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  • Dokumentarfilm »In den Uffizien«

Tag und Nacht im Museum

Der Dokumentarfilm »In den Uffizien« porträtiert ein italienisches Nationalheiligtum und dessen Leiter

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Kunstsammlungen in den Uffizien ziehen bis heute Blicke auf sich – wenn auch oft vermittelt durch das Handydisplay.
Die Kunstsammlungen in den Uffizien ziehen bis heute Blicke auf sich – wenn auch oft vermittelt durch das Handydisplay.

Etwas ist museumsreif? Dieser Spruch meinte vor noch nicht langer Zeit, das dort Befindliche sei wohl bloßer Schrott, für die Gegenwart jedenfalls nicht wirklich von Belang, bestenfalls ein Kuriosum.

Doch die digitale Gegenwart droht Vergangenheit wie Zukunft gleichermaßen zu vernichten. Keine Erinnerungsräume mehr. Alles soll jederzeit präsent sein, und was diesem Zwang zur ständigen Aktualisierung nicht mehr genügt, wird umgehend aussortiert. Der Konsument ist ausschließlich von heute - und er soll beim Kaufen weder an gestern noch morgen denken! Und was ist mit jener in der Vergangenheit voreilig begrabenen Zukunft, von der Walter Benjamin sprach? Wurden die Bibliotheken, Museen und Galerien nicht vor allem für sie gebaut - eine Art Schutzraum, in dem sie die Zeiten überdauern können, bis sie jemand wiederentdeckt?

So ein Ort sind die Uffizien in Florenz, der im 16. Jahrhundert vielleicht modernsten Stadt der Welt. Denn hier herrschten die Medici, reiche Kaufleute, die den Ton in Wirtschaft, Politik und sogar der Kirche angaben. Diese mächtige Familie blickte mit vielfältigen eigenen Interessen in die Zukunft, aber wurde dabei zum Schutzpatron der Renaissance - jener Wiedergeburt der Antike, mit der ein neues Menschenbild einhergeht.

Das kann man an den Uffizien, über die Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch einen bemerkenswerten Dokumentarfilm gedreht haben, sehr gut nachvollziehen. Es ist ein Blick in den Bauch jenes gerade entstehenden Kapitalismus, der noch künstlerische Ideale hatte. Gebaut wurden die Uffizien ab 1560 als Bürogebäude (!) unter Cosimo I. de’ Medici. 20 Jahre später kam die »Galleria« hinzu, um die von der Familie erworbenen - und oft für viel Geld in Auftrag gegebenen - Kunstwerke präsentieren zu können. Denn die Medici investierten ihren Reichtum in Kunst, die bis heute härteste Währung der Welt.

Jedoch verkörpern die hier gezeigten Werke vor allem, was man nicht mit Geld kaufen kann: das Wesen menschlichen Seins, die unveräußerliche Würde jedes Einzelnen. Ein träumendes Tier, das sich nicht länger aufs Jenseits vertrösten lässt, sondern im Diesseits seine eigene Geschichte zu machen beginnt.

Bereits 1769, als der letzte der Medici gestorben war und die Galerie der Stadt Florenz vererbt hatte, ist dies ein Museum für jedermann. Eine unvergleichliche Schatzkammer der Kunst, die zumeist extra für diese Galerie geschaffen wurde - von Tizian über Leonardo da Vinci bis zu Caravaggio und Michelangelo, oft in Zeiten von Krieg und Seuchen. Wie kann ein Museum, das über 250 Jahre alt ist, heute immer noch anziehend wirken, zu uns sprechen?

Das ist die Frage, der die Filmemacher nachgingen. Vielleicht gab auch ein ungewöhnlicher Aspekt den Ausschlag für dieses Filmprojekt. Denn seit 2015 ist Eike Schmidt Direktor der Uffizien, dieses Nationalheiligtums der Italiener. Warum haben sie einen Deutschen an deren Spitze gestellt? Um das zu verstehen, muss man diesen Film sehen. Denn Schmidt lebte und arbeitete bereits viele Jahre in Italien, promovierte über die Skulpturen der Uffizien, war in New York, Los Angeles und London tätig. Er spricht fließend Italienisch und versteht die Uffizien auf intuitive Weise, weiß, hier zählt die Zeit nach Jahrhunderten, währenddessen die Direktoren kommen und gehen. Und der groß gewachsene Schmidt hat noch etwas, das seine beredten italienischen Mitarbeiter nicht haben: einen Hang zur pointierten und entscheidungsfreudigen Knappheit, die für spröde gelten müsste, wäre sie nicht von einem geradezu angelsächsischen Humor geprägt. Da sticht jemand, trotz seiner Bescheidenheit, sofort heraus.

