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Schwedens rote Schule

Die Volkshochschule Kvarnby in Malmö nimmt Partei und ist auf vielen Feldern der Erwachsenenbildung nach skandinavischem Muster aktiv

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 9 Min.
Das Hauptgebäude der Volkshochschule liegt in grüner Umgebung an Malmös östlichem Stadtrand.
Das Hauptgebäude der Volkshochschule liegt in grüner Umgebung an Malmös östlichem Stadtrand.

Die Fotos und Plakate an den Wänden zeigen, dass man sich hier als Teil einer linken und internationalistischen Bewegung versteht. »Red Power. Warning! This is Indian Country. No trespassing«, steht auf dem Poster neben der Tür zu dem Raum, wo Englischlehrerin Lisa Romée gerade Einzelunterricht gibt. Viel los ist hier in der Kvarnby Folkhögskola gerade nicht. Wegen Corona findet ein großer Teil des Unterrichts ausschließlich online statt. In der Cafeteria »Plugghästen«, was Streber bedeutet, sind nur wenige der roten Plastikstühle an den Tischen besetzt. Derweil wird in der Küche fleißig die Pizza vorbereitet, die es heute geben soll. Fünf Stellen für Menschen mit Behinderungen wurden hier geschaffen, die Kommune finanziert sie. Madeleine Bonnevier hat als »pädagogische Arbeitsberaterin« die Mütze auf, Mario, Ola und Marcus sind mit sichtlicher Begeisterung bei der Arbeit. Alle drei tragen mit Stolz das Kvarnby-T-Shirt mit dem roten Stern.

Ihren Namen hat die Volkshochschule von einer ländlichen Siedlung am östlichen Stadtrand von Malmö, Schwedens drittgrößter Stadt. Bis in die 1990er Jahre wurde hier Kreide abgebaut, heute findet sich in Kvarnby ein großer Golfklub, auf Koppeln zwischen Einfamilienhäusern stehen Pferde. Die einstige Dorfschule ist seit 1987 das Domizil des Projekts. Ein großer Garten umgibt das mit viel Rot verkleidete langgezogene Haupthaus am Kvarnbyvägen. Nach einem Brandanschlag im Oktober 2013 und einem weiteren Feuer infolge eines technischen Defekts Ende 2014 konnte dank Versicherung und Spenden, die aus dem ganzen Land kamen, bis zum Beginn das Herbstsemesters 2015 wiederaufgebaut und verschönert werden. Die anarcho-syndikalistische Gewerkschaft SAC hatte für die Kvarnby Folkhögskola extra Solipartys veranstaltet.

Vom Stortorget, dem großen Platz in Malmös Zentrum, fahren Busse nach Kvarnby, aber Rektor Henning Süssner Rubin hat es sich nicht nehmen lassen, mich in seinem 1988er Renault 5, einer kleinen eckigen Blechbüchse, abzuholen. Im schwedischen Winter braucht das Gefährt - auf das sein Besitzer fast so stolz ist wie auf die von ihm gelenkte Weiterbildungseinrichtung - schon mal Starthilfe, räumt er ein. An der Karosserie klebt ein Aufkleber der Düsseldorfer Fortuna, die hier in Malmö kaum jemand kennen dürfte. Seine rheinländische Herkunft hört man Süssner Rubin nicht mehr an, dafür mischen sich mitunter schwedische Wörter in seine Sätze. Seit einem Vierteljahrhundert bereits lebt er im nördlichen Nachbarland.

1990 kam der Düsseldorfer mit SDAJ-Vorgeschichte in den Osten Berlins. An der Freien Universität studierte er Geschichte und Nordamerikastudien. Mit Gleichgesinnten mischte Henning den Jugendverband Jungdemokraten, der sich bereits 1982 von der FDP losgemacht hatte, von links auf; über die AG Junge GenossInnen führte ihn sein Weg in die PDS. Und privat und beruflich bald nach Schweden, wo er als Doktorand an die Universität Linköping ging. Bald zählte er zu den Köpfen des Jugendverbandes Ung Vänster, der der hiesigen Linkspartei Vänsterpartiet nahe und, wie es sein sollte, etwas links von ihr steht. 1998 wurde er dessen Geschäftsführer. Seit August 2007 steht der Historiker, der sich auch in der Kommunalpolitik betätigte, der Kvarnby-Volkshochschule im südschwedischen Schonen vor.

In einem zweijährigen Kurs erlernen junge Autorinnen wie Andrea Huberyc, Hilda Kraft und Alva Larsson Techniken des kreativen Schreibens.
In einem zweijährigen Kurs erlernen junge Autorinnen wie Andrea Huberyc, Hilda Kraft und Alva Larsson Techniken des kreativen Schreibens.

