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Afrika kommt kaum an Vakzine

Teile des Globalen Südens holen beim Impfen auf

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 6 Min.
Oktober 2021: Eine Covax-Lieferung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer hat den Flughafen von Nepals Hauptstadt Kathmandu erreicht.
Oktober 2021: Eine Covax-Lieferung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer hat den Flughafen von Nepals Hauptstadt Kathmandu erreicht.

Kurz nachdem die ersten Meldungen einer neuen, möglicherweise infektiöseren Corona-Variante namens Omikron die Runde machten, meldeten sich mehrere UN-Organisationen, die Covax-Initiative und die Afrikanische Union zu Wort. Sie beschwerten sich in einer gemeinsamen Erklärung diesmal nicht über zu geringe Impfstoffmengen für den Kontinent, sondern forderten, dass sich die »Qualität der Spenden verbessern« müsse. Es gibt ein massives Problem: »Die meisten wurden ad hoc, mit kurzer Vorankündigung und kurzer Haltbarkeitsdauer bereitgestellt«, wie es in der Erklärung heißt. Dies habe es den Ländern extrem schwergemacht, Impfkampagnen zu planen und durchzuführen. »Die Länder brauchen eine vorhersehbare und zuverlässige Versorgung.«

Davon kann noch immer keine Rede sein, auch wenn sich das Bild der globalen Impfstoffverteilung wandelt. Fast überall geht es stetig bergauf mit den Impfquoten, wenngleich teils mit quälender Langsamkeit. Mehr als 7,7 Milliarden Impfstoffdosen wurden weltweit seit Dezember 2020 gespritzt. 42,7 Prozent der Weltbevölkerung sind vollständig geimpft. Längst weisen nicht mehr nur Industriestaaten ordentlich hohe Impfquoten auf. In Mittel- und Südamerika haben demnächst alle Staaten das bis Jahrsende ausgegebene UN-Ziel erreicht, 40 Prozent der Bevölkerung komplett zu impfen. Nur Guatemala hinkt mit 25 Prozent hinterher.

In Asien weisen vor allem die bürgerkriegsgeplagten Länder Afghanistan, Jemen und Syrien extrem niedrige Impfquoten auf. Ansonsten ist das Bild gemischt, teils mit überraschenden Unterschieden: Indien, einer der wichtigsten Impfstoffhersteller, hat nur ein Drittel der Bevölkerung vollständig geimpft - ähnlich wie in Europa der Produzent Russland. Der kleine Nachbar Sri Lanka hingegen bringt es auf Quoten etwa wie Deutschland. Hier werden ältere Bürger bereits geboostert. Und die Leute haben die Qual der Wahl: Astra-Zeneca, Biontech, Moderna, Sputnik V und BBIBP-CorV von Sinopharm stehen zur Wahl. Der Totimpfstoff aus China ist am beliebtesten.

Das Reich der Mitte, wo 1,1 Milliarden Menschen mittlerweile doppelt geimpft sind, ist mengenmäßig beim Impfen und bei der Produktion mit großem Abstand Weltmeister. Bei den Quoten hingegen liegt Gibraltar mit über 90 Prozent vorn. Es folgen die Vereinigten Arabischen Emirate, Singapur und Portugal mit jeweils über 85 Prozent.

Miserabel hingegen ist die Situation in Afrika, wo bisher nur Marokko und Tunesien die 40-Prozent-Marke geschafft haben. Selbst das finanzstarke Südafrika liegt mit 25,5 Prozent weit zurück. Zahlreiche Länder liegen sogar im einstelligen Bereich. Vielerorts sind noch nicht einmal das Gesundheitspersonal und die besonders vulnerablen Gruppen geimpft, wie die UN immer wieder beklagen. Die meisten Länder sind auf Covax-Lieferungen oder bilaterale Spenden angewiesen. Umso ärgerlicher ist es, wenn die ankommenden Impfstoffe die genannten Probleme verursachen.

Doch es gibt noch eine andere Seite der Corona-Pandemie in Afrika: Mit Ausnahme Südafrikas ist sie im Vergleich zu Europa trotz der niedrigen Impfquoten bisher relativ glimpflich verlaufen. Nigeria, mit 206 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land, verzeichnete knapp 3000 Todesopfer. Zum Vergleich: In Deutschland mit einer nicht einmal halb so großen Bevölkerung sind es mehr als 100 000.

Warum dies so ist, dafür gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Die Mikrobiologin Folasade Ogunsola aus Nigeria verwies gegenüber der »NZZ« auf das niedrige Durchschnittsalter in vielen Staaten, das bei 20 bis 24 Jahren liegt. Es gibt sehr viele junge Leute, die im Falle einer Infektion bekanntlich ein geringes Risiko eines schweren Verlaufs haben. Ogunsola erläuterte ferner, dass sich das soziale Leben zumindest der einfachen Leute mehr draußen abspiele und auch Großveranstaltungen meist im Freien stattfänden.

