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Im Zweifel für die Inklusion

Das IOC legt neue Richtlinien zum Umgang mit inter und trans Frauen im Sport vor

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 6 Min.
Caster Semenya (vorn) wurde zuletzt aufgrund fehlerhafter Studien ein Startverbot erteilt.
Caster Semenya (vorn) wurde zuletzt aufgrund fehlerhafter Studien ein Startverbot erteilt.

Wer die Frage beantworten will, ob inter und trans Menschen in sportlichen Frauenkonkurrenzen antreten dürfen, begibt sich in ein Minenfeld, das in den vergangenen Jahren immer dichter geworden ist. Trotzdem hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) einen Schritt hineingewagt. Das ist nicht immer seine Art, doch wer Minen entschärfen will, muss sich ihnen nun einmal nähern. »Dieses Thema ist hochpolitisch. Es scheint, man muss sich zwischen zwei Extremen entscheiden: für Frauen im Sport oder für Transgender im Sport; für Verbannungen und Zwang zu medizinisch unnötigen Eingriffen oder für die Aufgabe aller Grenzen«, beschrieb Katia Mascagni, Leiterin der IOC-Abteilung für öffentliche Angelegenheiten, die Krux gleich zu Beginn einer etwa einstündigen Präsentation am Dienstagabend, die den Umgang mit inter und trans Frauen in Zukunft verändern dürfte. Um es vorwegzunehmen: Das Minenfeld ist längst noch nicht geräumt, von allen Seiten kommt Kritik, und doch kann es ein Schritt vorwärts sein.

Das IOC hat Richtlinien entwickelt, mit denen einzelne Sportfachverbände ihre eigenen Regeln aufstellen sollen, wer antreten darf und wer nicht. An zehn Prinzipien sollen sie sich dabei halten. Darunter sind Fairness, Inklusion, die Ablehnung von Diskriminierung und unnötigen medizinischen Eingriffen sowie die Pflicht zur wissenschaftlichen Beweisführung. Halten sich die Verbände daran, wäre es das Ende von allgemeingültigen Grenzwerten wie dem von 10 mmol Testosteron pro Liter Blut, den Athletinnen zuletzt nicht überschreiten durften. Für ein Startverbot müsste nun bewiesen werden, dass der Athletin ein natürlich höherer Wert in ihrem Sport einen signifikanten Vorteil verschafft.

Im Sommer war unter anderem der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya das Startrecht über 800 Meter bei Olympia in Tokio verweigert worden. Da sie sich geweigert hatte, ihren Testosteronspiegel medikamentös zu senken, konnte sie sich ihren Traum vom dritten Gold nicht erfüllen. Dem Startverbot war eine Studie des Leichtathletikweltverbands World Athletics (WA) vorausgegangen, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Testosteron und sportlicher Leistungsfähigkeit aufstellte, deren Validität jedoch kurz nach den Spielen von den Wissenschaftlern selbst infrage gestellt wurde. Ob Semenya nun wieder über ihre Lieblingsstrecke rennen darf, hängt davon ab, ob WA seine Regeln umschreibt. Genau für diesen Prozess sollen nach Wunsch des IOC die neuen Richtlinien genutzt werden.

Für trans und inter Athletinnen klingt das zunächst nach einem Fortschritt, aber: »Unser neuer Rahmen ist rechtlich nicht bindend«, stellte Kaveh Mehrabi, IOC-Direktor für Athletenangelegenheiten klar. Die größte Kritik lautet daher, dass die Verantwortung nur weitergeschoben werde und zudem Verbände nicht bestraft werden, sollten sie die Richtlinien missachten. IOC-Sprecher Christian Klaue verteidigte dennoch das Vorgehen: »Das IOC kann nicht jeden Sport regulieren. Das ist Sache der Verbände. Aber wir sollten nicht immer gleich davon ausgehen, dass sie keine Lösungen finden wollen. Wir halten uns auch nicht raus, denn wir bieten unsere Hilfe, unser Wissen und Geld für weiterführende Forschung an«, so Klaue.

Tatsächlich ist die Macht des IOC so groß, dass sich kein Verband offen gegen die Richtlinien stellen dürfte. Zuletzt war dem Boxverband Aiba das eigene Olympiaturnier vom IOC entzogen worden, weil er Forderungen nach einem härteren Kampf gegen Korruption zu lange missachtet hatte. Auch die Entscheidung, das Reiten mittelfristig aus dem Programm im Modernen Fünfkampf zu streichen, soll auf Druck des IOC getroffen worden sein. Schließlich riskiert kein Verband den Ausschluss von Olympia - und damit verbunden: den Verlust von viel Geld.

