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Im Kreativwirtschaftswunderland

Von der Managerin einer linken Popband zur Staatsministerin: Die Grünen-Politikerin Claudia Roth soll Bundesbeauftragte für Kultur und Medien werden

  • Von Gerhard Schweppenhäuser
  • Lesedauer: 5 Min.
Auf der Suche nach dem Kitt: Claudia Roth
Auf der Suche nach dem Kitt: Claudia Roth

Claudia Roth ist für das Amt der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien nominiert worden. In ihrem ersten Statement ließ uns die künftige grüne Staatsministerin wissen, was sie, die einst für das Projekt Gegenkultur aktiv war, heute unter Kultur versteht. »Kultur ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält«, hat sie erklärt - ein »Grundnahrungsmittel unserer Demokratie«. Kitt als Grundnahrungsmittel? Wohl bekomm’s. Doch im Ernst: Hier geht es nicht um »mixed metaphors«, die schwer im Magen liegen können. Nein, es geht um ein gewandeltes Kulturverständnis und um den kulturalistischen Diskurs der Gegenwart.

Die Metapher Kultur gleich Kitt stammt aus den 1930er Jahren. Im Frankfurter Institut für Sozialforschung wurde sie von dem Literatursoziologen Leo Löwenthal verwendet, um die soziale Integrationsfunktion kultureller Praktiken zu beschreiben. Kultur ist demnach ein Inbegriff aller Momente des Zusammenlebens, die mehr sind als physischer Zwang und ökonomischer Druck. Der kulturelle »impact« auf die Individuen stiftet inneren sozialen Zusammenhalt. Gesellschaftliche und staatliche Organisationen bilden in der Moderne eine kulturelle Maschine, die subjektive Formen für den Ausdruck von individuellem Lebensgefühl in öffentliche Manifestationen überführt. In Krisenzeiten wird Kultur zum sozialen Kitt, der ein gesellschaftliches Ganzes zusammenhalten kann, das vom Zerfall bedroht ist.

Die oligopolistische Massenkultur des 20. Jahrhunderts konnte in diesem Licht als Maßnahme zur Sicherung der Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse in der kapitalistischen Produktionsweise entziffert werden. Walter Benjamin sprach von der »Ästhetisierung der Politik« im Nationalsozialismus. Aber auch in demokratischen Staaten gab es eine kulturelle Logik des Hochkapitalismus. Theodor W. Adorno las die Entertainment-Industrie der 1940er Jahre als eine jener »modernen Methoden der Massenbeherrschung«, die Friedrich Pollock schon 1933 als Mittel zur Therapie ökonomischer und sozialer Krisen im nachliberalen Stadium des Kapitalismus beschrieben hatte.

Kultur, so erklärt Claudia Roth nun, ist »kein Sahnehäubchen für gute Zeiten, kein Luxusgut, sondern essenziell für unser Menschsein«. Hat dieses philosophische Konzept noch Platz für eine ideologiekritische Betrachtung der Kultur? Letztere wird nicht als ambivalente symbolische Praxis von Einordnung und Widerstand aufgefasst. Integration scheint nichts Zwiespältiges mehr zu haben. Ist das die grüne Version des alten SPD-Schlachtrufs »Kultur für alle«? In neuem Geist würde dies dann bedeuteten, dass für jede und jeden etwas im Angebot sein muss, damit wirklich alle sich ihres »Menschseins« versichern können.

Das ist, für sich genommen, auch nicht falsch. Gäbe es keine kulturelle Überlieferung, könnte sie auch nicht eigensinnig angeeignet werden, um zu einer »Ästhetik des Widerstands« zu werden und womöglich gar zu radikaler soziokultureller Praxis. Zu befürchten ist allerdings, dass die Lehre vom »kulturellen Kitt« (einst eine Kategorie materialistischer Kritik) und vom »essenziellen Menschsein« (das klingt eher nach Heidegger aus zweiter Hand) zur staatstragenden Doktrin wird. Zusammen mit der Ideologie, dass Kultur das »Grundnahrungsmittel unserer Demokratie« ist, würde sich solch eine Doktrin gut mit der marktradikalen Kommodifizierung und Verwertung des Kulturellen vertragen.