Etwas anderes hingegen belegen Studien aus mehreren Ländern: Das Coronavirus hat Afrika nicht etwa links liegen lassen. Als kenianische Forscher im Mai und Juni im größten Slum Nairobis Tausende Bewohner auf Antikörper testeten, ermittelten sie eine Infektionsrate von 66 Prozent. In Äthiopien nahmen Forscher des LMU-Klinikums München, der Universität in Jimma und des St.-Paul’s-Klinikums in Addis Abeba von August 2020 bis Februar 2021 Blutproben von Gesundheitsmitarbeitern in städtischen und ländlichen Gemeinden. Ergebnis: Je nach Region wurden bei 31 bis 56 Prozent der Proben Antikörper gegen Sars-CoV-2 ermittelt. »Die Ergebnisse deuten auf eine große Infektionswelle in Äthiopien«, erläutert der Münchner Tropenmediziner Michael Hoelscher. Offenbar sei die Immunität in der Bevölkerung viel höher als angenommen. Die Forscher regen deshalb an, die knappen Impfstoffe »effektiver einzusetzen«. Man müsse den Antikörperstatus ermitteln und dann eventuell nur die Auffrischimpfung vornehmen. Und es brauche einen gezielteren Einsatz bei Risikogruppen und älteren Menschen.

Was die Wissenschaftler positiv bewerteten, war die niedrige Sterblichkeit. Aus diesem Grund sind manche Virologen auch optimistisch, was das Auftreten der neuen Mutante Omikron im südlichen Afrika angeht. Diese trifft auf eine teilimmunisierte und junge Bevölkerung, was das bisherige Zwischenergebnis erklären könnte, dass Erkrankungen eher milde verlaufen.

Auf die leichte Schulter nehmen darf man die Corona-Pandemie aber natürlich hier nicht. Die Gesundheitssysteme vieler afrikanischer Staaten können selbst bei geringen Zahlen an ihre Belastungsgrenze kommen. Im Juni gab es aus Uganda alarmierende Berichte über voll belegte Intensivstationen und einen Mangel an überlebenswichtigem medizinischen Sauerstoff - und das bei einer offiziell registrierten Sieben-Tage-Inzidenz von lediglich 22 je 100 000 Einwohner.

Insbesondere Praktiker wie von Ärzte ohne Grenzen sind es daher, die auf eine endlich gerechtere Impfstoffverteilung dringen. Sie fordern eine Patentaussetzung für die bei Corona relevanten medizinischen Güter. Mittlerweile sieht es so aus, dass auch die EU-Staaten ihren Widerstand aufgeben. Einige Impfstoffhersteller planen zudem, Werke in afrikanischen Staaten zu errichten. Vakzine aus Vor-Ort-Produktion könnten für verlässlichere und planbarere Lieferungen sorgen, die Covax fordert. Möglicherweise könnten sie auch der gerade in Afrika weitverbreiteten Impfskepsis entgegenwirken - viele Bürger möchten nicht »Versuchskaninchen« westlicher Pharmakonzerne werden.

Das ist die langfristige Perspektive, aber es braucht auch kurzfristige Lösungen, die aktuell wieder aus dem Blick geraten. Covax hat sich längst von seinem Ziel verabschiedet, bis Jahresende zwei Milliarden Dosen Impfstoffe an arme Länder zu verteilen. Bisher sind es lediglich 500 Millionen. Reiche Länder, die zunächst den Markt leer kauften und Impfdosen in riesigen Mengen horten, begannen zwar Mitte des Jahres, ihr Versprechen einzulösen, größere Mengen weiterzureichen. Der Strom versiegt aber schon wieder: Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn teilte Ende November mit, Deutschland werde erst mal keine Impfstoffe mehr weitergeben. Der Grund: Zu Hause sollen alle geboostert werden, und selbst für kleine Kinder stehen Vakzine bereit.

Als die Steppenraute nicht mehr weiterhalf. Im zentralasiatischen Tadschikistan gilt seit einem halben Jahr die allgemeine Impfpflicht. Zuvor hatte das Land das Covid-19-Virus für besiegt erklärt

Erneut wurden die Mahnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht gehört, die das Boostern ausschließlich für Ältere und vulnerable Gruppen empfiehlt. »Täglich werden weltweit sechsmal mehr Auffrischimpfungen verabreicht als erste Impfdosen in Ländern mit niedrigen Einkommen«, sagt WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus. »Das ist ein Skandal, der jetzt gestoppt werden muss.«

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