Genau das fürchten jene, die zuletzt immer lauter für ein striktes Startverbot von trans und inter Menschen eingetreten sind. Sie werfen dem IOC vor, mit seinen Richtlinien das Ende des Frauensports zu besiegeln, als dessen Verteidiger sie sich in pseudo-feministischer Art darstellen. »Inklusion von trans Frauen (Männern) ist dem IOC wichtiger als Fairness für Frauen«, lautete ein Post, wie er in einigen Varianten von vielen Twitter-Usern am Mittwoch zu lesen war. Ihre Bewegung hat zuletzt vor allem in konservativen Kreisen der USA Zulauf gewonnen. Sie postulieren, dass ein höherer Testosteronwert automatisch Vorteile bringe und dass »normale« Cis-Frauen - etwa in Kampfsportarten - einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt wären.

»Medizinische Untersuchungen zeigen aber, dass sportliche Leistungen nicht proportional mit einem natürlichen Testosteronspiegel steigen«, entgegnete der medizinische IOC-Direktor Richard Budgett. Zudem schließen die neuen Richtlinien Startverbote nicht aus. Wird ein Vorteil oder ein erhöhtes Verletzungsrisiko nachgewiesen, können Sportlerinnen weiterhin von Wettkämpfen ausgeschlossen werden.

Die Lösung ist noch nicht gefunden

Das Vorteilsargument ist allerdings heikel. Schließlich dachte niemand daran, Usain Bolt von Wettbewerben auszuschließen, selbst wenn die Fachwelt davon ausgeht, dass er mit besonderen Proportionen und Muskelfasern gesegnet ist, die ihm in seiner aktiven Zeit als Sprinter einen signifikanten Vorteil verschafft hatten. Es fordert auch niemand ein Längenlimit im Volleyball, weil größere Athleten im Vorteil wären - oder im Turnen, wo kleinere Sportler schnellere Salti drehen können.

Wettbewerbe für Frauen wurden jedoch eingeführt, um ihnen Siegchancen zu geben, die sie gegenüber Männern im Spitzensport in der Regel nicht hätten. »Cis-Frauen wollen mit Recht Fairness bewahren. Aber wir wählen jetzt einen anderen Weg, diese zu erreichen. Anstatt zu definieren, wer eine Frau ist, schauen wir lieber auf reale Leistungsunterschiede«, sagte Katia Mascagni. Und im Zweifel sei für die Inklusion zu entscheiden.

Die Frauenkategorie zu schützen in einer Gesellschaft, die sich immer mehr vom binären Geschlechterkonstrukt löst, ist das Problem, das der Sport lösen muss. »Wir haben diese Lösung noch nicht gefunden«, gibt IOC-Sprecher Christian Klaue unumwunden zu. Aber der Ansatz, einige Sportlerinnen auszuschließen, nur weil sie anders aussehen oder angenommen wird, dass sie einen unfairen Vorteil hätten, wird fallen gelassen.

Hoher Handlungsdruck auf dem IOC

Die IOC-Vertreter legten in Lausanne Wert darauf, dass ihr neuer Katalog kein Schnellschuss sei. »Dieser Prozess dauert bereits drei Jahre an«, sagte Kaveh Mehrabi. Mit Experten aus den Bereichen der Menschenrechte, Medizin und Justiz sei ebenso gesprochen worden wie mit Cis-Athletinnen sowie trans und inter Sportlerinnen. »Wir haben alle gehört, die davon betroffen sind«, so Mehrabi.

Dabei stand das IOC unter erheblichem Druck. Die Ärztevertretung »World Medical Association« hatte seinen Mitgliedern davon abgeraten, medizinisch unnötige Medikamente zu verabreichen, um Grenzwerte einzuhalten. Auch die Uno hatte derlei Regularien als Verstoß gegen die Menschenrechte eingestuft. Dennoch verabschiedeten konservative Bundesstaaten in den USA zuletzt vermehrt Gesetze, die es Transgendern verbieten, gegen andere Frauen anzutreten. Kurzum: Eine weitere Verschiebung des Themas kam nicht mehr infrage.

Den Fachverbänden wird dennoch kein Ultimatum gesetzt. Nicht alle müssen bis zu den nächsten Sommerspielen 2024 neue Regelwerke einführen, zumal sich derzeit auch nur sehr wenige Verbände überhaupt mit dem Problem konfrontiert sehen. Dennoch werden ihnen ab März 2022 erste Seminare angeboten, wie sie zu neuen Bestimmungen kommen können, sofern sie die denn wollen.

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