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Antisemitismus auch in der Mitte

Thüringer Monitor zeigt verbreitete Vorurteile und Einstellungen zu Juden

  • Von Sebastian Haak, Erfurt
  • Lesedauer: 3 Min.
Protest gegen Antisemitismus in Thüringen
Protest gegen Antisemitismus in Thüringen

Viele Thüringer vertreten nach wie vor antisemitische Einstellungen – und rechnen beim Blick auf Holocaust und Zweiten Weltkrieg jüdische gegen deutsche Tote auf. Das ist das Ergebnis des aktuellen Thüringen Monitors, der am Dienstag in Erfurt vorstellt wurde. Demnach habe fast ein Viertel der Thüringer Verständnis dafür, dass »die Politik, die Israel macht«, dazu führe, »dass man etwas gegen Juden hat«, wie es in der Zusammenfassung der soziologischen Langzeitstudie heißt, die von Marion Reiser erstellt worden ist.

Gleichzeitig zeigt sie, dass 17 Prozent der Menschen im Freistaat der Aussage zustimmen, der Umgang Israels mit den Palästinensern zeige »das wahre Gesicht der Juden«. Reiser hat den Lehrstuhl für das Politische System der Bundesrepublik Deutschland an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Für den Thüringen Monitor 2021 waren im Juni und Juli 2021 insgesamt 1100 wahlberechtigte Thüringer befragt worden. Die Befragung ist repräsentativ.

Antisemitismusforscher und die jüdische Landesgemeinde kritisieren, dass feindliche Haltungen gegenüber Juden häufig als Kritik am Staat Israel getarnt werden. So verwies der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, in einem Interview 2019 auf Anti-Israel-Demonstrationen 2014, die besonders in Westdeutschland stattgefunden hatten. »Die haben sich letztlich nicht gegen den Staat Israel, sondern gegen Juden gerichtet, auch gegen Juden in Deutschland«, hatte Schramm gesagt. Zudem hatte Schramm damals diagnostiziert, der Antisemitismus sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und habe sogar in politisch linken Kreisen seinen festen Platz.

Wie sehr Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, belegt der Thüringen Monitor 2021 mit konkreten Zahlen. Denn nach Angaben von Reiser zeigt er, dass fast die Hälfte der Thüringer einer Aussage zustimmt, die die Forscher in den Bereich der sogenannten Schuldabwehr einordnen – also des Versuchs, die deutsche Verantwortung für den Holocaust zu relativieren und das den Juden durch Nazideutschland zugeführt Leid gegen das Leid von nicht-jüdischen Deutschen aufzurechnen.

Der Annahme, es werde »immer nur von der Judenverfolgung geredet«, während »niemand« davon spreche, »wie die Deutschen gelitten haben«, stimmen nach den diesjährigen Befragungen für den Thüringen Monitor 45 Prozent der Befragten zu. »Bemerkenswert ist, dass gerade diese Position keineswegs nur am rechten Rand der Gesellschaft unterstützt wird, sondern mit 54 Prozent auch eine absolute Mehrheit jener Befragten zustimmt, die sich selbst in der politischen Mitte verorten«, schreibt Reiser in der Zusammenfassung der Studie.

Zehn Prozent der Thüringer müssten als »antisemitisch eingestellt« gelten, schreibt Reiser weiter. Sie seien oft formal niedrig gebildeter und autoritärer als andere Menschen. Häufiger als diese würden sie sich zudem vor dem Verlust ihrer sozialen oder gesellschaftlichen Status fürchten. »Außerdem neigen sie stärker dazu, verschwörungsideologischen und kritischen Aussagen mit Bezug zur Coronakrise zuzustimmen und Anti-Establishment-Positionen zu teilen.« Mit dem von der Landesregierung beauftragten Thüringen Monitor wird seit 2000 jährlich die politische Einstellungen der Menschen im Freistaat gemessen.

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