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Produktivkraft Patriarchat

Die marxistische Theoretikerin Silvia Federici kritisiert seit Jahrzehnten Geschichte und Gegenwart des bürgerlichen Geschlechterverhältnisses. Ihr jüngst erschienenes Buch »Das Patriarchat des Lohns« versammelt Aufsätze seit 1975

  • Von Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 6 Min.
Pflege als Lohnarbeit erleichtert zumindest den gemeinsamen Arbeitskampf: Organisierte Pflegekräfte auf einer Demonstration 2018 im englischen Birmingham
Pflege als Lohnarbeit erleichtert zumindest den gemeinsamen Arbeitskampf: Organisierte Pflegekräfte auf einer Demonstration 2018 im englischen Birmingham

In den späten 1960er Jahren begann in Europa und den USA eine Massenorganisierung, die als Zweite Frauenbewegung in die Geschichte eingehen wird. Die Aktivistinnen stammten aus der Studentenbewegung und der sogenannten Neuen Linken, richteten sich allerdings in ihrer Kritik explizit auch gegen ihre eigenen Milieus - wenn auch auf der Basis eines gemeinsamen Strebens nach menschlicher Emanzipation. Oder besser gesagt, auf der Basis der Anerkennung einer Patriarchatskritik als Bedingung der Möglichkeit für diese Befreiung. Dass die Frauen hier keine Stellvertreterinnenpolitik betrieben, sondern ganz unmittelbar aus eigener Unterdrückung heraus und gegen diese handelten, zeigte sich unter anderem in der Reaktion der »Studentenführer« auf das feministische Anliegen. Durch aggressive Zurückweisung und paternalistischer Lächerlichmachung versuchten die Herren Revolutionäre, den Angriff auf die bestehende Arbeitsteilung zu verhindern. Diese garantierte ihnen immerhin selbst die Selbstverwirklichung in der APO (und danach das Füße-Hochlegen oder Schlimmeres Zuhause), weil die Frauen die Maloche für Heim, Herd, Kind sowie politische Assistenztätigkeiten erledigten.

Eine der Protagonistinnen dieser Zweiten Frauenbewegung war die Italoamerikanerin Silvia Federici. Sie propagierte 1975 den »Aufstand aus der Küche«, verbunden mit der polemischen Forderung nach »Lohn für Hausarbeit«. Ihre mittlerweile legendäre Streitschrift »Counter-planning from the Kitchen. Wages for Housework: A Perspective on Capital and the Left« erschien jüngst erneut in dem Aufsatzband »Patriarchy of the Wage« (»Das Patriarchat des Lohnes«). Das Buch versammelt Texte Federicis, die in ihrer chronologischen Anordnung von 1975 bis 2020 eine kleine Werkschau bilden. Deutlich erkennbar wird hier die Kontinuität, mit der die marxistische Feministin in ihrem Werk die Kategorien Geschlecht, Sorgearbeit, Sexualität und Klasse bearbeitet.

Historisch-kritische Analysen

Eigentlicher Schauplatz von Federicis Analysen ist die Sphäre der Reproduktion, der früher als »Hausarbeit« zusammengefassten Tätigkeiten. Deren bis heute klar weibliche Konnotation begreift sie als Produkt eines historischen Vorganges: der »Verbannung der Frau in die Küche« im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Hierbei handele es sich keineswegs um einen natürlichen, sondern um einen intentionalen Prozess - um Klassenkampf von oben, der an einen »männlich« definierten, also auf die Produktionssphäre beschränkten Arbeitsbegriff anknüpfen konnte. Der Vorteil der Bourgeoisie, den diese durch die unbezahlten Reproduktionsarbeiten erziele, basiere insofern auf der Kollaboration der männlichen Arbeiter. Als wichtiges Moment in diesem Prozess kommt Federici immer wieder auf die Einführung des sogenannten Familienlohns zurück, den eine Mehrheit der organisierten Arbeiter gegen den Willen der Arbeiterinnen forderte. Er verlieh den lohnarbeitenden Männern als alleinigen Verdienern die absolute Kontrolle über ihre Ehefrauen, das zugehörige Ermächtigungsgefühl eingeschlossen. Diese patriarchale Hierarchisierung habe die Arbeiter*innenklasse faktisch gespalten, wie Federici unter anderem in dem Aufsatz »The Construction of Domestic Work in Nineteenth-Century England and the Patriarchy of the Wage« (2016) ausführt.