Demokratisierung der Bildung

In der »Einheit Kvarnby« werden in Vollzeit die »Allgemeinen Kurse« durchgeführt. Dabei können die Teilnehmer, individuell an ihre Vorkenntnisse angepasst, Schulabschlüsse bis hin zum Abi nachholen oder einzelne Fächer belegen, die sie für ein späteres Studium an einer Universität oder Fachschule noch benötigen. Flexibilität ist etwas, was das skandinavische Bildungssystem auszeichnet und sozial durchlässiger macht als anderswo. Die Volkshochschulen in Schweden sind, ebenso in Finnland und Norwegen, anders als etwa in Deutschland, ein spezifischer Teil des öffentlichen Systems der Aus- und Weiterbildung vorwiegend junger Erwachsener in längeren Kursen, teilweise in Form von Internaten. Ihre Abschlüsse sind beruflichen oder Schulabgangszeugnissen gleichgestellt.

Die außerschulische Erwachsenenbildung nach den Prinzipien »frei und freiwillig« ist in der Regel unpolitisch; das System erlaubt aber ausdrücklich Ausnahmen, um die Vielfalt der sogenannten »Volksbewegungen« zu fördern. Die Volkshochschulpädagogik ist von der sozialdemokratisch dominierten Arbeiterbewegung und allgemeinen Bestrebungen nach einer Demokratisierung der Bildung mitgeprägt worden.

Bei einer Tasse Kaffee plaudert der Rektor über die Entwicklung seiner Schule. Ursprünglich war diese eine Filiale der 1984 gegründeten Linksparteischule Bona in Motala, wurde 1991 eigenständig und erhielt staatliche Zuschüsse. Der große Einschnitt kam 1997, als die Stiftung der Linkspartei, die das Dach für Bona und Kvarnby bildete, in Konkurs ging. Die Partei in Stockholm ließ ihre Schule faktisch fallen, doch die stellte sich mit Hilfe der regionalen Organisation in und des Jugendverbands fest auf eigene Füße. Und breiter auf: Ein Verein wurde gegründet, der neben Vänster auch andere Gruppen und viele Einzelpersonen aus dem linken Spektrum angehören und der die Anschubfinanzierung zur Weiterführung des Projektes sicherte. Es steckt durchaus, das wird im Gespräch klar, noch ein Stück Linkspartei in Kvarnby, auch wenn seit fast zehn Jahren hier nicht mehr deren eigene Kurse stattfinden. 2012 hatte es einen Wechsel an der Spitze der Partei gegeben, die 1990 die Kommunisten aus ihrem Namen strich. Auf Lars Ohly folgte der frühere EU-Abgeordnete Jonas Sjöstedt als Parteivorsitzender, der Abstand zu den eigenen Wurzeln und Traditionen wuchs. Das bekam auch die frühere Kaderschmiede zu spüren, lässt Süssner Rubin durchblicken.

Hilfreiche Jobs in der Cafeteria: Pädagogin Madeleine Bonnevier mit Mario, Ola und Marcus.
Hilfreiche Jobs in der Cafeteria: Pädagogin Madeleine Bonnevier mit Mario, Ola und Marcus.

Kultur nicht als fünftes Rad

Ich stecke noch den Kopf bei Kvarnbys »Autorenschule« hinein. Der Autor und Schreibpädagoge Fredrik Eriksson leitet den schriftstellerischen Nachwuchs an. Die sieben jungen Frauen am langen Tisch vor einer Bücherwand sind konzentriert bei der Sache, schreiben in ihre Blöcke oder tippen auf dem Laptop. Vielleicht sind ja neue Federn für Schwedenkrimis mit sozialkritischem Einschlag darunter. Seit 2018 hat der Schreibkurs, der seit 1985 in Fridhems Folkhögskola im schonischen Svalöv durchgeführt wurde, in Kvarnby ein neues Zuhause. Auf den einjährigen Einführungskurs in Vollzeit folgt ein weiteres, in dem konkrete Projekte verwirklicht werden. Der Kurs zeigt die Breite eines Bildungskonzepts, das auch kulturell-ästhetische Betätigungen als vollwertig einschließt und fördert.

Bereits lange Tradition hat für die Schule die Verbindung zur globalisierungskritischen und Solidaritätsbewegung mit Afrika und Lateinamerika. Auch in Schweden schlagen viele linke Herzen für Kuba. Kvarnby ist an entsprechenden Projekten beteiligt, unterhält seit Jahren eine Kooperation mit der Universität in Cienfuegos, mit Spanischkursen für Lernende aus Schweden vor Ort. Der mehrwöchige Kuba-Kurs an der Volkshochschule vermittelt vorab Wissen über Kultur, Geschichte und Gesellschaft und bereitet auf die komplexe Realität der Gesellschaft auf der sozialistischen Insel vor.

