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Die Inszenierung des Zufalls

Nicht soviel über ihn lesen, Bowies Look anschauen! Der Bildband »David Bowie: Foto«

  • Von Uwe Schütte
  • Lesedauer: 5 Min.
Held irritierender Wirkungen: Bowie
Held irritierender Wirkungen: Bowie

Über David Bowie ist schon so viel geschrieben worden, dass seine faszinierende Person und sein wirklich singuläres Werk unter der ganzen Masse der Veröffentlichungen fast schon begraben wurde. Allerdings ist es das Schicksal des Klassikers - und Bowie ist ja durchaus so etwas wie der Goethe der Popmusik -, dass nicht nur jede Facette seines Lebens und seiner Musik ausgeleuchtet wird, sondern seine Pop-Persona darüber hinaus in alle Verwertungsmechanismen von Kulturindustrie bis Kunstmarkt eingespannt wird.

Was den Buchmarkt betrifft, so gibt es neben solchen Detailstudien wie »Bowie und Berlin« (Tobias Rüther, 2009) oder »Bowie’s Bookshelf« (John O’Connell, 2019) mittlerweile viele Interviewsammlungen, mehrere Songtextanalysen sowie eine ganze Reihe an Comics als auch Wimmelbücher und andere Paraphernalia für die Kleinen zur Heranführung an einen Großen der Popkultur. Was umfassende Biografien betrifft, so stellt David Buckleys fulminantes Porträt »Strange Fascination« (1999), das von Bowie selber als bestes Buch über sich betrachtet wurde, unverändert den Goldstandard dar, wenngleich etwa zuletzt Dylan Jones (»David Bowie: A Life«, 2018) oder Will Brooker (»Why Bowie Matters«, 2019) lesenswerte Bücher verfasst haben, die seine letzten zwei Alben und Lebensjahre berücksichtigen.

Was tun also angesichts der veritablen Schwemme an Bowie-Büchern? Einen naheliegenden und eleganten Ausweg aus dieser vermaledeiten Lage liefert der massive Bildband »David Bowie Foto«, dessen schlichter Titel hält, was er verspricht: auf 350 Seiten sind die besten Aufnahmen aus allen Werkphasen und Lebensabschnitten Bowies enthalten. »The Definitive Photographic Collection« lautet daher der zutreffende Untertitel der Originalausgabe. Das im Verlag Salz und Silber erschiene Schwergewicht liefert insofern einen repräsentativen Querschnitt durch die existierenden Bowie-Fotobände und präsentiert zugleich eher unbekanntes Fotomaterial.

Die Collage aus 90 quadratischen Fotos auf dem Buchcover - die, gleich einem Mosaik, das aus den mannigfaltigen Posen und Selbstinszenierungen entstehende Erscheinungsbild des Künstlers zusammensetzt - verdeutlicht bereits eindrücklich, warum in Sachen Bowie ein Bild durchaus mehr zu sagen vermag als viele Worte: Popmusik, das ist auch bei Bowie nicht nur die ansteckende Musik, sondern mehr noch die Haltungen, Looks und Stilisierungen, die über die visuelle Komponente transportiert werden. Gerade sein legendäres, chamäleonartiges Veränderungsvermögen ist bekanntlich das Kennzeichen des Popkünstlers Bowie, wenngleich sich seine Bedeutung als Pop-Persona keineswegs darin erschöpft, nicht festlegbar zu sein.

Um wirklich ganz begreifen zu können, welche emanzipierende Wirkungsmacht die androgyne Inszenierung zu »Ziggy Stardust«-Zeiten, inklusive Bowies strategisches Bekenntnis beziehungsweise Stilisierung zur Bisexualität samt Bühnenküssen mit Mick Ronson, besaß, muss man wohl im spießigen England zu Beginn der 1970er Jahre aufgewachsen sein. Es gibt unzählige Zeugnisse, die davon berichten, wie Bowie seinen Hörern nicht nur in dieser Phase der Karriere den Mut gab, anders zu sein, als die Gesellschaft es erwartete.

