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Auch Indien strebt Klimaneutralität an

Regierung fordert höhere Finanzhilfen reicher Staaten

  • Von Christian Mihatsch, Glasgow
  • Lesedauer: 4 Min.

Indiens Premierminister Narendra Modi hat am Montagabend bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow angekündigt, dass sein Land spätestens ab dem Jahr 2070 klimaneutral wirtschaften will – 25 Jahre später als Deutschland. Am Tag zuvor hatte er noch die Abschlusserklärung des G20-Gipfels mitgetragen, laut der Klimaneutralität »bis zur oder um die Mitte des Jahrhunderts« erreicht werden soll.

Klimaneutralität bedeutet, dass nur so viel Treibhausgase ausgestoßen werden, wie etwa in Ozeanen und Wäldern aufgenommen sowie künstlich gelagert werden können. »Ich wusste, dass Indien bei der UN-Klimakonferenz schlecht dastehen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlecht sein würde. Modi übertrifft wie immer die Erwartungen«, twitterte daraufhin die indische Klimaaktivistin Disha Ravi mit Blick auf das Zieljahr 2070. Andere Beobachter werteten die Ankündigung Modis deutlich positiver, denn auch Großemittent Indien strebt nun Klimaneutralität an. »Das ist groß, sehr groß«, erklärte Siddarth Singh von der Internationalen Energieagentur. »Dies wird sich auf alles auswirken – Energieversorgung, Verkehr, Industrie, Luftqualität, Arbeitsplätze.«

Modi kündigt massiven Ausbau der Erneuerbaren an

Ein Grund für die unterschiedliche Bewertung dürfte darin liegen, dass Modi noch vier weitere Klimaziele bekannt gegeben hat. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen pro Rupie Wirtschaftsleistung um 45 Prozent sinken statt um 33 Prozent. Dies soll durch massiven Ausbau der Erneuerbaren erreicht werden. Indien will in den nächsten zehn Jahren die Wind- und Solarkraftkapazität auf 500 Gigawatt steigern. Bislang bringt es der gesamte Kraftwerkspark des Landes auf 380 Gigawatt. Laut Ankündigung soll der Strommix im Jahr 2030 zur Hälfte aus Grünstrom bestehen.

Durch die Verschärfung der Ziele will Indien bis dahin eine Milliarde Tonnen CO2 weniger ausstoßen, als bislang geplant. Aus Sicht von Madhura Joshi vom Umweltthinktank E3G, sind diese Kurzfristziele entscheidend: Damit habe Modi »Indien fest auf einen sauberen Energiepfad gesetzt, der bis 2070, möglicherweise sogar früher, zu einer Netto-Null-Energieversorgung führen kann. Jetzt ist die Bühne frei für eine Wende bei den sauberen Investitionen.«

Positiv wertet auch Thomas Hale, Klimaforscher an der Universität Oxford, die Ankündigungen: »Vor einem Jahr hätte niemand erwartet, dass Indien auf der diesjährigen Konferenz ein Netto-Null-Ziel ankündigen würde. Aber das ist die Natur von Wendepunkten. Sobald die kritische Masse erreicht ist, ist es sehr schwer, nicht mitzumachen.«
Damit bezieht sich Hale auf das Gewicht der Staaten, die mittlerweile ein Netto-Null-Ziel haben. Mit der Ankündigung Indiens werden nun 88 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in Ländern erbracht, die ein solches Ziel haben. Dazu gehören die EU, USA, China, Japan, Südkorea und einige andere. Noch deutlicher wird das aus anderem Blickwinkel: Da 93 Prozent der Kohleverstromung auf Länder mit einem solchen Ziel entfallen, ist der globale Kohleausstieg nur noch eine Frage der Zeit.

Ein Billion Dollar pro Jahr – »so früh wie möglich«

Modi ist allerdings nicht nur mit neuen Klimazielen nach Glasgow gekommen sondern auch mit einer Forderung: Er will, dass die Industriestaaten ihre Klimahilfen von heute knapp 100 Milliarden Dollar pro Jahr »so früh wie möglich« auf eine Billion Dollar pro Jahr verzehnfachen. Und dann erinnerte Modi an das gebrochene Versprechen der Industriestaaten, den Entwicklungsländern schon ab dem Jahr 2020 mit jährlich 100 Milliarden Dollar bei der Anpassung an die Erwärmung und bei der Emissionsreduktion zu helfen. »Heute müssen wir nicht nur die Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels verfolgen, sondern auch die Klimafinanzierung.« Damit signalisierte Modi den Industriestaaten für die in Glasgow anstehenden Verhandlungen, dass Indien nun in seinen Augen in Vorlage gegangen ist und der Ball nun bei den Industriestaaten liegt.
Aus Sicht des Staatssekretärs im Bundesumweltministerium, Jochen Flasbarth, ist Indien aber noch gegenüber einem anderen Land in Vorlage gegangen: »Die Rolle von China ist enttäuschend. Es ist überholt worden von anderen Schwellenländern.« Dabei will China zehn Jahre vor Indien klimaneutral sein.

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