Seit diesem Jahr ist die Schule auch Mitveranstalter des jährlichen antiimperialistischen Friedenslaufes, den linke Gruppen an mehreren Orten im Land durchführen und dessen Tradition bis 1985 zurückreicht. Damals stand der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika im Mittelpunkt. Mit dem Sportevent, das kulturelle Veranstaltungen begleiten, wird Geld für Organisationen gesammelt, die sich für Frieden und internationale Solidarität einsetzen. In diesem September war es für die palästinensische Frauenorganisation UPWC und die Initiative »Kanülen für Kuba« bestimmt, die dem kubanischen Gesundheitswesen in der Pandemie Hilfe leistet. Unter dem Motto »Eine andere Welt ist möglich« fand der Lauf mit hunderten Teilnehmern zum zweiten Mal in Folge auch in Malmö statt und soll dort dauerhaft etabliert werden. Auch bei Aktionen wie dem Klimastreik ist die Kvarnby-Schule dabei.

Die Schule im Grünen ist eine von drei Räumlichkeiten der Einrichtung. Über die west-östliche Ausfallstraße Sallerupsvägen geht es zurück in die Stadt. Ein zweistöckiger, gerade sanierter Zweckbau in der Scheelegatan nahe einer früheren Bahntrasse ist seit diesem Jahr neuer Sitz der Zweigstelle mit der Schulverwaltung. Er ersetzt das 2018 geschlossene »Rote Haus« in der Industriestraße um die Ecke. Die Baugerüste sollen bald fallen. Im ABA-Haus - früher Zentrale des Schulausstatters ABA - finden die obligatorischen SFI-Kurse (Schwedisch für Einwanderer) sowie Sprachkurse statt, die auf ein Studium an einer schwedischen Universität vorbereiten. Außerdem berufsqualifizierende Lehrangebote im Gesundheits- und Pflegebereich.

Progressive Vorbilder

Auch hier verleugnet die Schule ihre Orientierung nicht. Die Unterrichtsräume tragen die Namen von Frauen aus verschiedenen Erdteilen, die in Politik und Kultur eine progressive Rolle gespielt haben. Die 1984 ermordete indische Premierministerin Indira Gandhi ist darunter, ebenso die mexikanische Malerin Frida Kahlo. Das eigene Land ist mit der herausragenden Politikerin der schwedischen Arbeiterbewegung Kata Dalström vertreten. 1920, drei Jahre vor ihrem Tod, war Dalström Schwedens Delegierte auf dem zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale im Moskauer Kreml. »Die Leute sollen sehen, dass das eine linke Schule ist«, betont Kvarnbys Rektor Süssner Rubin. Dennoch: »Die haben keine Ahnung«, meint Olof Anjou zu der Frage, ob den Teilnehmern an seinen SFI-Kursen die Orientierung der Schule bewusst ist. Das sei auch nicht der Grund, warum es oft mehr Bewerber als Plätze gebe, sagt der Schwedisch-Lehrer, der bis 2015 zehn Jahre lang in Berlin lebte, unterrichtete und Dixie-Musik machte.

Magda Lundberg besucht die zu Kvarnby gehörende Comicschule im Kulturhaus Mazetti und hat gerade ihr erstes Buch herausgebracht.
Magda Lundberg besucht die zu Kvarnby gehörende Comicschule im Kulturhaus Mazetti und hat gerade ihr erstes Buch herausgebracht.

Die letzte Station bildet eine ehemalige Schokoladenfabrik im linken Szeneviertel um den Volkspark. In der 1999 übernommenen und im kommunalen Kulturhaus Mazetti untergebrachten Comicschule hat Kvarnby noch einen Bonbon. Andrea Udd und Magda Lundberg sind gerade bei der Arbeit. Magda lässt sich einen Moment ablenken, scherzt mit dem Rektor und berichtet von ihren Projekten. Gerade hat die junge Künstlerin ihr erstes Buch herausgebracht. Magdas Markenzeichen sind Vögel und deren »menschliche Seiten«. Jede Woche erscheint einer ihrer Cartoons auf den Kulturseiten der Zeitung »Sydsvenskan«. »Die kreative Atmosphäre in der Schule ist für mich sehr wertvoll«, sagt sie. Wie viele ehemalige Kursteilnehmer werden auch Magda und Andrea von der Starthilfe durch die Volkshochschule Kvarnby profitieren.

Überhaupt ist die Einrichtung keine prekäre Angelegenheit. 35 Lehrkräfte und sonstige Beschäftigte sind in Voll- oder freiwilliger Teilzeit für das private, aber nicht gewinnorientierte Unternehmen an seinen drei Standorten tätig. Die Kvarnby Volkshögskola gehört einem Verband sogenannter Arbeitgeber an, dem für den ideellen und gemeinnützigen Sektor in Schweden. Löhne und Arbeitsbedingungen, dazu gehört auch eine 35-Stunden-Woche, regelt ein mit der lokalen Gewerkschaft vereinbarter Haustarifvertrag, der noch über den Tarifvertrag der Branche hinausgeht. So gut geregelt das alles ist, eine Schule wie andere will Kvarnby nicht sein. Hier will man die Welt verändern: »Wir sind die Schule der Linken.« Willkommen ist hier grundsätzlich jeder und jede: »Komm einfach so, wie du bist«, wirbt die Einrichtung mit der schlichten Freundlichkeit, die für Schweden so typisch ist.

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