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El-Hassan im Visier der Rechten

Die Moderatorin Nemi El-Hassam ist beim WDR entlassen worden - daran trägt auch die »Bild« eine Schuld

  • Von Christian Klemm
  • Lesedauer: 3 Min.

Die »Bild« hat schon viele Menschen zu Fall gebracht. Eines der prominentesten Opfer der Boulevardzeitung mit AfD-Schlagseite ist Ex-Bundespräsident Christian Wulff (CDU). Nun muss die Journalistin Nemi El-Hassan dran glauben: Nach einer von »Bild« initiierten Kampagne – Schlagzeile: »Islamismus-Skandal beim WDR« – hat der Westdeutsche Rundfunk die Zusammenarbeit mit El-Hassan beendet. Ursprünglich sollte die Journalistin dort die Wissenschaftssendung »Quarks« moderieren.

»Bild« warf El-Hassan vor allem vor, ein falsches Verständnis des Begriffs »Dschihad« verbreitet und 2014 an dem Berliner Al-Quds-Marsch teilgenommen zu haben – einer Gruselveranstaltung, auf der Antisemiten, extrem Rechte, Hisbollah-Fans und Pro-Palästina-Aktivisten mitlaufen. Nach der »Enthüllung« aus dem Hause Springer brach eine Welle des Hasses auf die Moderatorin ein. Tenor: Eine Juden- und Israelfeindin wie Nemi El-Hassan könne doch keine von öffentlichen Gelder finanzierte Sendung moderieren! Auch eine Entschuldigung von ihr im »Spiegel« half nicht, den Shitstorm zu stoppen. Passenderweise vermeldete der Leiter des Parlamentsbüros von »Bild«, Ralf Schuler, den Rausschmiss El-Hassans auf Twitter so: »Aus für Skandal-Moderatorin beim WDR @BILD«. Mehr als 1000 Likes hat die Nachricht bisher einsammeln können.

Das Aus beim WDR brachte dann aber ein Gastbeitrag von El-Hassan, der vor wenigen Tagen in der »Berliner Zeitung« unter dem Titel »Ich bin Palästinenserin – deal with it!« veröffentlicht wurde. Darin schreibt sie unter anderem: »Der WDR hat sich – in der Hoffnung, sich selbst aus der Schusslinie zu ziehen – allen Argumenten der Bild-Zeitung angeschlossen und somit auch zukünftigen Kampagnen Tür und Tor geöffnet.« Die Worte El-Hassans versetzte die Verantwortlichen im Sender offenbar so sehr in Rage, dass sie der Journalistin den Stuhl vor die Tür setzen. »Das Vertrauen für eine künftige Zusammenarbeit ist nicht mehr vorhanden«, heißt es in einer Stellungnahme, in der der 28-Jährigen auch das Löschen von Likes in den Sozialen Medien vorgeworden wird. El-Hassan hatte Likes für Beiträge der Jewish Voice for Peace verteilt, einer Organisation, die die Boykottbewegung gegen israelische Produkte unterstützt.

El-Hassan macht sowohl eine Kampagne gegen sich als auch gegen Menschen muslimischen Glaubens aus. »Damit wollen sie möglichst viele Menschen muslimischen Glaubens aus der Öffentlichkeit hinausdrängen«, so der Vorwurf. In der Tat schwingt in der Diskussion ein antimuslimischer Rassismus mit. Nicht nur, dass rechte Accounts den Abgang der Journalistin auf Twitter lautstark beklatschen (»Antisemitische Islamismus-Fetischisten haben in unserer Mitte keinen Platz. Gut, dass Nemi El-Hassan nun von der Bildfläche verschwindet.«). Recherchen von »Zeit online« haben außerdem deutlich gemacht, dass extrem Rechte die Vorwürfe gegen El-Hassan zuerst öffentlich gemacht hatten. Das Ziel dieser Leute war es natürlich nicht, die Frau deshalb bloßzustellen, weil sie angeblich eine schlechte Journalistin sei. Der Grund liegt wohl eher darin, dass sie muslimischer Herkunft ist. Rechte schwadronieren immer wieder von einer »Umvolkung des deutschen Volkes«. Ob Springer-Mitarbeiter sich nun auf die veröffentlichten Bilder gestützt haben oder bereits vorher davon wussten, ist nebensächlich. Fakt ist: Die Vorwürfe haben durch »Bild« erst große Reichweite bekommen. Damit ist diese »Zeitung« wesentlich dafür verantwortlich, dass Nemi El-Hassan geschasst wurde.

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