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Fußballrausch gibt’s auch ohne Bier

Deutschlands einziger antialkoholischer Fanklub: Die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen des FC St. Pauli machen gegen Süchte mobil

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 6 Min.
Auch am Millerntor gehört Alkohol zum Fußball überall dazu.
Auch am Millerntor gehört Alkohol zum Fußball überall dazu.

Fußball und Bier sind wie siamesische Zwillinge - sie gehören für die meisten Fans einfach zusammen. Jahrelang zelebrierte auch der St. Pauli-Anhänger Michael Krause diesen Kult - bis zum Exzess. »Manche Kneipen waren mein zweites Wohnzimmer«, sagt der heute 61-Jährige, der seit November 2007 keinen einzigen Schluck Alkohol mehr getrunken hat. Nach seinem Entzug wurde er 2010 durch einen Fernsehbeitrag auf Deutschlands einzigen Fanklub aufmerksam, bei dem Alkohol verpönt ist – die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen. Seit fünf Jahren ist er Sprecher des wohl ungewöhnlichsten Fanklubs des FC St. Pauli.

Momentan herrscht rund um die Reeperbahn Katerstimmung. Das liegt aber nicht daran, dass die dem Alkohol zugeneigte Mehrheit der Fans es mit dem Trinken übertrieben hat, sondern am verpatzten Jahresabschluss des Aufstiegsaspiranten für die Bundesliga. Mit einer bitteren 0:3-Schlappe im Gepäck kehrten die Kiezkicker kurz vor Weihnachten vom letzten Punktspiel in diesem Jahr aus Kiel nach Hamburg zurück. Trotzdem stehen die Chancen des Herbstmeisters und Tabellenführers der 2. Bundesliga gut, mit der spielerisch stärksten Mannschaft seit einem Jahrzehnt zum sechsten Mal in die Eliteklasse des deutschen Fußballs aufzusteigen.

Sollte der Aufstieg gelingen, wird in der Kneipenhochburg St. Pauli wieder das Bier in Strömen fließen. Übrigens: Wer »Fußball und Bier« googelt, erhält 1,5 Millionen Ergebnisse - ein aussichtsloser Kampf für den antialkoholischen Fanklub? »Nein«, entgegnet Krause, »wir kämpfen nicht. Unsere Gruppe ist keine radikale Abstinenzlerbewegung, die Menschen ihre Drogen abnehmen oder gar verbieten möchte.« In erster Linie sei der Fanklub für Betroffene da, die für sich eine Entscheidung getroffen haben oder Rat benötigen, wie sie einen neuen, anderen Weg einschlagen können.

Wollen den Kult ums Bier im Stadion aus unterschiedlichen Beweggründen entzaubern: Die Pauli-Fans Michael Krause (l.), Sebastian Bartels (M.) und 
Stefan.
Wollen den Kult ums Bier im Stadion aus unterschiedlichen Beweggründen entzaubern: Die Pauli-Fans Michael Krause (l.), Sebastian Bartels (M.) und 
Stefan.

Krauses Karriere als Alkoholiker begann im Alter von 18 Jahren. Erst trank er ein bisschen, dann immer mehr. Drei Jahrzehnte lang. Ihm dämmerte zwar, dass er Raubbau an seiner Gesundheit trieb, doch nach selbst auferlegten Trinkpausen soff er umso mehr. Es folgten starke gesundheitliche Probleme – Herzmuskelschwäche, Bluthochdruck, Parodontitis –, dazu gesellten sich Geldsorgen und psychische Instabilität. Es kam noch schlimmer. Sein Vermieter kündigte ihm die Wohnung, außerdem war er nicht mehr krankenversichert. Das war 2007. Doch dank der Unterstützung aus seinem sozialen Umfeld gelang es ihm, seine Sucht in Schach zu halten: »Ich konnte neu durchstarten.« Krause machte einen qualifizierten Entzug, eine Therapie in der Eifel, betrieb Nachsorge und schloss sich einer Selbsthilfegruppe an.

Gleichgesinnte fand er schließlich auch bei den Weiß-brauen Kaffeetrinker*innen. Die waren 1996 von zwei ehemaligen Patienten einer norddeutschen Langzeittherapie-Einrichtung gegründet worden. »Für die beiden langjährigen Dauerkartenbesitzer des FC St. Pauli stand damals fest, dass sie allen therapeutischen Ratschlägen zum Trotz auch weiterhin die Heimspiele ihres Lieblingsvereins besuchen wollten«, erzählt Krause. Aus einer reinen »Selbstschutzbeziehung« unter dem Motto »Ich passe auf dich auf und du auf mich« sei die Idee entstanden, auch anderen, mit dem »St. Pauli-Virus« infizierten Betroffenen diese Hilfe anzubieten. So entstand ein Selbsthilfeangebot der etwas anderen Art bei dem Fußballverein der etwas anderen Art.

