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Stationäre Versorgung vor dem Umbruch

Krankenhäuser erwarten viele neue Covid-19-Patienten und einen Rettungsschirm - aber auch bessere Rahmenbedingungen

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.
Intensivpfleger bereiten sich darauf vor, einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation der Leipziger Uniklinik in die Bauchlage zu drehen.
Intensivpfleger bereiten sich darauf vor, einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation der Leipziger Uniklinik in die Bauchlage zu drehen.

Für die Krankenhäuser hierzulande braut sich gerade wieder einiges zusammen, insbesondere die Intensivstationen stehen vor neuer Überlastung. Die Zahl der dort betreuten Covid-19-Fälle steigt weiter und stetig, nur mit dem Unterschied zum Beginn der Pandemie, dass jetzt 5000 Betten weniger belegt werden können, davon 3000 mit Beatmung. Tausende Pflegekräfte haben ihre Tätigkeit im letzten Jahr wegen permanenter Überlastung aufgegeben. In einigen Bundesländern, vor allem im Süden und Südosten, bewirken die steigenden Zahlen von Covid-19-Patienten bereits, dass planbare Operationen abgesagt oder Kranke in weiter entfernte Kliniken verlegt werden. Die Gesamtauslastung der Intensivstationen wurde vom Vorsitzenden der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, schon Ende letzter Woche auf fast 90 Prozent beziffert. Ein solch hoher Wert werde normalerweise erst auf dem Höhepunkt der Grippe- und Unfallsaison im Winter erreicht.

Neuer Spitzenwert von Corona-Intensivpatienten befürchtet

Auf dem Krankenhaustag, der in der ersten Hälfte dieser Woche stattfindet, musste der DKG-Chef nachlegen: Auf den Intensivstationen werden aktuell 3100 Covid-19-Patienten versorgt, und ein Spitzenwert von 4000 Patienten wird wohl nicht zu verhindern sein. In den vergangenen 20 Monaten der Pandemie habe es die Politik nicht geschafft, die Bevölkerung »noch stärker mitzunehmen«, monierte Gaß am Montag. Benötigt werde ein wirksamer Rettungsschirm für alle Krankenhäuser auch über das Jahresende hinaus.

Auf der Veranstaltung, die zeitlich parallel zur Medizinmesse Medica in Düsseldorf stattfindet, werden die großen Zukunftsfragen der stationären Versorgung in Deutschland ein um das andere Mal diskutiert - zumal sich die neue Regierungskoalition noch nicht festgelegt hat. Es geht um die Planung der Häuser, also ihre Ausstattung und Verteilung in den Bundesländern, um ihre Abrechnung über die immer häufiger kritisierten Fallpauschalen, oder um die Ausweitung der ambulanten Versorgung. Bei all diesen Themen kommt man in der Praxis nur mühsam voran, auch weil der Gesetzgeber die Regeln nicht verändert. Ein großes Problem ist die sektorale Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Fast jeder Krankenhauspatient kann ein Lied davon singen, wie holprig allein die Vermittlung von Medikationen zwischen Klinikärzten und zum Beispiel niedergelassenen Hausärzten abläuft.

Was die aktuelle Organisationsform für die Kranken bedeutet, steht auf dem Krankenhaustag nicht im Vordergrund. Mitunter scheint auf, dass es anders und besser gehen kann, etwa wenn (auch nicht zum ersten Mal) das Prozedere erläutert wird, nach dem in den USA bei Eingriffen im Krankenhaus ein »informiertes Einverständnis« zu Therapien und Operationen erreicht wird.

Auch Kliniken wollen regelhaft ambulant behandeln

Die ungleiche Vergütung gleicher Leistungen in den beiden Sektoren ist nur ein Problem, das gelöst werden muss. Eine regelhafte ambulante Versorgung könnte nach den Vorstellungen der Krankenhausleitungen durchaus auch an Kliniken stattfinden. Medizinische Versorgungszentren (MVZ), oberflächlich betrachtet Nachfolger der in der DDR üblichen Polikliniken, erscheinen dabei Krankenhausvertretern »ein interessantes Modell«. Dafür spricht sowohl der stetige Rückzug niedergelassener Ärzte aus ländlichen Regionen als auch der Wunsch junger Ärzte, angestellt zu arbeiten. »Zudem werden schon bestehende Versorgungslücken noch größer werden, weil viele niedergelassene Ärzte in den kommenden Jahren das Rentenalter erreichen«, erklärte etwa Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands.

Das Interesse an den MVZ auch bei den Klinikleitungen ist nicht überraschend, stieg doch die Zahl der Zentren in Krankenhausträgerschaft in den vergangenen Jahren schneller als die Zahl jener, die von Ärzten betrieben werden.

In dieser Frage folgt die Entwicklung der Versorgung, mangels politischer Weichenstellung, dem Geld. So bilden Abrechnungsfragen rund um die Fallpauschalen ein wichtiges Diskussionsthema, ebenso die chronisch unzureichende Investitionsfinanzierung seitens der Bundesländer. Die DKG fordert von der Politik ein Zielbild für die Krankenhauslandschaft der Zukunft. Man müsse wegkommen vom kalten Strukturwandel über engere finanzielle Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser. Gemeint ist damit, dass derzeit ein großer Teil der Krankenhäuser rote Zahlen schreibt und es ohne politische Eingriffe zu Schließungen - oder mit solchen Entscheidungen von Ländern und Kommunen zu Kooperationen und neuen Ansätzen für die Planung kommen kann.

Nach Daten des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung haben zuletzt viele Kliniken weiterhin Gewinne erwirtschaftet, was auch mit Corona-Ausgleichszahlungen zusammenhängen könnte. Ein Drittel der Krankenhäuser allerdings hatte rote Zahlen in der Bilanz. Im Jahr 2019 wurden deutschlandweit 1914 Krankenhäuser gezählt - 170 Häuser weniger als noch zehn Jahre zuvor.

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