Fußballträume in der Mauerstadt

Dramen am Stadion der Weltjugend

  • Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Grenzübergang Chausseestraße 1986
Grenzübergang Chausseestraße 1986

Als ich im Februar 1984 Weimar in Richtung Westberlin verließ, blieben meine Freunde, die Familie und mein Fußballverein leider in Thüringen. Die Freunde und die Familie konnte ich in der ČSSR treffen, bis 1989 waren Eger, Marienbad und Franzensbad - das Bäderdreieck! - beliebte Orte.

Ballhaus Ost

In seiner Kolumne "Ballhaus Ost" blickt Frank Willmann alle zwei Wochen auf die Geschehnisse im Ostfußball  - das wilde Treiben in den Stadien zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana.

Alle Texte finden sie unter dasnd.de/ballhaus

Einmal besuchte ich während dieser Lebensphase mit meinem Vater ein Spiel der Mannschaft von Roter Stern Cheb. Damals wusste ich die allumfassende Tristesse und Ödnis des Ostens noch nicht zu schätzen und floh sehr schnell wieder aus dem ruinenhaften Stadion. Ich kann mich an eine heruntergerockte Stadionpinte erinnern, die zu Mittagszeit von fröhlichen Trunkenbolden in schmutzigen Wattejacken umlagert wurde.

Die Spiele meines FCC hätte ich im Fernsehen bewundern können, weil ich aber seinerzeit ein großer Feind der Glotze war, blieb mir naturgemäß nur die FUWO, die mir meine Eltern jede Woche nach Westberlin sandten. Ich hätte die FUWO auf dem S-Bahnsteig Friedrichstraße kaufen können. Im dortigen Kiosk kam man für Westgeld im Tauschverhältnis 1:1 an DDR-Presseerzeugnisse. Manchmal kaufte ich mir zur Belustigung das ND, wo ich den umfassenden Übererfüllungen aller denkbaren Pläne nachspürte. Und mir selbstverständlich den boshaften Charakter des BRD-Imperialismus in Erinnerung rief, der mich mit allerhand Geschenken erfreute: Man konnte bei Demos Steine auf Polizisten werfen, und es gab Irrenärzte, die arme Ossis monatelang krank schrieben.

Obwohl mich nun ein unüberwindlicher Schutzwall von ihr trennte, saß die DDR dick und rund in meinem Hinterstübchen und erzeugte säckeweise schauerliche Albträume. Ich war beileibe nicht der einzige Ex-Ossi, der von Fluchtträumen aller Art geplagt wurde. Die Besonderheit meiner Fluchtträume: Sie spielten sich häufig im Fußballkontext ab.

Es ist Nacht, ich laufe verzweifelt die Chausseestraße in Ostberlin entlang. Ich bin illegal in den Osten der Stadt eingedrungen, um im Stadion der Weltjugend das Fußball-Pokalfinale zwischen FC Carl Zeiss Jena und dem BFC zu sehen. Ich treffe einige Bekannte, keiner wundert sich über meine Anwesenheit, es ist wie immer. Aber jedes Mal, wenn ich beispielsweise »Wir wollen Jena siegen sehen!« singen will, krakeele ich in Wirklichkeit »Wir wollen Hertha siegen sehen!«. Außer mir scheint das keinem aufzufallen.

Das Spiel wird abgepfiffen und das Stadion ist schlagartig leer. Nur ein einsamer Transportpolizist streichelt voller Liebe seinen langen Holzknüppel. Ich frage ihn, wer gewonnen hat. Er fragt mich nach meinem Ausweis.

Ich habe keine Papiere.

Ich sprinte zum streng bewachten Grenzübergang Chausseestraße: Keine Chance, durchzukommen. Also zurück und über den Zaun aufs Stadiongelände! Das Stadion hat sich in eine Art Schlachtfeld verwandelt. Auf einer Seite befinden sich Hunderte junge Männer in Trainingsanzügen mit Holzmaschinenpistolen. Ich bin einer von ihnen. Auf der anderen Seite, in Westberlin, sehe ich hinter einem Zaun feiernde, bunt gekleidete Menschen auf Türmen. Sektkorken knallen, ein Feuerwerk erheitert die glückliche Menge.

Ich will zurück in den Westen! Ich entferne mich von meiner Truppe, einer ruft mir hinterher: »Wer hat eigentlich gewonnen?« Ich reagiere nicht, werfe mich stattdessen auf den Boden und robbe Richtung Westberlin. Je näher ich dem Zaun komme, desto kleiner wird er. Kurz bevor ich ihn erreiche, stehe ich plötzlich wieder in der Chausseestraße.

Diesen Fluchttraum träumte ich in unterschiedlichen Varianten (manchmal starb ich, manchmal kam ich durch, oft begann es wieder von vorn) von März 1984 bis Dezember 1989.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal