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Mehr Drama

Der Suhrkamp Verlag gibt eine neue Reihe mit Theatertexten heraus

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 4 Min.

»Mein Drama findet nicht mehr statt«, heißt es in Heiner Müllers Stück »Die Hamletmaschine«. Im letzten Jahrhundert, früher also, als bekanntlich alles besser war, Theaterbesuche noch keine Freizeitbeschäftigung für wenige Exzentriker darstellten, Dramen noch stattfanden und sogar gelesen wurden, war die große Zeit für Bühnenautoren. 1959 begründete der Suhrkamp Verlag seine Buchreihe »Spectaculum«. In großformatigen, durchnummerierten Bänden mit Schutzumschlag wurden jeweils sechs Theaterstücke abgedruckt. Bertolt Brecht und Peter Weiss, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt hießen die Schriftsteller, deren Gegenwartsdramen einem interessierten Publikum in den ersten Ausgaben angeboten wurden. Botho Strauß und Peter Handke folgten in den kommenden Jahren. Auch vor internationalen Theatergrößen sperrte man sich nicht und publizierte etwa Samuel Beckett und George Bernard Shaw.

Über die Jahrzehnte wurden die prächtigen Bände zu Sammlerobjekten, die Reihe wurde stetig fortgesetzt. Bis das Theater einen kräftigen postmodernen Stoß versetzt bekam: Die Bühnen feierten das Spektakel lieber ohne »Spectaculum«, das Ereignis sollte bald wichtiger sein als der Theatertext, nach dem Sinn des Dargebotenen wurde besser gar nicht mehr gefragt. Die darstellende Kunst hat seitdem schwer an gesellschaftlicher Bedeutung eingebüßt und glaubte sich mit Nabelschau retten zu können.

2006 erschien dann also den Zeichen der Zeit entsprechend der vorerst letzte »Spectaculum«-Band mit der Nummer 77. Ein müder Versuch, ab 2013 mit stark reduziertem Umfang im Taschenbuchformat die Reihe wiederaufzunehmen, zeigte nicht so recht Wirkung. Man öffnete sich für verwandte Genres, druckte auch Opernlibretti und umfangreiche Interviews mit Theaterkünstlern. Es blieb aber dabei, dass das Drama nicht mehr stattfindet.

Nun ist die Reihe also endgültig beerdigt. Aber neue Zeiten sind auch an den Bühnen angebrochen. Allmählich glaubt man auch dort wieder an die Kraft der Worte, und den vielen Autorinnen und Autorenbegegnet man mit etwas mehr Anerkennung. Die gesellschaftliche Realität soll erneut ihre Abbildung im Theater finden.

Und der Suhrkamp Verlag traut sich noch einmal etwas und wartet in diesem Bücherherbst mit einer neuen dramatischen Reihe auf: »Suhrkamp Theater« lautet ihr schlichter Name. Schmale Bände mit einfarbigem Einband und bedrucktem Schnitt beinhalten jeweils ein Theaterstück nebst einem Fotoessay.

Den Anfang machen zwei Nachwuchsdramatiker, Enis Maci und Akın Emanuel Şipal. Maci wurde 1993 in Gelsenkirchen geboren. Ihre Theatertexte wurden unter anderem am Schauspiel Leipzig, am Nationaltheater Mannheim und am Schauspielhaus Wien gezeigt. Ihr Stück »Wunder«, das nun in Buchform vorliegt, umreißt in drastischer Sprache episodisch Fragen nach der Verletzlichkeit des menschlichen Körpers und nach dem Glauben in postreligiösen Zeiten.

Akın Emanuel Şipal, 1991 in Essen geboren, ist neben seiner Theaterlaufbahn auch als Drehbuchautor tätig. Seine Stücke waren am Nationaltheater Mannheim und am Theater Bremen zu sehen. Sein Text »Mutter Vater Land«, der nun ebenfalls bei »Suhrkamp Theater« erschienen ist, erzählt eine autobiografisch grundierte Familiengeschichte über drei Generationen, die sich an den Problemen einer deutsch-türkischen Identität abarbeitet. Jede Eindeutigkeit wird hier unterlaufen, durch die komplexe Konstruktion von Herkunft jeder einzelnen Figur.

Dass hier zwei Stimmen die Ehre zuteil wird, »Suhrkamp Theater« zu eröffnen, die zum einen noch am Anfang ihrer Autorenkarrieren stehen und zum anderen den Rufen nach anderen Geschichten als denen der sogenannten Mehrheitsgesellschaft gerecht werden, dürfte kein Zufall sein, sondern Ausdruck auch der Suche des Suhrkamp Verlags nach gesellschaftlicher Relevanz für das Theater.

Für das kommende Frühjahr sind zwei weitere Bände der Reihe angekündigt: Sivan Ben Yishai mit »Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)« und »Rand« von Miroslava Svolikova. Bis dahin darf man gespannt sein - oder sich selbst auf die Suche nach interessanten Texten machen, zum Beispiel im Theater.

Enis Maci: Wunder. Suhrkamp. 114 S., br., 16 €.

Akın Emanuel Şipal: Mutter Vater Land. Suhrkamp. 136 S., br., 16 €.

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