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Aus Fremden werden Nachbarn

In der DR Kongo arbeitet UGEAFI an der Überwindung von Vorurteilen

  • Von Katja Neuendorf, sodi
  • Lesedauer: 6 Min.
UGEAFI organisiert Dialoge für den Frieden zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen im Osten Kongos.
UGEAFI organisiert Dialoge für den Frieden zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen im Osten Kongos.

Bei seinem Besuch in Berlin im November 2021 hatten wir von SODI Gelegenheit, uns nach anderthalb Jahren Corona-Pandemie ausführlich mit Naum Butoto zu unterhalten. Butoto ist Direktor von UGEAFI, der Union der Studien- und Aktionsgruppen für die Entwicklung von Fizi und Itombwe. Fizi und Itombwe liegen in der Projektregion in Süd-Kivu der Demokratischen Republik Kongo. Das Gespräch drehte sich vor allem um die Lage dort und die Friedensarbeit.

Butoto selbst hat in seinem Leben schon häufig Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Nach Beendigung seines Studiums der Agrarwissenschaft verschrieb er sich dem Engagement für seine Heimatregion und wurde 1998 Direktor von UGEAFI. Wegen seiner mutigen Arbeit für den Frieden und als Angehöriger der ethnischen Minderheit der Banyamulenge-Tutsi wurde der 57-Jährige mehrmals entführt. »Vier Stunden lang wurde ich von einer Mai-Mai-Miliz festgehalten und wartete auf meine Hinrichtung, aber Gott sei Dank fand ihr Anführer heraus, dass UGEAFI ein Haus für seine Mutter gebaut hatte. Er ließ mich nach der Zahlung eines Lösegeldes frei.«

Im Osten der DR Kongo, in der Provinz Fizi in Süd-Kivu, leben die Menschen hauptsächlich vom Ertrag ihrer Felder und können wenig zusätzliches Einkommen erwirtschaften. Seit 2015 und besonders seit 2019 flohen angesichts erneuter gewalttätiger Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien viele Menschen als Binnenflüchtlinge aus den nördlichen Gebieten der Region in das südlicher gelegene Minembwe. Hinzu kamen weitere Flüchtlinge aus dem benachbarten Burundi, die nach einem gescheiterten Staatsstreich ebenfalls Schutz vor Gewalt suchten. Die Camps in Lusenda und Mulongwe wurden errichtet.

»Das Verhältnis der Aufnahmegemeinden zu den Flüchtlingen aus Burundi ist gänzlich anders als zu den Binnenflüchtlingen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme der Menschen aus Burundi gab es Widerstand in Lusenda und Mulongwe, weil die Bevölkerung Angst hatte, Land zu verlieren. Auf der anderen Seite erfuhren die Binnenvertriebenen in Minembwe viel Solidarität. Diese Unterstützung rührt daher, dass die Aufnahmegemeinden und Gastfamilien sich durch ethnische oder familiäre Zugehörigkeit mehr verbunden fühlten«, berichtet Butoto. »Jede Solidarität kennt jedoch Grenzen. So nehmen Banyamulenge-Gemeinschaften eher Angehörige ihrer ethnischen Gruppe auf als ein Mitglied einer anderen Ethnie.« Aber aus Fremden können Nachbarn werden. Der Weg ist jedoch steinig und lang in einer Region, in der der zunehmende Verbrauch natürlicher Ressourcen, Umweltzerstörung und geringen Ernten die Konflikte anheizen.

Neben der Sicherung von Ernährung geht es UGEAFI und SODI auch um Dialog für den Frieden. Mit Karten, auf denen Konflikte verzeichnet werden und praktischen Methoden werden die Probleme gezielt angegangen.

Von UGEAFI organisierte Treffen der verschiedenen ethnischen Gruppen haben im Hochland von Minembwe schon einige Konflikte gelöst.
Von UGEAFI organisierte Treffen der verschiedenen ethnischen Gruppen haben im Hochland von Minembwe schon einige Konflikte gelöst.