Aktuell zählt der Fanklub rund 40 Mitglieder, dazu kommen einige Sympathisanten. Das jüngste Mitglied ist Jahrgang 1988, das älteste Jahrgang 1945. Ein Schwerpunkt liegt in der Altersklasse um die 50. »Das ist im Wesentlichen dadurch zu erklären, dass die meisten Betroffenen in der Regel mit Mitte 40 die Auswirkungen ihres oft jahrzehntelangen Missbrauchs im gesundheitlichen, finanziellen, beruflichen, familiären und psychosozialen Bereich zu spüren bekommen und sich erst dann zu einem anderen Weg entscheiden«, sagt Krause.

Alle Suchtbereiche sind vertreten: »reine« Alkoholiker, Alkoholiker mit Beikonsum illegaler Drogen, Polytoxe, Spielsüchtige, Mehrfacherkrankte (Alkohol, Medikamente, Depressionen). Dazu haben sich in letzter Zeit aber auch Menschen gesellt, die nicht suchtkrank sind, sondern »komafreies« Fußballvergnügen schätzen. Der berufliche Hintergrund erstreckt sich von Beschäftigungslosen bis hin zu Akademikern - entsprechend der Suchterkrankungsverteilung in der Gesamtgesellschaft. Ein Ungleichgewicht herrscht aber doch: zwischen Männern und Frauen, die nur rund 20 Prozent der Mitglieder ausmachen. »Das ist unser größtes Manko, an dem wir hart arbeiten müssen«, gesteht Michael Krause.

Mit »im Klub« ist seit 2010 auch der trockene Alkoholiker Stefan, der seinen Nachnamen nicht in einer Zeitung veröffentlicht wissen will. Seit zwei Jahrzehnten geht er regelmäßig ins Stadion am Millerntor, seit elf Jahren ohne zu trinken: »Wir treffen uns in kleinen Gruppen vor dem Spiel, dabei fühle mich wohl.« Ein Alkoholverbot im Stadion würde er begrüßen: »Ich habe mich ja auch daran gewöhnt, im Kino nicht mehr rauchen zu dürfen.« Der in der Werbung tätige unterstützende »Sympathisant« des weiß-braunen Fanklubs Sebastian Bartels (52) meint: »Es wird einem zu leicht gemacht, süchtig zu werden. Alkohol hat in der Politik und den Vereinen eine zu starke Lobby.«

Und die agiert mit großem Erfolg. Auch der von seinen kritischen Fans heiß geliebte FC St. Pauli möchte auf Werbeeinnahmen von der Carlsberg-Brauerei (»Astra«) und vom Whiskyhersteller Jack Daniel’s nicht verzichten. Bei der vorletzten Jahreshauptversammlung stellten die Kaffeetrinker Anträge gegen den Ausschank von Alkohol im Stadion - vergeblich. Auch der Wunsch nach vier alkoholfreien Getränkeständen - in jeder Kurve einen - ging nicht in Erfüllung. »Da haben alle Führungskräfte massiv Front gegen unseren Vorstoß gemacht«, sagt Krause, »Vereinschef Oke Göttlich entpuppte sich da als knallharter Geschäftsmann. Er hat richtig auf die Kacke gehauen, mit der Verlässlichkeit gegenüber den Werbepartnern argumentiert und finanzielle Aspekte in den Vordergrund gestellt.«

So verwundert nicht, dass der Verein im September 2021 im schönsten PR-Sprech die Verlängerung der 2019 wiederbelebten Partnerschaft mit Jack Daniel’s vermeldete: »Zwei starke Partner, die eine Haltung teilen: Sich für die eigenen Ideale gerade zu machen und sich für niemanden verbiegen zu lassen.« Beide Partner verbinde zudem ein »gemeinsames Werteverständnis«. Leider wurden diese Ideale und Werte nicht näher benannt. In die zehnjährige Verlängerung ging der Verein kürzlich auch mit der Biermarke Astra, Sponsor seit vier Jahrzehnten. Als der Kiezklub 2003 vor der Pleite stand und Frustsaufen angesagt war, trug die Kampagne »Astra trinken - St. Pauli retten« maßgeblich zur Rettung des FC St. Pauli bei. Seitdem ist der Gerstensaft millionenfach durch die Kehlen sangeslustiger Fans am Millerntor geflossen.

Obwohl die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen sich der pekuniären Zwänge im hochkapitalistischen Profifußball bewusst sind, nerven sie gerne weiter - und haben in ihrem Jubiläumsjahr zumindest einen Teilerfolg erzielen können. Beim ersten Rückrundenspiel gegen den FC Erzgebirge Aue am 15. Januar werden an einer Stelle nur alkoholfreie Getränke ausgeschenkt - finanziert durch eine Spendenaktion, die bisher 3000 Euro erbracht hat. »Der Stand wird von einem Caterer betrieben«, berichtet Krause, »es ist das erste Mal, dass ein Profiverein das in seinem Stadion umsetzen lässt.« Womit laut Krause und seinen Mitstreitern endgültig bewiesen sein dürfte: »Fußball geht auch komafrei!« Die Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen sind seit 25 Jahren das beste Beispiel dafür.

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