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»Emanzipation ist nicht nur Frauensache«

Esther Sedlaczek und Claudia Neumann werden für ARD und ZDF am EM-Mikrofon sprechen. Dennoch ist der Fußball noch weit von Gleichberechtigung entfernt

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 8 Min.

Wissen Sie beide denn schon, wo Sie am 11. Juni, dem Tag des Eröffnungsspiels der Fußball-EM der Männer, sein werden?

Esther Sedlaczek: Also ich bin in Hamburg.

Claudia Neumann: Weil wir Reporter noch immer von den Coronaregeln und Inzidenzzahlen abhängen, weiß ich es tatsächlich noch nicht genau. Am 12. kommentiere ich zwar Russland gegen Belgien. Das findet in St. Petersburg statt. Ich weiß aber auch noch nicht genau, von wo aus ich sprechen werde.

Sedlaczek: Die Moderation findet sowohl bei uns in der ARD als auch beim ZDF komplett in Deutschland statt.

Neumann: Aber auch für Reporter macht es vorerst keinen Sinn, Reisen in alle ausrichtenden Länder zu planen, wo man womöglich vor Ort oder nach der Rückreise fünf Tage und mehr in Quarantäne muss. Wir planen da mindestens doppelgleisig, das wird sehr spannend und frisst wohl mehr Zeit, Geld und Nerven als die eigentliche Durchführung der Sendung.

Sedlaczek: Deshalb mache ich bei meiner EM-Premiere auch keine Field-Interviews, sondern bleibe mit dem »Sportschau-Club« komplett im deutschen Studio. Immerhin ist das sehr viel leichter planbar. Meine Reiserouten stehen längst: Hamburg-München-Hamburg-München.

Aber wie soll bei all den Unwägbarkeiten so etwas wie Fußballstimmung oder gar eine EM-Euphorie aufkommen?

Neumann: Ach, ich bin diesem Sport so nah, dass meine Gemütslage von der fußballerischen Qualität abhängt. Wenn die stimmt, verbessert sich meine Stimmung automatisch. Und machen wir uns mal nichts vor: Das übliche Drumherum so großer Turniere - Esther kennt das ja auch schon von der Champions League - ist für uns Journalisten selten von euphorischer Stimmung geprägt. Es geht vielmehr um Akkreditierungen, Sicherheitsvorkehrungen, Schlangestehen, Abwarten.

Sedlaczek: Jetzt ergänzt um Schnelltests.

Neumann: Nicht nur das war immer nervig. Als Journalisten befinden wir uns seit jeher in einer Blase. Immerhin darf wieder Publikum im Stadion sein, aber die Atmosphäre in den Städten, der Kontakt zu den Menschen vor Ort, die Begegnungen mit den Fans wird umso mehr fehlen.

Sedlaczek: In meiner Zeit bei Sky hatten wir auch vor Corona schon wichtige Spiele wie das DFB-Pokalfinale aus dem Studio produziert, das kenne ich also schon. Und durch die Pandemie haben wir uns ein wenig an größere Distanzen bei weniger Atmosphäre gewöhnt. Umso nervöser werde ich sein, am 11. Juni das erste Mal für die ARD bei so einem Ereignis vor der Kamera zu stehen.

Nervös im Sinne von Hose voll oder im Sinne von positiv aufgeregt?

Sedlaczek: Nee, meine Hose bleibt leer (lacht), aber die Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Konzentration, die ich vor jeder Sendung habe, wird in dieser Situation vermutlich noch etwas größer sein. Bei einer neuen Herausforderung steht man natürlich unter anderer Beobachtung und will besonders gut abliefern. Eine halbe Stunde vorm Beginn geht einem der Allerwerteste daher dann doch schon noch mal auf Grundeis. Aber sobald das rote Lämpchen der Kamera leuchtet, kommt bei mir der Spaß.

Neumann: Eine Portion Anspannung bleibt wohl stets. Den Druck eines Millionenpublikums, das teilweise auf Fehler nur wartet, habe ich aber mit meiner Erfahrung ganz gut im Griff. Und weil ich weniger im Bild bin als Esther, ist die Beobachtung auch eine andere. Zum Glück. (lacht)

Andererseits war die Beobachtung für Sie als erste Frau, die 2018 ein WM-Spiel der Männer kommentierte, enorm.

Neumann: Das stimmt natürlich, und da schwappte einiges aus Deutschland bis zu mir nach Russland rüber. Das wurde auch mit der Chefredaktion besprochen, die dann sehr beruhigt war, wie - ich will nicht sagen locker, aber - souverän ich mit der Netz-Hetze umgegangen bin. Doch wer wie ich in Russland 2018 rund drei Wochen bis zum Achtelfinale quer durchs Land gereist ist, für den war der Zeitplan so straff, dass sich wenig Möglichkeiten boten, sich mit allzu vielem darüber hinaus zu beschäftigen. Das ist heute aber auch kein Thema mehr. Ich komme damit klar, auch mit den scheinbar unvermeidbaren Social-Media-Reflexen. Punkt, Aus, Ende.

Heißt »Punkt, Aus, Ende«, dass Sie am liebsten gar nicht mehr übers Thema Frauen im Fußballjournalismus und den irritierenden Sexismus reden wollen, der dabei noch immer offenbart wird?