Geholt wurde er als Modernisierer, denn irgendwann stellte man fest, dass die Uffizien nicht einmal eine eigene Website hatten. Das sollte sich nun ändern. Aber Schmidt waren die Kunstwerke, die alte Bibliothek und der labyrinthische Fundus weitaus wichtiger. Damit hatte er die Herzen seiner Mitarbeiter erobert, die schon fürchteten, jetzt bräche das Hightech-Zeitalter auch in dieser Festung gegen den Zeitgeist an. Eike Schmidt weiß um die Magie der Kunstwerke, die es immer so zu zeigen gilt, dass sie auch gesehen werden können. Das heißt, immer im passenden Licht an der richtigen Stelle. Vielleicht sollte der Direktor auch endlich ein Fotografierverbot in den Uffizien aussprechen, damit die Besucher, die hier massenhaft durchströmen (über zwei Millionen im Jahr), wieder sehen lernen und nicht stattdessen auf ihre Handys starrend die Kunstwerke bloß abfotografieren.

Wie viel nicht endende Arbeit in einem uralten Haus voller Werke, die von einer anderen Zeit erzählen, aber auch von Menschen, die die gleichen inneren Kämpfe austrugen wie wir heute immer noch! Wenn man Schmidt hört und sieht, weiß man, hier wird nicht über Nacht alles neu werden, aber dafür das Alte immer wieder geduldig repariert und restauriert. Immer wieder kommen Mitarbeiter zu ihm, flüstern ihm Nachrichten zu, wie diese: Der Fahrstuhl funktioniere nicht, könne heute auch nicht mehr repariert werden. »Aber dann gleich morgen!«, so Schmidt, und die Uffizien-Welt ist für Momente wieder im Gleichgewicht.

Das Haus hat eine so lange Geschichte, dass es selbst langjährigen Mitarbeitern schwerfällt, den Überblick zu bewahren. Gerade ist der Geografie-Saal das Thema, denn eine amerikanische Sponsorengruppe hat sich angemeldet. »Förderer, nicht Sponsoren heißt das!«, korrigiert Schmidt. Und geht zuvor höchstpersönlich durch die Galerie, zeigt auf Tafeln, die wegmüssen, wenn der Besuch kommt. Denn auf diesen stehen die Namen anderer Sponsoren. Schmidt hat bei Sotheby’s in London das knallharte Business des Kunsthandels gelernt.

Aber jetzt muss erst einmal der Schlüssel für diesen Saal gefunden werden - riesige Schlüsselbünde werden herbeigetragen, irgendeiner muss doch passen! Das hat etwas Märchenhaftes. Drinnen an den Wänden die ersten Renaissance-Landkarten der Welt, »Michelin-Kunst« wie in Houellebecqs Roman »Karte und Gebiet«. Sie müssen dringend restauriert werden. Das Geld, mehrere Hunderttausend Euro, erwartet Schmidt von den Sponsoren.

Aber der kühle Rechner ist auch ein großer Liebhaber. Das zeigt die langwierige Wahl des Wandgrüns eines neu gestalteten Raums. Nicht weniger als sieben Farbschichten darunter waren nötig, um das Grün so zum Leuchten zu bringen, wie es sich Schmidt vorstellte. Auch fand er im Fundus ein ungewöhnlich-dramatisches Bild von Andrea Commodi, das in 400 Jahren noch nie ausgestellt worden war: der »Engelssturz«.

So bewahrt der Mann an der Spitze einerseits das Alte und wagt doch auch Neues, wie die Ausstellung einer Figur von Antony Gormley zeigt, die direkt neben den Renaissance-Figuren platziert wird. Aber mit lebenden Künstlern hat man vor allem Ärger, denn Gormley ist mit der Platzierung nicht zufrieden: Direktor kontra Künstler. Dann der weise Vorschlag Schmidts, man könnte die Plastik vielleicht ein wenig drehen. Dann sähe doch alles ganz anders aus? Erleichterte Zustimmung des streitbaren Gegenwartskünstlers.

Man denkt bei diesem filmischen Streifzug durch die Alltagsgeschichte der Uffizien weniger an Hollywoods »Nachts im Museum« als an André Breton, der in seinem surrealistischen Roman »Nadja« etwas über Museen schrieb, das haargenau zu Schmidts Uffizien von heute passt: »Ich habe Hochachtung vor jenen Männern, die sich nachts in einem Museum einschließen lassen, um bequem, und zur verbotenen Zeit, ein Frauenbildnis betrachten zu können, das sie mit der Blendlaterne ausleuchten. Notwendigerweise wissen sie nachher viel mehr von dieser Frau als wir. Möglicherweise will das Leben wie eine chiffrierte Botschaft entziffert werden.«

»In den Uffizien«: Deutschland 2020. Regie: Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch. 100 Min. Jetzt im Kino.

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