Nachhaltigkeit wird finanzkapitalistisch taxiert

Neue EU-Regeln sollen bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten besonders interessant für die künftige Investorenwelt machen

Unter Taxonomie versteht man in den Naturwissenschaften ein einheitliches Verfahren, mit dem Objekte nach bestimmten Kriterien leicht verständlich klassifiziert werden. Auch Investoren behalten gerne den Überblick. Und dies gilt gerade für das, was manche Experten in naher Zukunft für das große Ding an den Finanzmärkten halten: grüne Geldanlagen. Kleinanleger wie Großinvestoren suchen nach ihnen, doch es gibt kaum Produkte oder nur solche, die »Nachhaltigkeit« ganz unterschiedlich definieren, oft nach Kriterien, die nicht nur Umweltschützern die Haare zu Berge stehen lassen. Die Ungewissheit ist der Grund dafür, dass der Bereich trotz potenziell sehr großer Nachfrage bisher ein Schattendasein fristet.

Die EU will in den Wildwuchs der Märkte nun Ordnung bringen. Eine Taxonomie soll Nachhaltigkeitskriterien für eine breite Palette an Wirtschaftsbereichen festlegen. Brüssel möchte also eine Klassifizierung für all das schaffen, was als grün bezeichnet werden darf. Wie der frühere Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold erläuterte, geht es darum, »unter welchen Bedingungen etwa die Herstellung von Stahl, Zement und anderen Baustoffen, Forstwirtschaft, Wasserversorgung, Transport, Kommunikation oder die Erzeugung von Energie einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz oder der Anpassung an den Klimawandel leisten können«. Zusätzlich werden für alle Bereiche rote Linien definiert, um Umweltverschmutzung sowie Schäden für Biodiversität und Wassersysteme auszuschließen und den Übergang zur Kreislaufwirtschaft nicht zu gefährden.

Die EU-Taxonomie ist in Form eines sogenannten delegierten Rechtsaktes Ende Dezember in Kraft getreten. Befürworter wie Giegold sehen darin einen »Meilenstein für grünere Finanzmärkte in Europa«. Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen nimmt die Sache eher pragmatisch, denn das Brüsseler Großvorhaben des »Europäischen Grünen Deals« will finanziert werden. »Durch die EU-Taxonomie sollen private Investitionen mobilisiert und in Tätigkeiten gelenkt werden, die notwendig sind, um in den nächsten 30 Jahren Klimaneutralität zu erreichen«, heißt es daher von der Kommission.

Kritik gab es bisher kaum. Lediglich die Rüstungsindustrie meckerte, dass auf sie massive Finanzierungsprobleme zukämen. Kaum zu vernehmen waren auch linke Stimmen, die Klimaschutz nicht dem finanzkapitalistischen Renditedruck unterworfen sehen möchten. Und so drehte sich die gesamte Aufregung um eine Frage, die zunächst ausgeklammert und über die zusammen mit einigen anderen Details erst in einigen Wochen in einem zweiten Rechtsakt entschieden werden soll: Werden Atom- und Gaskraft als nachhaltig klassifiziert? Dies ist zwar eine kleine Randnotiz im neuen Regelwerk, womöglich aber mit großen Folgen.

Es stehen nämlich viele Anleger bereit, die aus Gewissensgründen in nachhaltige Anlagen investieren möchten. Und es gibt längst auch ein hartes, materielles Fundament dafür. Da global die politischen Weichen Richtung Klimaschutz gestellt werden, könnten sich Investitionen in allen möglichen nicht nachhaltigen Wirtschaftsbereichen zudem als Verlustgeschäfte entpuppen. Für den Kohlebereich gilt das längst. Hier finden sich kaum noch private Investoren, die bereit wären, hier Geld anzulegen, so dass der Kohleausstieg in vielen Ländern auch von den Märkten erzwungen wird. Nur noch dort, wo die öffentliche Hand dies massiv subventioniert, wird in neue Projekte investiert.

Und längst drängen auch ganz große Investoren in verschiedenen Initiativen zu mehr Klimaschutz. In einer Welt der großen Klimakatastrophe dürfte es schwer werden, noch viele rentable Anlagefelder zu finden. Einen Aufruf an die Regierungen, keine fossilen Energieträger mehr zu subventionieren, unterzeichneten im vergangenen Jahr daher Finanzgruppen, die zusammen Kapital in Höhe von 41 Billionen Dollar verwalten, fast ein Drittel des gesamten globalen Vermögens. Um das ganz große Geld buhlt natürlich auch die EU - die neue Taxonomie soll es in rauer Menge auf die europäischen Märkte locken.

Werde Mitglied der nd.Genossenschaft!
Seit dem 1. Januar 2022 wird das »nd« als unabhängige linke Zeitung herausgeben, welche der Belegschaft und den Leser*innen gehört. Sei dabei und unterstütze als Genossenschaftsmitglied Medienvielfalt und sichtbare linke Positionen. Jetzt die Beitrittserklärung ausfüllen.
Mehr Infos auf www.dasnd.de/genossenschaft

Das beste Mittel gegen Fake-News und Rechte Propaganda: Journalismus von links!

In einer Zeit, in der soziale Medien und Konzernmedien die Informationslandschaft dominieren, rechte Hassprediger und Fake-News versuchen Parallelrealitäten zu etablieren, wird unabhängiger und kritischer Journalismus immer wichtiger.

Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

Vielen Dank!

Unterstützen über:
  • PayPal