Weit davon entfernt, die marxistische Theorie aufgrund ihrer Mängel zu verwerfen, widmete Federici ihr Lebenswerk deren notwendiger Erweiterung um die Dimension des Geschlechterverhältnisses. Dies bedeutet für sie eine Dreifach-Analyse der klassenvermittelten Männerherrschaft: Die Kritik der realen Strukturierung der Gesellschaft durch das Patriarchat, die Prägung der marxistischen Theoriebildung durch diese (materielle und ideelle) Struktur sowie die patriarchale Formation der Arbeiter*innenbewegung. Dabei lässt sich über zentrale Thesen Federicis durchaus streiten. So etwa über ihre Annahme - ausgeführt unter anderem in den Aufsätzen »Capital and the Left« und »Gender and Reproduction in Marx’s Capital« (beide von 2017), dass auch die Reproduktion der Ware Arbeitskraft, nicht nur ihre Anwendung, wertbildend sei. Dennoch erfüllt die Theoretikerin zweifellos eine der zentralen Aufgaben materialistischer Forschung: Die Rekonstruktion sozialer Phänomene als von Menschen hergestellt, historisch spezifisch und insofern eben auch veränderlich.

Aktualität des Werks

Und wie brauchbar sind Federicis Analysen für ein kritisches Verständnis der gegenwärtigen Organisierung der Reproduktion, etwa des Systems Pflege? Im Vorwort zu »Das Patriarchat des Lohnes« schreibt sie: »Für eine Definition dessen, was Arbeit ausmacht, ist eine feministische Perspektive von entscheidender Bedeutung, denn sie macht sichtbar, inwieweit der Kapitalismus auf unbezahlte Arbeit angewiesen ist, wie er jeden Aspekt des Körpers und des Lebens von Frauen zur Produktivkraft gemacht hat und dass große Arbeitsbereiche in der kapitalistischen Gesellschaft nicht von Maschinen übernommen werden können.«

Nun gehören Pflegetätigkeiten zweifellos zu diesen nicht-automatisierbaren Arbeitsbereichen, bis heute oft verrichtet von Frauen in der Privatheit des eigenen Zuhauses, in dem auch die zu pflegende Person lebt, zumeist ein Familienmitglied. Aber entgegen Federicis Analyse verlässt sich das Kapital offenbar nicht für immer auf die unbezahlt-privat verrichtete Arbeit. Im Gegenteil wurde der Bereich Pflege in den reichen Industriestaaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die kapitalistische Verwertung erschlossen. Pflege wurde erstens kommodifiziert, also zur Ware gemacht und in Form von Lohnarbeit verrichtet, zweitens räumlich ausgelagert in Unternehmen, welche die zu pflegenden Personen getrennt von ihren Familienzusammenhängen unterbringen. Diese Pflegeheime sind in aller Regel kapitalistische Betriebe, die aus der Versorgung alter und kranker Menschen Profit schlagen, also die Erwirtschaftung von Gewinn im Zweifelsfall über das Wohlergehen der Bewohner*innen stellen müssen.

Unverzichtbare Ideologiekritik

Angesichts dieser Entwicklungen erweist sich auch Federicis Forderung »Lohn für Hausarbeit« weniger als Lösung des Problems denn als strategisches Instrument zur Sichtbarmachung vormals »unsichtbarer« Arbeit - es erfasste die Situation im Jahr 1975 treffend, greift heute allerdings zu kurz. Ansonsten ließe sich nämlich mit Federici an dieser Stelle folgender Schluss ziehen: Dass die emotional, körperlich und zeitlich höchst aufwendigen Pflegetätigkeiten nun nicht mehr individualisiert und unbezahlt erledigt werden müssen, sei ein gesellschaftlicher Fortschritt. Stattdessen lässt sich mit Federici hier einwenden: Nein. Der »Glaube in die letztlich progressive Funktion des Kapitalismus« sei der »problematischste Aspekt« im Werk von Karl Marx, schreibt sie im Vorwort zu »Das Patriarchat des Lohnes«. Sie richtet sich mit dieser Kritik zwar zunächst an die historische Arbeiter*innenbewegung und den historischen Realsozialismus mit seinem fatalen Programm der nachholenden Industrialisierung. Beides ist Geschichte. Aber der Glaube, dass die freie Marktwirtschaft wirklichen Fortschritt bringe, ist quicklebendig - und entlarvt sich doch gerade am katastrophalen Zustand des (deutschen) Pflegesystems, wie jeder Glaube, als Ideologie.

Federicis Erkenntnisse sind also durchaus brauchbar als Instrument für die Analyse aktueller Vorgänge wie der fortschreitenden Verwertung reproduktiver Tätigkeiten. Zwar überlagert der an sich »geschlechtsneutrale«, allgemeine Imperativ der Profitabilisierung tendenziell die patriarchale Ordnung der Tätigkeiten, sprich, in Pflegeheimen werden längst auch männliche Pflegekräfte ausgebeutet. Aber das Kapital profitiert auch weiterhin von der vergeschlechtlichen Abwertung bestimmter Tätigkeiten, indem es sie als Nicht-Arbeit definiert und entsprechend nicht entlohnt. Phänomene wie dieses lassen sich mit Federici in ihrer historischen Genese und Vielschichtigkeit begreifen - und ihre Kritik der Naturalisierung bürgerlicher Herrschaft, zumal in Hinblick auf das Geschlechterverhältnis, bleibt unverzichtbar.

Silvia Federici: Patriarchy of the Wage. Notes on Marx, Gender, and Feminism. PM Press 2021, br., 123 S., 16 €.

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