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Der Tanz um die Gatekeeper

Das liebe Geld: Eine Anthologie widmet sich der prekären ökonomischen Lage von Schriftstellern

  • Von Marit Hofmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Arbeitest du bei der Post oder für die Kunst? Oder beides?
Arbeitest du bei der Post oder für die Kunst? Oder beides?

»Wovon lebst du eigentlich?«, fragten 2007 der Kulturwissenschaftler Jörn Morisse und der nach eigenen Angaben selbst »stets unter dem Existenzminimum lebende Musiker« Rasmus Engler 20 freie Kulturschaffende und brachen damit ein Tabu. Denn über Geld spricht man auch in linken Kreisen immer noch erstaunlich wenig. Da erfuhr man, dass der spätere Bestsellerautor Wolfgang Herrndorf selig über Gehaltsschecks von seinem Job bei der Post war oder sich die ebenfalls viel zu früh gestorbene Musikerin Almut Klotz von ihrem zehnjährigen Sohn Geld leihen musste. Die meisten beharrten auf ihrer unabhängigen, wenn auch prekären Existenz, und etwa ein Ted Gaier schien ganz zufrieden mit seiner Mischkalkulation.

Wie die Interviewten das wohl heute angesichts von Corona und dem sich nähernden Rentenalter sehen? Entsprechend dringlicher und teilweise zorniger kommt die Anthologie »Brotjobs & Literatur« daher, in der 20 Literat*innen, darunter viele Lyriker*innen, im Auftrag des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt nun von der Wechselwirkung von Lohn- und künstlerischer Arbeit erzählen.

Die Idee entstand unter einem Facebook-Post des Dichters und Lyrik-Verlegers Dinçer Güçyeter im Pandemiejahr 2020. Zu einem Foto von sich bei einem Einsatz als Gabelstaplerfahrer schrieb er: »tausende künstler müssen zur zeit ihr brotgeld verdienen und sitzen nachts am schreibtisch oder in der werkstatt, produzieren weiter … jetzt rede ich schon fast wie karl liebknecht: brüder, schwestern, kopf hoch! wir werden alle aus dieser zeit was mitnehmen.« Die Anthologie soll »die Verhältnisse sichtbar machen«, die Produktionsbedingungen enttabuisieren, »also auf die nicht selten prekäre Lage der Literaturschaffenden aufmerksam machen«, wie die Herausgeber*innen, die Autor*innen Julia Dathe, Kathrin Schadt, Christoph Wenzel und die Literaturwissenschaftlerin Iuditha Balint im Vorwort schreiben.

Und das lösen die wenig prominenten, obschon oft mit Preisen ausgezeichneten Beiträger*innen auf unterschiedlichste Weise auch ein. Obwohl sich bestimmte Aspekte notgedrungen wiederholen und eine andere als die alphabetische Anordnung der Texte nach Verfasser*innen reizvoller gewesen wäre, offenbaren sie in Form und Inhalt eine Vielfalt, wie sie den Literaturhäusern zu wünschen wäre.

Ein übergreifendes Thema ist Ausgrenzung im Literaturbetrieb. Johanna Hansen hatte etwa »das Gefühl, aus zwei Hälften zu bestehen, die nicht zusammenkamen: Intellektualität und Weiblichkeit«, während Sabine Schiffner und Juliane Ziese davon erzählen, wie mühevoll sich speziell (alleinerziehende) Mütter einen Platz in den belles lettres erkämpfen müssen.

Das Arbeiterkind Stan Lafleur wettert gegen »einen Betrieb, der sich selbst genügt und seine Pfründe klassenintern vergibt«. Sein Unmut richtet sich allerdings auch gegen die Kollegin Anke Stelling, die als »Buchhändlertochter« mit dem Klassismus-Thema Erfolg hat. Karosh Taha kritisiert wiederum: »Wenn wir von Menschen erzählen, die in der Vorstellung der deutschen Gesellschaft nicht zu ihrer Gesellschaft gehören, dann gehört auch die Literatur dieser Menschen nicht zur deutschen Literatur … Die Kategorie ›Migrantenliteratur‹ ist ein weiterer diskriminierender Mechanismus, der einen Preis hat, den viele Kolleg*innen zahlen müssen.«

Manche Texte münden in Kapitalismuskritik, manche in pragmatischere Forderungen, etwa nach dem bedingungslosen Grundeinkommen oder »menschenwürdigeren Standards auch für Künstler*innen, die nicht so bekannt (geworden) sind. Sie erhalten in der Summe viele Arbeitsplätze … Speist uns nicht mit Lotterien im Preis- und Stipendienzirkus ab!« (Sabine Scho) Juliane Ziese will in den Schulen ansetzen, »literarisches Schreiben muss den Stellenwert bekommen, den Mathematik, Sport und Biologie längst haben«.

Einige schildern relativ nüchtern das Abstrampeln um Aufnahme in die Künstlersozialkasse, die gerade den Bedürftigsten verschlossen bleibt, oder die Odyssee quer durch die (kulturnahe wie -ferne) Arbeitswelt. »Ich hatte nicht daran gedacht, wie absurd es sich anfühlen würde, wenn man am Abend einen Literaturpreis entgegennimmt und sich am nächsten Morgen anschreien lassen muss, weil ein Fingerabdruck auf der Kaffeemaschine ist«, bekennt Janna Steenfatt.

Andere Autor*innen wie Özlem Özgül Dündar, die dem erniedrigenden Kreisen um die Gatekeeper*innen (Verleger, Redakteurinnen, Juroren) eine geradezu tänzerische Form gibt, haben den Anspruch, literarisch ausgefeilte, ja poetische Texte abzuliefern. Die Brotmetapher, die sich mehrere Autor*innen einverleiben, wird dabei überstrapaziert.

Michael Schweßingers Brotjob allerdings ist tatsächlich Bäcker, und er möchte auch gar nichts daran ändern: »Was bei mir nicht ging, war das Schreiben ohne Welt … ich gab den partiellen Unfreiheiten der schaffenden Welt den Vorzug, weil ich kein Interesse an Kompromissen beim Schreiben hatte. Ich konnte ein Brot backen, das mir nicht behagte, aber ich konnte keine Story im Auftrag schreiben, mit der ich nicht d’accord ging.«

Iuditha Balint, Julia Dathe, Kathrin Schadt, Christoph Wenzel (Hg.): Brotjobs & Literatur. Verbrecher-Verlag, 238 S., br., 19 €.

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