Reflektierte Lady Bitch Ray

Die Rapperin Reyhan Şahin wird Delegierte der Bundesversammlung.

  • Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 2 Min.

»Ich dachte, die wollten MICH zur Bundespräsidentin wählen!«, scherzte die Autorin Reyhan Şahin kurz nach Bekanntgabe ihrer ehrenvollen Aufgabe. Auf Vorschlag der Bremer Linksfraktion wird Şahin ihre Geburtsstadt in der Bundesversammlung zur Wahl der*des Bundespräsident*in vertreten. Ob in diesem Kontext ein paar ihrer »feministischen Ergüsse« zu erwarten sind? Unter dem Namen Lady Bitch Ray ergießt die Rapperin nämlich seit vielen Jahren ihre feministischen Überzeugungen, bis hin zu feministischer Theorie in die Deutschrap-Szene. Harter Hip Hop und Feminismus sind für sie kein Widerspruch, obwohl die Auseinandersetzung mit der Szene vor allem das Anprangern von Sexismus bedeutet. Das macht Şahin vielfach mit provokant vulgärer Sprache: So setzt sie sich für mehr »vaginale Selbstbestimmung«, ihr Label heißt »Vagina Style Records« und wer sie erreichen möchte, nimmt Kontakt mit dem »Votzensekretariat« auf. Mancher ihrer expliziten Rap-Texte über weibliche Sexualität werden »pornografische Inhalte« nachgesagt.

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist und versucht, es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen. dasnd.de/hohmann

Şahin ist aber nicht ausschließlich provokant, sondern auch reflektiert. Sie irritiert vor allem durch das Einreißen der Grenzen zwischen Hip-Hop-Jargon und Intellektualität. In Bremen studierte die Tochter türkischer Einwanderer Linguistik und Germanistik. 2012 promovierte sie über »Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland«. Ihn ihrem 2019 erschienenen Buch »Yalla, Feminismus!« erzählt Şahin von ihren Diskriminierungserfahrungen als Rapperin und in der »Fuckademia«, wie sie die Wissenschaft nennt, und den zugrundeliegenden Strukturen für Sexismus und Rassismus. Wenn der Sprachwissenschaftlerin etwas nicht passt, dann zeigt sie das. Doch ihre heutigen Auftritte sind längst nicht mehr so skandalträchtig wie noch in den Nullerjahren. Für die Wahl des oder der neuen Bundespräsident*in wird sie wohl kaum »die Bitch in sich« aktivieren.

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