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Spurensuche nach dem Tod

Seit April 2020 werden in einem zentralen Register Obduktionsbefunde und Gewebeproben von Covid-19-Toten analysiert

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Obduktionen sind Untersuchungen von Toten. Prinzipiell helfen sie, die Todesursache zu klären oder den Sterbevorgang zu rekonstruieren. Durchgeführt werden sie von Pathologen und Gerichtsmedizinern. Im Fall von Patienten, die an oder mit Covid-19 verstorben sind, können sie helfen, zum Beispiel genau diesen Unterschied zu klären. Aber eben auch die Physiologie der Krankheit besser zu verstehen, also die Auswirkungen, die sie auf Zellen, Gewebe und Organe hat. Außerdem geht es um den Verlauf des Leidens.

Besonders interessant wird es dann, wenn etwa Laborbefunde der Verstorbenen zum Krankheitsverlauf oder die Vorerkrankungen dieser Patienten einbezogen werden können. All dies zusammenzuführen ist Aufgabe des zentralen Registers der Obduktionen von an Covid-19 Verstorbenen (DeRegCovid). Es wurde im April 2020 gegründet und scheint bis heute weltweit einzigartig. Koordiniert und geleitet wird es vom Institut für Pathologie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, zusammen mit einer Forschungs- und einer Informatikeinrichtung dieser Universität. Auf »nd«-Anfrage heißt es vom Register-Team, dass mittlerweile Daten und Proben von mehr als 1200 Obduktionen erfasst wurden. Bezogen auf die bisher knapp über 100 000 verstorbenen Covid-19-Patienten sind das etwa ein Prozent. Das entspricht auch dem Verhältnis von allen durchgeführten Obduktionen zu den Todesfällen insgesamt in Deutschland.

Berichtet wird von zahlreichen Anfragen von Pathologiekollegen, von Gesundheitsbehörden und aus der Politik. Während ein erster Gesamtbericht zu den Daten noch in Arbeit ist, gab es bisher schon mindestens 21 wissenschaftliche Einzelpublikationen. Zum Beispiel hatte ein Forscherteam schon 2020 im angesehenen »New England Journal of Medicine« einen Beitrag über die Schädigung der Lungenbläschen durch Covid-19 verfasst. Sie konnten feststellen, dass das Endothel, also die Zellschicht im Inneren der Lungenblutgefäße, schwer geschädigt war. Zudem ließen sich in dem Bereich Viren in den Zellzwischenräumen wie auch zerstörte Zellmembranen nachweisen. Außerdem gab es Hinweise auf winzigste Blutverklumpungen in den Kapillaren, welche die Lungenbläschen umschließen. Das bestätigte die These, dass es sich bei Covid-19 nicht einfach um eine Atemwegserkrankung, sondern auch um ein Gefäßleiden handelt.

Ein weiterer Aufsatz erschien im Juni 2021 im Fachmagazin »Nature«. Demnach wurden Bauchspeicheldrüsen von einigen Verstorbenen untersucht. In allen Fällen wurden in den wichtigen Insulinproduzierenden Betazellen Sars-CoV-2-Viren nachgewiesen. Das bestätigt einerseits, dass Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mit einem erhöhten Risiko für Covid-19 verbunden sind, erklärt andererseits auch, warum bei Menschen ohne Diabetes im Verlauf der Corona-Infektion oft erhöhte Blutzuckerwerte beobachtet wurden.

Die Beispiele zeigen, wie kleinteilig und häufig für Laien unspektakulär medizinische Forschung verläuft. Für manche Fragestellungen ist es indes noch zu früh. So gibt es noch nicht ausreichend Obduktionsbefunde von geimpften Covid-19-Toten, als dass jetzt schon etwas über mögliche Unterschiede bei den Todesursachen von Geimpften und Ungeimpften gesagt werden kann.

Ein Schlaglicht auf die Bedeutung von Obduktionen werfen auch die kontinuierlich durchgeführten Untersuchungen von Corona-assoziierten Sterbefällen im Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf (UKE). Sie finden dort seit dem März 2020 statt.

Hier konnte belegt werden, dass es sich bei dem Großteil der Verstorbenen um bereits zuvor körperlich erheblich beeinträchtige Patienten handelte. Eine Auswertung der Daten im Februar 2021 zeigte, dass 20 Prozent der Verstorbenen krankhaftes Übergewicht aufwiesen. 75 Prozent aller Todesopfer waren älter als 76 Jahre. Die verstorbenen Männer waren statistisch etwas jünger als die Frauen und es verstarben mehr Männer als Frauen. Zu den häufigsten Vorerkrankungen zählen laut der Auswertung Bluthochdruck, eine chronische Niereninsuffizienz oder eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Auch diese Ergebnisse fließen in das gemeinsam vom UKE und der Uniklinik RWTH Aachen geleitete Deutsche Forschungsnetzwerk »Autopsien bei Pandemien« ein.

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