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Fußballkultur im Wandel?

Wie eine Initiative von neun Frauen den Männerverein DFB reformieren will

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.

Es waren wieder anstrengende Tage für Rainer Koch, den Multifunktionär, Strippenzieher und derzeitigen Interimspräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB): Eine dreitägige Präsidentenkonferenz mit den Vorständen der Regional- und Landesverbände in Hamburg leiten, zwischendrin das WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Rumänien besuchen, dann schnell nach Mailand fliegen - denn auch beim Finale der Nations League zwischen Frankreich und Spanien wollte er nicht fehlen. Immerhin ist Koch ja auch das deutsche Mitglied im Exekutivkomitee der Uefa. Präsenz war danach für den 62-Jährigen auch im nordmazedonischen Skopje angesagt, wo die DFB-Auswahl das WM-Ticket nach Katar löste. Die Dankesrede hielt mit Peter Peters der zweite Interimspräsident des Verbandes, der weitere Ambitionen aufs höchste DFB-Amt inzwischen zurückgestellt hat.

Am 11. März 2022 wird in Frankfurt am Main der nächste Versuch unternommen, einen Kandidaten für den Chefposten im deutschen Fußball zu finden, der endlich mal unfallfrei durch seine Amtszeit kommt. Das war zuletzt in schöner Regelmäßigkeit gescheitert. Es läuft darauf hinaus, dass sich das Amateurlager auf eine Person verständigt - als Topfavorit gilt der in der Öffentlichkeit eher unbekannte Bernd Neuendorf. Der 60-jährige Präsident des Landesverbands Mittelrhein ist ein integrer Charakter, keine Frage, aber eben auch wieder ein Mann. Daher schlägt die neunköpfige Frauen-Initiative »Fußball kann mehr« eine Doppelspitze vor - Mann und Frau. »Will man die gesellschaftliche Wirkung des Fußballs entfalten und zugleich eine Zukunftsvision für den Verband gestalten, braucht es ein starkes Team«, meint Katja Kraus, die beim Hamburger SV bis vor zehn Jahren als erste Frau einen Vorstandsposten im Profifußball besetzte.

Die bestens vernetzte Geschäftsführerin der Marketingagentur Jung von Matt/Sports drängt auf Veränderungen - ihre Initiative mit Nationaltorhüterin Almuth Schult, der ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann, Fanvertreterin Helen Breit und anderen plant demnächst einen weiteren öffentlichen Vorstoß. Kraus und Co. treten für eine Strukturreform und einen Kulturwandel beim DFB ein. Man würde sich wünschen, »Diversität aus der Führung heraus zu verkörpern«. Die in Hamburg lebende Netzwerkerin schlägt vor: »Wenn man eine Doppelspitze haben will, dann muss man sie anbieten, mit den passenden Menschen.« Die 50-Jährige selbst hat zwar keine Ambitionen auf den höchsten Verbandsposten, ist aber überzeugt, »dass man diese Rolle auch sehr gut ausfüllen kann, ohne zuvor jahrelange Verbandsarbeit geleistet zu haben«. Dafür brauche es die Lust auf Erneuerung und inhaltliche Kompetenz.

Nach einem der Ethikkommission des DFB gemeldeten Vorfall zwischen Koch und der ehemaligen Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb misstraut die Frauen-Initiative der aktuellen Führungsspitze - und hegt einen Verdacht: Koch wie Peters reden derzeit gerne von Diversität, nutzten das aber nur als Feigenblatt. Letztlich ist auf allerhöchster Ebene vieles im deutschen Fußball bislang doch nur Männersache.

In der Pressemitteilung nach der jüngsten Hamburger Präsidentenkonferenz fand sich ein ganzer Absatz, um die vor allem in den Führungsbereichen des Fußballs unterrepräsentierten Frauen zu fördern. Wenn es aber heißt, dass die »nächsten Prozessschritte in den kommenden Monaten erarbeitet werden«, bleibt zu viel im Ungefähren. Und so vermuten Kraus und ihre Mitstreiterinnen dahinter wieder nur Lippenbekenntnisse, denen kaum Taten folgen werden.

Dazu passe der Umgang mit dem Ende Mai vor dem DFB-Pokalfinale der Fußballerinnen vorgestellten Konzept »Frauen im Fußball - Strategie 2027«. Damit sollen im Zuge der gemeinsamen Bewerbung des DFB und der Verbände aus Belgien und den Niederlanden für die Frauen-WM 2027 Fußballerinnen, aber auch Frauen im Fußball gefördert werden. Seitdem flimmern Werbebanden und sind Spots geschaltet, auf denen der Slogan »Fußball, die (feminin)« auftaucht. Die Idee dahinter: Vieles, was Fußball zu Fußball macht, sei doch weiblich - die Technik, die Begeisterung, die Gemeinschaft. Damals hieß es indes, dass das mit einem siebenstelligen Betrag budgetierte Gesamtprojekt noch durch die Gremien des DFB gehen müsse. Doch dem Vernehmen nach hat das Vorhaben nicht mal die erste Hürde im eigenen Hause passiert. Vieles gilt als zu aufwendig, zu teuer.

Der Verband, von dessen rund 7 Millionen Mitgliedern immerhin 1,1 Millionen Frauen und Mädchen sind, muss einige Grundsatzfragen beantworten. Wie viel Einfluss von Frauen ist gewollt? Reicht es, dass mit der aus Altersgründen nicht zur Wiederwahl stehenden Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg nur eine einzige Frau im Präsidium sitzt? Langt es, dass Heike Ullrich als interimsmäßig tätige Generalsekretärin den Job mit viel weniger Geltungsdrang ausübt als der längst reichlich abgefundene Friedrich Curtius mit seinen undurchsichtigen Winkelzügen? Die Hamburgerin und die Hildesheimerin haben den Vorteil, dass sie lange dem Verband angehören - und von den männlich geprägten Führungszirkeln akzeptiert werden. Eine Seiteneinsteigerin hätte es da deutlich schwerer.

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