Immer wieder hört und liest man, wie lebenswichtig der kulturelle Sektor für den »Wirtschaftsstandort Deutschland« sei. Kultur wird nicht mehr als gebrochener Vorschein eines Lebens jenseits von Herrschaft und Wertgesetz verstanden, sondern ganz auf ihren »affirmativen Charakter« (Horkheimer) reduziert. Georg Seeßlen hat »die Abschaffung der Gesellschaft und ihrer Kultur zugunsten von Kreativwirtschaft und Unterhaltungsmafia« als das »große Projekt des Neoliberalismus« bezeichnet: Die »Auflösung von Kultur in der Kreativwirtschaft« scheint besiegelt. Spätestens seit der Covid-Pandemie gilt Kultur offiziell als systemrelevant. Produktion, Rezeption, Erlebnis oder Lesartenpluralität sind auf die Zirkulationsanforderungen von Kulturwaren ausgerichtet. Hinzu kommt die ökonomische Transformation des expandierenden Bildungssektors.

Alle wissen: Claudia Roth kommt aus dem Milieu der sogenannten Gegenkultur und verdiente einst ihr Brot als Managerin von Ton Steine Scherben in deren Spätphase. Gegenkultur beginnt, wenn die eigene symbolisch vermittelte Praxis gegen herrschende Vorstellungen von Kultur gerichtet wird (»Macht kaputt, was euch kaputt macht«), sich selbst aber nicht als Unkultur versteht. Die Frage ist: Will gegenkulturelle Praxis nur anders sein, oder will sie auch auf ein Anderes hinaus?

»Wenn ich meinen Schwanz heraushole, ärgern sich die Leute, aber das ist noch keine Gegenkultur«, soll der Punk-Veteran Schorsch Kamerun aus St. Pauli einmal gesagt haben (mit genervtem Blick auf kulturindustrielle Leitfiguren wie Bushido, deren Erfolg nicht zuletzt auf die reaktionären, sexistischen Inhalte ihrer künstlerischen Artikulationen zurückzuführen ist und nicht nur auf ihre regressive Formsprache).

Das symbolische oder reale Präsentieren des Genitals reicht sicher nicht (wenn Jim Morrison seinerzeit nicht mehr zu bieten gehabt hätte, würde heute niemand mehr The Doors hören). Aber wann beginnt Gegenkultur? Vor 50 Jahren war der Begriff noch nicht geläufig, man sprach von Subkultur. Wer als fortschrittlich gelten wollte, benutzte den Plural. Allmählich etablierte sich die Unterscheidung, dass »Subkulturen« schlicht Unterabteilungen dominanter Gesamtkulturen sind. Der Name »Gegenkulturen« hingegen sei für Erscheinungen zu reservieren, die sich ausdrücklich gegen herrschende Kulturformen stellen.

Auch begeisterte Verfechter*innen des Konzepts Subkultur(en) kamen nicht umhin zuzugeben, dass »Sub-« nicht immer subversiv heißt. Soziolog*innen zufolge bilden Kaninchenzüchter, Rocker und Fußball-Ultras ja ebenfalls Subkulturen. Die Alternative besteht darin, kulturelle Praxis als dauerhafte Gegenbewegung zu verstehen. Doch auch dann kann der Kampf gegen eine etablierte bildungsbürgerliche Kultur der Kulturindustrie zuarbeiten, die die Konkursmasse des bankrotten Bildungsbürgertums verwaltet.

Nieder mit der Hochkultur! Oder: »Fußball ist die Oper des kleinen Mannes« (Otto Rehhagel). Und die deutsche Sozialdemokratie schneiderte dem fetzigen Sigmar Gabriel vor 18 Jahren den Posten eines Parteibeauftragten für Popkultur und Popdiskurs auf den Leib. Das sind lauter Kulturkämpfe von gestern, die auch damals bereits veraltet waren. Heute also Kultur als Kitt der Gesellschaft? Hoffen wir, dass die grüne Bundeskulturförderung in Zukunft nicht auch nach hinten losgeht.

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