Seniorendisco schließt vorerst

Michael Borge will Tanzveranstaltung fortführen, wenn die Gesundheit mitspielt

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 5 Min.
Spaß am Tanzen: 1981 fand die Seniorendisco im »Blauen Satelliten« im Ku’damm-Karree statt.
Spaß am Tanzen: 1981 fand die Seniorendisco im »Blauen Satelliten« im Ku’damm-Karree statt.

Seit 47 Jahren betreibt Michael Borge einmal in der Woche eine Disco für Senior*innen in Berlin - nun findet sein Herzensprojekt ein vorläufiges Ende: Die »Seniorendiscothek« wird bis auf Weiteres schließen. Am vergangenen Montag sollte eigentlich eine große Abschiedsgala in der Tanzschule Keller in Steglitz stattfinden, doch aufgrund der pandemischen Situation musste sie abgesagt werden. Ohne einen würdigen Abschied möchte Borge seine Disco aber nicht aufgeben. »Irgendwie werde ich noch weitermachen«, sagt er zu »nd«.

Es ist die Gesundheit, die den 73-jährigen beim Musikverlag Meisel beschäftigten Promoter vorerst zum Aufhören zwingt. Eine Schmerztherapie stünde dringend an, und da die Corona-Lage der Organisation seiner wöchentlichen Tanzveranstaltungen ohnehin immer wieder einen Strich durch die Rechnung mache, wolle er sich nun erst einmal darum kümmern. »Es fällt mir unheimlich schwer, die Disco aufzugeben. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Menschen zu unterhalten«, sagt Borge.

Seine Laufbahn als Discjockey startete Borge schon in jungen Jahren. 1965 versuchte sich der damals 17-Jährige mit einer eigenen Disco in einer Gaststätte in seinem Heimatort Heide. Dann wurde er allerdings zum Wehrdienst eingezogen und zog danach nach Westberlin, um eine Ausbildung als Koch zu beginnen. Nach einer holprigen Anfangszeit mit vielen Rückschlägen landete Borge schließlich für einen Nebenjob als DJ in der Diskothek »Badewanne« in der Nürnberger Straße. »Das war genau das, was ich immer machen wollte. Hier kamen viele bekannte Künstler und Top-Bands hin«, erzählt Borge.

1974 habe er dann die Idee der »Seniorendiscothek« gehabt und sie in einem Tanzpalast auf dem Kurfürstendamm zum ersten Mal umsetzen können. »Am Anfang musste ich erst einmal lernen, was meine Gäste hören wollen, anstatt das aufzulegen, was mir gefällt«, so Borge. Moderne Schlager, die auch im Radio laufen, seien ebenso wichtig, wie die Musik aus der Jugend der Senior*innen zu spielen, die Erinnerungen wecke. Nach 47 Jahren funktioniert das Konzept immer noch gut, sagt der Discjockey, und es freue ihn sehr, dass seine Gäste jahrelang immer wieder zu ihm in die Disco kämen.

»Was meine ›Seniorendiscothek‹ so besonders macht, ist, dass ich der Allererste damit war und dass ich schon immer sehr darauf geachtet habe, meine Senioren persönlich kennenzulernen, mir die Namen zu merken und auf ihre Wünsche einzugehen«, erzählt Borge. Außerdem ein entscheidender Faktor: Durch seinen Job im Musikverlag kennt er berühmte Musiker*innen, die er stets dazu eingeladen habe, zur Seniorendisco zu kommen. »So konnte ich meinen Besuchern regelmäßig einen Stargast präsentieren«, sagt Borge. Roland Kaiser etwa oder Max Raabe und das Palast Orchester seien bereits bei ihm aufgetreten.

Die »Seniorendiscothek« ist in den Jahrzehnten ihres Bestehens schon viele Male umgezogen, vom Kurfürstendamm über Neukölln bis nach Steglitz. Jeden Montag ab 14 Uhr unterhielt Borge seine Gäste, die mittlerweile auch seiner eigenen Generation entsprechen, mit Musik, Anekdoten und Gewinnspielen. »Es tut mir sehr leid für meine älteren Gäste, dass ich jetzt zunächst aufhören muss«, sagt er. Er habe viele Anrufe und Briefe erhalten von Senior*innen, die das Ende der Tanzveranstaltungen sehr traurig stimmt. »Es ist gerade eine sehr schwere Zeit für ältere Menschen. Sie sitzen in Seniorenresidenzen, dürfen kaum Besuch bekommen, und dann fallen auch noch die Veranstaltungen aus, während derer sie zumindest mal rauskamen, Spaß hatten und Leute getroffen haben«, sagt Borge.

Auch für ihn sei es während der Pandemie fast unmöglich gewesen, weiterhin die Disco zu betreiben. »Corona kam und nahm mir meine Grundlage. Plötzlich gab es da quasi ein Berufsverbot, und ich durfte meine Veranstaltungen nicht mehr machen, durfte meine Gäste nicht mehr unterhalten«, sagt er. Zwischendurch habe die Seniorendisco dann einmal im Monat stattfinden können, aber auch das sei keine gute Lösung für ihn gewesen. Am 4. November fand nun die vorerst letzte Veranstaltung statt. »Da wusste ich noch gar nicht, dass meine Abschlussveranstaltung im Dezember ausfallen muss. 80 Menschen musste ich in den letzten Tagen schweren Herzens absagen«, sagt Borge sichtbar berührt.

Eine regelmäßige Besucherin der »Seniorendiscothek« ist Christa Benger. Die 76-Jährige ist fast zehn Jahre lang mit ihrem Ehemann zu Borges montäglicher Veranstaltung gekommen, sagt sie zu »nd«. »Das ist schon sehr traurig, dass das jetzt vorbei sein soll. Mein Mann und ich haben zwar noch andere Tanzveranstaltungen, die wir besuchen, aber diese hier war schon etwas ganz Besonderes«, sagt sie. Die Disco sei für viele ältere Menschen in Berlin ein fester Termin in der Woche gewesen, und viele seien dementsprechend »völlig deprimiert«, dass nun nicht einmal die Abschiedsveranstaltung stattfinden kann, so Benger. »Michael Borge weiß durch seine jahrelange Erfahrung ganz genau, was den Senioren Spaß macht«, sagt sie. Besonders gut habe ihr gefallen, dass er verschiedenste Tänze aufgelegt habe, denn viele ältere Menschen würden nicht nur den Discofox, sondern auch alles andere beherrschen. »Ich bin äußerst bedrückt, dass diese jahrzehntelange Institution nun schließen soll«, so Benger.

Endgültig begraben will Michael Borge seine Seniorendisco aber noch nicht. »Der Plan ist, die 50 Jahre doch noch vollzumachen«, sagt er. Wann, wo und wie es weitergehen soll, könne er erst nach der Schmerztherapie im neuen Jahr sagen. »Wenn die Gesundheit wieder da ist, bin ich bereit, mit voller Kraft weiterzumachen«, sagt er.

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