Eine Geschichte, die beispielhaft die Konflikte in der Region zeigt, ist die von Manirakiza Séverin. Geflohen aus Burundi, lebt der 20-Jährige nun im Camp von Mulongwe. »Nachdem ich bei einer Familie auf dem Feld gearbeitet hatte, erhielt ich das versprochene Geld nicht. Nach vier Treffen hatte ich noch immer nichts erreicht«, erzählt Séverin. Für Geflüchtete im Camp ist die Arbeit auf den Feldern der lokalen Bevölkerung oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, um die spärliche Lebensmittelhilfe des Welternährungsprogramms aufzubessern. Pro Person erhält jede Person sechs US-Dollar im Monat, um sich Essen zu kaufen. »Zwei Monate später, wollte ich in meiner Verzweiflung das Feld zerstören«, berichtet Séverin weiter. »Auf dem Weg dorthin traf ich jedoch einen Freund, der mich zum Glück davon abhielt. Nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, verwies er mich an das Friedenskomitee.«

Friedenskomitees sind Teil der Strategie von UGEAFI, um mit Dialog die Konflikte in der Region zu lösen. Im Juni 2021 wurden in den Dörfern und zwei Flüchtlingslagern die neun geplanten Komitees gegründet. Ihre Aufgabe ist es, Informationen zu Konflikten und Gewalttaten zu sammeln und Lösungen zu entwickeln. In jedem der Komitees sind fünf Frauen und Männer vertreten, die sowohl Angehörige der lokalen Bevölkerung als auch Geflüchtete repräsentieren. In viertägigen Schulungen erfuhren die zukünftigen Mitglieder der Komitees viel über Konfliktsensitivität, die Rolle von Frauen bei der Konflikttransformation, aber auch über die Mobilisierung von Gemeinden und die Kartierung von Konfliktzonen.

Auch Manirakiza Séverin nahm den Rat des Komitees im Lager Mulongwe an: »Die Mitglieder des Komitees halfen mir, die Familie zu treffen, um unser Problem zu besprechen. Sie gab mir schließlich mein Geld.« Wie bei Severin, konnten die Komitees schon viel zur zwischenmenschlichen Entspannung beitragen, meist bei Konflikten um ungenaue Absprachen oder um Ackerland. Frieden beim Kickern und mit Konflikttrainings.

Eine andere Geschichte handelt von Schwierigkeiten in Minembwe: »In Kakenge, einem Gebiet im Hochland, gab es starke Spannungen wegen des Diebstahls von Rindern der Banyamulenge, die sich wiederum an den angeblichen Dieben, Mitgliedern der Bafuliru, rächen wollten«, erzählt Butoto. Mitte Mai 2021 fanden sich im Dorf Segaseso 150 Menschen auf einem interethnischen Treffen zusammen. Unter ihnen Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, religiöse Führer*innen, Gemeindevorsteher*innen, aber auch Vertreter*innen von Polizei und FARDC (Armee der DR Kongo). Sie diskutierten über den Diebstahl von Rindern, Möglichkeiten der Rückkehr von Binnenvertriebenen und mehr Sicherheit in der Region, um einen besseren Güterverkehr und damit eine sichere Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Man einigte sich darauf, in Zukunft häufiger zusammenzukommen und konkreten Konflikten zwischen den ethnischen Gruppen der Banyamulenge und Bafuliru entgegenzuwirken.

Treffen von Geflüchteten aus Burundi und der lokalen Bevölkerung in Lusenda
Treffen von Geflüchteten aus Burundi und der lokalen Bevölkerung in Lusenda

Kurz darauf organisierte UGEAFI ein Fußballturnier in Madegu, im Zentrum von Minembwe. Vier Teams und 4000 Besucher*innen, hauptsächlich junge Menschen, waren vor Ort. »Es war ein schönes Turnier. Junge Menschen sind oft an den Gewalttaten in den Gemeinden beteiligt, darum waren unsere Friedensbotschaften bei ihnen umso wichtiger«, meint Naum Butoto. Auch in den beiden Flüchtlingscamps deckten die interethnischen Treffen im Mai viele Probleme auf: fehlender Zugang zu Lebensgrundlagen (Land, Wälder) und zu grundlegenden sozialen Dienstleistungen (Gesundheitsversorgung, Arbeitsplätze), kulturelle Intoleranz.

Im September kam man erneut zusammen, um die Fortschritte zu bewerten. Es gab bereits merklich weniger Konflikte um Ackerland. Begleitend zu diesen Treffen sorgen die Konflikttransformations-Trainings an allen drei Orten dafür, dass rund 1200 Menschen in Methoden zur Konfliktlösung und -prävention ausgebildet werden. Bei allen Maßnahmen des Projektes wird darauf Wert gelegt, dass sowohl die lokale Bevölkerung als auch Geflüchtete und Binnenvertriebene einbezogen werden, sodass alle profitieren. »Wir stellen sicher, dass nicht etwa nur Geflüchtete Vorteile erhalten und somit neuer Zorn in der Bevölkerung geschürt werden würde«, sagt Naum Butoto. Es ist noch ein langer Weg zu einem besseren Leben und Frieden für Menschen wie Severin in Süd-Kivu. Aber mit dem Willen der Menschen vor Ort und der engagierten Unterstützung von UGEAFI, rückt der Frieden ein Stück näher.

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