Sedlaczek: Mir wäre es in der Tat am liebsten, wenn die Frage nach Frauen im Fußball gar nicht mehr gestellt würde. Aber da sind wir nun mal noch nicht, weshalb auch unsere Stimmen gebraucht werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Neumann: Denn machen wir uns nichts vor: Medienfrauen im Männerfußball sind, abgesehen von der Printbranche, wo sie etwas unauffälliger Topjobs erledigen, weiter ein Riesenthema. Aber da werden wir nicht verkleinern, indem immer nur auf die negativen Aspekte Bezug genommen wird. Umso mehr spüre ich mittlerweile eine gewisse Verantwortung und Sensibilität, dabei zu helfen, Frauen im Sportjournalismus sichtbar, also normal zu machen. Vielleicht brauchte es dafür der Erfahrung und Reife aus 30 Berufsjahren, die ich jetzt mitbringe.

Sedlaczek: Jede Kollegin, aber auch jeder Kollege muss für sich entscheiden, wie sie oder er damit umgeht. Emanzipation ist ja nicht nur Frauensache und Sexismus weit über unseren Arbeitsbereich hinaus ein gesellschaftliches Problem. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es nach der Geburt meiner Tochter hieß, jetzt geht sie endlich wieder an den Herd.

Neumann: Wahnsinn!

Sedlaczek: Das hat mich persönlich gar nicht so sehr berührt, macht aber trotzdem betroffen und traurig. Das war im Jahr 2019! Also noch nicht so lange her. Und auch, wenn mir die großen Shitstorms bisher erspart geblieben sind, wird bei uns Frauen bei jedem Versprecher, jedem Fehler viel genauer hingehört als bei Männern. Und auch, wenn das mit den Jahren weniger wird, habe ich mit Hass und Hetze im Netz zu tun. Ich habe zwar meinen Umgang damit gefunden, das nicht persönlich an mich herankommen zu lassen, muss und werde es aber immer kritisch hinterfragen.

Neumann: Wobei Moderatorinnen im Fußball schon weit etablierter sind als Kommentatorinnen in der Kabine.

Spätestens seit Monica Lierhaus Anfang der Nullerjahre zumindest.

Neumann: Und trotzdem bleibt die Grundhaltung uns allen gegenüber skeptisch. Wenn ein Mann kommentiert, kommentiert er eben. Wenn es eine Frau tut, kommt sofort die Frage auf: Kann die das überhaupt? Das gilt ebenso für Moderatorinnen. Oder nehmen Sie die Suche nach einem DFB-Präsidenten. Wollte bei den Herren Koch, Peters oder Grindel irgendwer wissen, ob der das grundsätzlich kann? Nee! Das wird nur bei Frauen hinterfragt.

Wurden Sie deshalb Teil der Kampagne für mehr weibliche Führungskräfte im DFB?

Neumann:Es geht uns keinesfalls ausschließlich um den DFB, sondern ums gesamte Fußballspektrum. Frauen sind in all seinen Bereichen nur im marginalen Prozentbereich vertreten, das bildet die Vielfalt unserer Gesellschaft einfach nicht ab. Die Diskussion über die Neubesetzung des DFB-Präsidentenamtes folgt überholten Mechanismen und wirkt damit ziemlich hilflos. Vor irgendwelchen Personaldebatten sollten inhaltliche und strukturelle Fragen geklärt werden. Stattdessen erleben wir gerade wieder Machtgehabe, Intrigen, ausgeprägte Beharrungskräfte. Es geht ausschließlich um persönliche Interessen, eigentlich unfassbar.

Immerhin gibt es jetzt bei der Berichterstattung einen Fortschritt. Wenn Sie Matthias Opdenhövel im August bei der Samstags-»Sportschau« ablösen, Frau Sedlaczek - haben Frauen dort die Mehrheit.

Sedlaczek: Lassen Sie mich mal durchzählen - 2:1, in der Tat. Wie geil ist das denn!

Sind wir etwa vor dem Umweg über echte Parität gleich auf dem Weg ins Matriarchat oder ist das bloß Episode?

Sedlaczek: Mir würde es reichen, wenn wir dadurch so viel darüber reden, dass wir irgendwann gar nicht mehr darüber reden. Ich glaube nicht, dass die ARD hier Quoten erfüllen wollte, sondern dass ich mir den Job verdient habe. Aber es ist ein schönes Signal.

Neumann: Unbedingt sogar, es verändert sich was.

Könnte sich das auch sprachlich auswirken - werden Sie bei der EM und in der »Sportschau« von nun an gendern?

Sedlaczek: Bei der »Sportschau« verwenden wir aktuell das Gender-Sternchen im Schriftverkehr, in der Regel aber nicht, wenn wir auf Sendung sind.

Neumann: Obwohl ich mich persönlich nicht herabgewürdigt fühle, bei »Sportreporter« mitgemeint zu sein, habe ich mir darüber in den letzten Wochen immer mehr Gedanken gemacht. Ich bin unbedingt auf allen Ebenen der Gesellschaft für absolute Gleichberechtigung und verstehe die Haltung derer, die das Gendern wichtig finden, weil Sprache nun mal Haltungen definiert. In der Live-Reportage empfinde ich es aber als sperrig. Vermutlich wähle ich da einen Mittelweg, der mir aber schon deshalb leichter fällt, weil ich als Kommentatorin eines Männerturniers naturgemäß selten von Frauen rede.

Diese letzte Frage darf nicht fehlen: Wer wird Europameister?

Sedlaczek: Mangels Kristallkugel sage ich: Das sag ich nicht, bei so vielen starken Teams!

Neumann: Der Beste. (lacht) In den redaktionellen Tipprunden gewinnen eh immer die, die bekennend am wenigsten Ahnung von Fußball haben.

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