»David Bowie Foto« enthält auch die ikonischen Aufnahmen der »Aladdin Sane«-Ära, in denen Bowie als artifizielles, intersexuelles Wesen erscheint, ergänzt durch Erinnerungen des Fotografen Justin de Villeneuve, aus denen hervorgeht, dass das, was wie ausgetüftelte visuelle Inszenierung aussieht, Zufall und Augenblickseinfall war. Auch jeder der anderen 25 Fotografen steuerte jeweils einen kurzen Begleittext bei, der die Umstände ihrer Bekanntschaft mit Bowie beziehungsweise den Verlauf der Fotosession schildert. Neben den Studioaufnahmen enthält der Band ebenso viele Fotos der Liveauftritte Bowies, wie etwa die Bilder von Mick Rock aus der »Ziggy Stardust«-Periode, die einen veritablen Eindruck von der Dynamik der Konzerte vermitteln.

Dem Privatmenschen Bowie wiederum kommt man näher durch die schnappschussartigen Fotos, die ihn in eher intimen Momenten zeigen, wenn er die Präsenz der Kamera nicht bemerkt, beispielsweise beim Lesen oder Schlafen. Dass er solche Aufnahmen toleriert und durchaus ermuntert habe, berichten viele der Fotografen, ebenso wie von Bowies stets liebenswürdigem, ungekünsteltem, nie arrogantem oder allürenhaftem Umgang, der so gar nicht den abgehoben wirkenden Inszenierungen seiner Pop-Persona entsprach.

Eine durchaus irritierende Wirkung üben insbesondere die Ostberliner Schwarz-Weiß-Fotos von Andrew Kent aus, die Bowie Ende der 1970er Jahre in einem schwarzen Trenchcoat auf dem Territorium der DDR zeigen, visuell besonders bestechend hinter einem NVA-Wachsoldaten vor der Neuen Wache Unter den Linden. Die musikalisch so überaus produktive Phase der sogenannten Berlin-Trilogie ist im Bildband allerdings kaum vertreten; die ikonischen Aufnahmen auf den Covern der 1977 erschienenen Alben »Low« und »Heroes« wurden gemacht, bevor Bowie sich samt seinem Freund Iggy Pop in die vergleichsweise anonyme Mauerstadt flüchtete.

Eine weitere Lücke repräsentieren die letzten Lebensjahre Bowies. Mit den bestechenden Aufnahmesessions, die John Scarisbrick für die Alben »Outside« (1995) und Markus Klinko für »Heathen« (2003) machten, endet der Band im Grunde. Der an Krebs erkrankte, seit seinem Herzinfarkt im Jahr 2004 ohnehin kaum mehr in der Öffentlichkeit auftretende Bowie wollte sich offenkundig auch vor der Kamera nicht mehr zeigen. Nun übernahmen vielmehr visuell grandiose Videos die Aufgabe der Inszenierung seiner Persona. »Where Are We Now?« (2013) zeigt dokumentarisches Videomaterial mit Aufnahmen des Westberlins der 1970er Jahre, während Bowie nur als Projektion auf einer der unheimlichen Puppen des Künstlers Tony Oursler zu sehen ist, der auch Regie geführt hat.

Und ähnlich wie bei Johnny Cash mit »Hurt« ist das bleibende visuelle Vermächtnis von Bowie das visuell überwältigende, zehnminütige Video zu »Blackstar« (2016) mit seinen morbid-surrealen Traumbildern diffuser Todesdrohung sowie die Wiederauferstehungsvisionen im »Lazarus«-Video, zwei gleichsam postume Inszenierungen eines Todes, der ein bleibender Verlust ist für die Popkultur. Aber immerhin, wir haben noch die Musik. Und die Bilder, von denen in »David Bowie Foto« viele bleibende Eindrücke enthalten sind.

David Bowie: Foto. Verlag Salz & Silber, 356 S., geb., 60 €.

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