammen mit Gleichgesinnten versuchten sie, Jagd auf Migranten und Linke zu machen. Borchardt, der in dieser Zeit den Spitznamen »SS-Siggi« bekam, politisierte sich zusehends. Borchardt organisierte sich in verschiedenen Nazi-Gruppen. Bei der, 1995 verbotenen, Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) stieg er zum Landesvorsitzenden auf. Ein Schwerpunkt seiner Aktivitäten lag immer in der migrantisch geprägten Dortmunder Nordstadt. Migranten jagen oder Menschen für die Nazi-Szene agitieren. Mehrere Jahre wurde die Kneipe Schützeneck zum Treffpunkt der Dortmunder Rechten. Sie lag nur wenige hundert Meter von Mehmet Kubaşıks Kiosk entfernt. Kubaşık wurde dort 2006 vom NSU ermordet. Im Versteck des NSU-Kerntrios wurde ein Paket mit Munition gefunden, darauf stand »Siggi«. Wie und ob der NSU aus Dortmund unterstützt wurde, konnte bis heute nicht geklärt werden. Fest steht allerdings, dass Borchardt bundesweit vernetzt war. Fest steht auch, dass neben dem Mord an Mehmet Kubaşık vier weitere Nazi-Morde in die Zeit seiner Aktivitäten in Dortmund fallen. Sie wurden von der Nazi-Szene glorifiziert. Borchardt selbst musste immer wieder wegen Körperverletzung und NS-Delikten Haftstrafen absitzen.

In Nordrhein-Westfalen war Borchardt in der Neonaziszene eine der zentralen Führungsfiguren. Das nutzte er vor allem für seine jüngeren Dortmunder Kameraden. Als sich Anfang der 2000er Jahre Neonazis im autonomen Style kleideten, wurde das von ihm unterstützt. Er sorgte dafür, dass der Stil akzeptiert wurde und dass die jungen Neonazis sich vernetzen konnten. Sein Anteil daran, dass Dortmund zu der Nazi-Hochburg im Westen wurde, ist nicht zu unterschätzen. Seinen letzten, richtig großen Auftritt hatte »SS-Siggi« 2014. »Die Rechte« zog mit ihm als Spitzenkandidaten in den Rat der Stadt ein. Am Wahlabend gab es einen Angriff auf Demokraten vor dem Rathaus. Borchardt genoss die Aufmerksamkeit nach dem sogenannten »Rathaussturm«. Weltweit wurde über Dortmund und seine Nazis berichtet.

Danach wurde Borchardt unwichtiger für die Nazi-Szene. Jüngere Neonazis übernahmen in Dortmund die ideologische und organisatorische Führungsrolle. Die Schlagzeilen, für die »SS-Siggi« sorgte, wurden zunehmend kurios. 2015 gab es Debatten darüber, dass sich Borchardt bei der Tafel mit Lebensmitteln eindeckte. 2017 wurde bekannt, dass er wegen seiner »bedenklichen Haltung zum Grundgesetz« nicht beim Jobcenter erscheinen muss. Vor wenigen Wochen beschwerte Borchardt sich über den Abbau von Bänken auf seinem Lieblingsplatz, vermutete ein politisches Manöver dahinter. Die Bänke, die eigentlich nur instandgesetzt werden sollten, sind zurück. Bunt bemalt, mit anti-rechten Sprüchen versehen. Borchardt wird sie nun nicht mehr nutzen.

Für ein Großereignis dürfte Siegfried Borchardt in Dortmund allerdings noch sorgen. Seine Beerdigung. Seine Partei ruft schon jetzt dazu auf, dass es »Pflichtsache« sei, ihm »würdevoll die letzte Ehre zu erweisen«. Zwar schwächelt die Nazi-Szene in Dortmund seit geraumer Zeit, zur Beerdigung und/oder einer Gedenkveranstaltung muss aber damit gerechnet werden, dass Neonazis und Hooligans aus ganz Deutschland anreisen. Auch Delegationen aus dem Ausland sind zu erwarten. In der Vergangenheit wurden Beerdigungen von besonders aktiven Neonazis dabei immer wieder zur NS-Verherrlichung genutzt. Etwa wenn den Nazis eine Hakenkreuzflagge mit ins Grab gelegt wurde. Auf die Dortmunder Polizei kommt eine heikle Aufgabe zu.

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