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Zur Revolution berufen

Zum 130. Geburtstag von Asja Lācis: Die lettische Theatermacherin war eine der wichtigsten Mittlerinnen zwischen fortschrittlichen Künstlern in Deutschland und der Sowjetunion

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 5 Min.

Das historische Kurzzeitgedächtnis unserer Tage zeigt sich an Personen wie Asja Lācis. Vor 130 Jahren im heutigen Lettland zur Welt gekommen, war die selbstbewusste Frau als Schauspielerin tätig, vor allem aber als Theaterregisseurin - mit Ausflügen in die Filmbranche - und Leiterin von Bühnen. Zudem war sie eine Wandlerin zwischen der sowjetischen Heimat und Deutschland.

1912 nahm Lācis in Sankt Petersburg ein Studium am psychoneurologischen Institut auf und infizierte sich in der Weltstadt mit dem Theatervirus. Wsewolod Meyerhold und Wladimir Majakowski, Vertreter einer subversiven Kunst, hießen dieser Tage ihre Helden. Ohne Studienabschluss ging sie nach Moskau, probierte sich in den Geisteswissenschaften und ließ sich stattdessen doch zur Schauspielerin ausbilden. Bereits reichlich politisiert, gründete sie kurz nach der Oktoberrevolution in Orjol ein proletarisches Kindertheater und arbeitete bald darauf als Regisseurin in Lettland.

Ab 1922 wurde sie zur Wechselgängerin zwischen Ost und West. In der auch kulturell spannungsreichen Zeit machte sie Bekanntschaft mit den herausragenden Vertretern des politischen Kunstbetriebs. Am Anfang stand eine Assistenztätigkeit bei Fritz Lang. Von Ernst Toller und Erwin Piscator ließ sie sich nachhaltig beeinflussen, und mit Brecht begab sie sich in eine intensive Arbeitsbeziehung. Er war es auch, der sie mit Walter Benjamin bekannt machte.

Asja Lācis verführte Walter Benjamin zum Marxismus. Dem amourösen Verhältnis der beiden entsprang auch der eine oder andere berühmte Text, der heute vor allem mit dem Namen des Philosophen verknüpft ist. Den Aufsatz »Neapel« verfassten sie zusammen, sie unterstützte ihn bei der Arbeit am beeindruckenden »Passagen-Werk«, und an dem »Programm eines proletarischen Kindertheaters«, für das sie auf ihre Orjoler Erfahrungen zurückgreifen konnte, war sie federführend beteiligt.

Es handelte sich allerdings um einen wechselseitigen Kulturaustausch. Lācis lernte von den avancierten Künstlerkollegen aus Deutschland, aber sie brachte gleichermaßen ihre Erfahrungen aus der revolutionären Theaterarbeit im Osten ein, für die man sich damals brennend interessierte. Benjamin zeigte sie die sowjetische Hauptstadt, wovon dessen »Moskauer Tagebuch« Zeugnis gibt. »Ich musste ihm ausführlich erzählen nicht nur vom Moskauer Theater, sondern auch von den neuen sozialistischen Sitten, von den Schriftstellern und Dichtern«, hielt die euphorische Bolschewikin in ihren Erinnerungen fest. Piscator unterstützte sie bei seinem Filmprojekt »Aufstand der Fischer von St. Barbara«, nach Anna Seghers, in Russland.

Ihre aufschlussreiche Monografie »Revolutionäres Theater in Deutschland«, die eine materialistische Bühnengeschichtsschreibung für die Zeit von 1900 bis 1930 darstellt, wurde nur auf Russisch publiziert. Der Aufstieg der Faschisten ließ das gewachsene Verhältnis fortschrittlicher Künstler in beiden Gegenden nur noch massiv erschwert bestehen. Lācis lebte fortan in Moskau, wo sie künstlerisch arbeitete und ihre Erfahrungen an der Kunsthochschule weitergab, um kurz darauf wieder mit einer Smolensker Theatergruppe durch die Sowjetunion zu reisen.

1938 wurde sie zu einer der vielen Leidtragenden in der bittersten Phase der sowjetischen Geschichte. Sie fiel dem kannibalistischen, also stalinistischen Prinzip zum Opfer, durch das sich die Revolution ihrer eigenen Protagonisten zu entledigen suchte. Erst wurde sie vom NKWD verhaftet, dann verbrachte sie zehn Jahre im Lager in der kasachischen Peripherie. Erst 1955, mit 15-jähriger Verspätung, erfuhr sie durch Brecht von der Flucht ihres ehemaligen Gefährten Benjamin vor den Faschisten.

Im lettischen Valmiera, wo sie mit dem deutschen Regisseur und Theatertheoretiker Bernhard Reich - eine weitere Bekanntschaft aus ihrer Zeit in der Weimarer Republik - zusammenlebte, wurde ihr die Leitung des Theaters übertragen. Ihr Anteil an der nur unter Schwierigkeiten möglich gewordenen Verbreitung des Werkes von Bertolt Brecht in der Sowjetunion kann kaum überschätzt werden. Der Kontakt zwischen ihr und Brecht sowie seiner Frau Helene Weigel lebte nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder auf und mündete in einem regen Austausch über die Fortentwicklung eines emanzipatorischen Theaters und in Besuchen in Ostberlin.

Im Zuge der Entstalinisierung wurde Lācis rehabilitiert, 64-jährig trat sie in die Kommunistische Partei ein und leitete für zwei weitere Jahre die Schauspielbühne in Valmiera. Ihren Lebensabend verbrachte sie in Riga, wo sie sich nicht zur Ruhe setzte, sondern ihr Werk, nunmehr als Theaterkritikerin, fortsetzte. 1979 ist sie gestorben.

»Revolutionär im Beruf«, so lautet der Titel eines 1971 in der Bundesrepublik erschienenen Buches, das ausgewählte Schriften der Lācis versammelt. Dieser ehrenwerte Versuch, ihr Andenken zu bewahren, war sicher ein wichtiger Schritt. Aber schwer ist es dennoch geblieben, der Künstlerin zu ihrem Recht zu verhelfen. Als Apologetin der Sowjetunion verdammt, wurde sie im Westen lieber ignoriert. Zudem teilt sie das Schicksal vieler Frauen, die im Schatten großer Männer zu verschwinden drohen. Dabei war sie eine höchst eigenständige, auch eigenwillige, Künstlerpersönlichkeit.

Für die Zeit, in der ein Interesse an revolutionärer Kunst wieder aufflammen wird, harren viele ihrer theoretischen Arbeiten der Übersetzung oder warten, verstreut in Archiven, auf ihre Wiederentdeckung. Asja Lācis hat es ernst gemeint - mit der Kunst und mit der Revolution. Ihr Nachdenken über das Theater, die engagierte, stetige Suche nach der besseren künstlerischen Lösung, die großzügige Art, mit der sie dem Kollektiv Vorrang gegeben hat vor der Einzelpersönlichkeit, und ihr emanzipatorischer Anspruch an die eigene Arbeit sind eine Inspiration.

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