Weg mit der Tradition!

Golden Globes 2022: Muss eine Preisverleihung, die stark an Relevanz und Glaubwürdigkeit verloren hat, unbedingt stattfinden, nur weil es die »Tradition« so will?

  • Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 7 Min.

Je korrupter, sexistischer und rassistischer eine Organisation, desto widerwilliger ist sie gegenüber Reformen und Änderungen und desto mehr beharrt sie auf ihrer »Tradition«.

So fand auch die 79. Verleihung der Golden Globe Awards in der Nacht zu Montag trotz massiver Kritik in Los Angeles statt. Ohne TV-Gala, ohne Livestream, ohne Publikum, ohne Medien und ohne Stars. Und nein, schuld war diesmal nicht die Pandemie. Etliche Prominente haben die Veranstaltung ebenso boykottiert wie einige PR-Firmen die Zusammenarbeit mit der Hollywood Foreign Press Association (HFPA), dem Verband der Auslandspresse, der die Verleihung seit 1944 ausrichtet. Der US-Fernsehsender NBC, der die Gala normalerweise ausstrahlt, sagte die Übertragung für 2022 ab. Sogar Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon haben angekündigt, dass sie, solange es keine echten Veränderungen beim Verband gibt, mit diesem nicht mehr weiter zusammenarbeiten werden. Und nicht zuletzt: Tom Cruise hat seine drei Golden Globes zurückgeschickt!

Golden-Globe-Gewinner*innen 2022
  • Bestes Filmdrama: »The Power of the Dog«
  • Beste Komödie/Bestes Musical: »West Side Story«
  • Beste Regie: Jane Campion (»The Power of the Dog«)
  • Bester Schauspieler Filmdrama: Will Smith (»King Richard«)
  • Beste Schauspielerin Filmdrama: Nicole Kidman (»Being the Ricardos«)
  • Bester Schauspieler Komödie/Musical: Andrew Garfield (»Tick, Tick. Boom!«)
  • Beste Schauspielerin Komödie/Musical: Rachel Zegler (»West Side Story«)
  • Bester Nebendarsteller: Kodi Smit-McPhee (»The Power of the Dog«)
  • Beste Nebendarstellerin: Ariana DeBose (»West Side Story«)
  • Beste Filmmusik: »Dune«, Hans Zimmer
  • Bester fremdsprachiger Film: »Drive my Car«
  • Beste Serie – Drama: »Succession«
  • Bester Serien-Hauptdarsteller – Drama: Jeremy Strong (»Succession«)
  • Beste Serien-Hauptdarstellerin – Drama: MJ Rodriguez (»Pose«)
  • Beste Serie – Komödie/Musical: »Hacks«
  • Bester Serien-Hauptdarsteller – Komödie/Musical: Jason Sudeikis (»Ted Lasso«)
  • Beste Serien-Hauptdarstellerin – Komödie/Musical: Jean Smart (»Hacks«)
  • Beste Miniserie oder Fernsehfilm: »The Underground Railroad«
  • Bester Hauptdarsteller – Miniserie oder Fernsehfilm: Michael Keaton (»Dopesick«)
  • Beste Hauptdarstellerin – Miniserie oder Fernsehfilm: Kate Winslet (»Mare of Easttown«)
  • Bester Nebendarsteller – Serie, Miniserie oder Fernsehfilm: Oh Young-soo (»Squid Game«)
  • Beste Nebendarstellerin – Serie, Miniserie oder Fernsehfilm: Sarah Snook (»Succession«)

Was ist mit dem zweitwichtigsten Preis (nach dem Oscar) in Hollywood passiert? Warum wollen viele nichts mehr damit zu tun haben? Die vergangenen Monate seien schwierig gewesen, teilte die HFPA in einem offenen Brief mit. Aber sie wolle trotz der Kontroversen ihre langjährige Tradition fortsetzen, um »die Verdienste um Film und Fernsehen mit einer Preisvergabe zu würdigen«. Doch längst geht es bei den Golden Globes nur noch um Geld und Beziehungen.

Was ist in diesem Laden eigentlich all die Jahre schiefgelaufen? Die HFPA gehören derzeit 103 Journalist*innen unterschiedlicher Nationalitäten an, die hauptsächlich in Hollywood arbeiten und in ausländischen Medien veröffentlichen. Voraussetzung für die Mitgliedschaft ist, dass man journalistisch tätig ist und man von zwei Mitgliedern vorgeschlagen wird. Also Beziehungen hat. Bei der Oscar-Akademie braucht man zwar auch zwei sogenannte Sponsoren, um dort aufgenommen zu werden - außer wenn man einen Oscar gewinnt oder eine Nominierung hat, dann wird man automatisch Mitglied der Akademie -, aber über die Oscar-Verleihung entscheiden mehr als 9000 Mitglieder und nicht nur eine relativ kleine Gruppe von Journalist*innen.

Es wurde ab und an kritisiert, dass vieles bei der HFPA, besonders die Mitgliederliste, intransparent sei. Doch richtig ernst wurde es erst Anfang des vergangenen Jahres, als die »Los Angeles Times« der Association vorwarf, deren Mitglieder würden von PR-Agenturen und der Filmbranche teure Geschenke annehmen. Die Zeitung hat zudem öffentlich gemacht, dass der Verband Millionen von Dollar für unterschiedliche Tätigkeiten an seine Mitglieder zahlt. Das zeigte, dass viele HFPA-Journalist*innen eigentlich nicht vom Journalismus leben, sondern von ihrer Mitgliedschaft. So könnten also »die Verdienste um Film und Fernsehen« beispielsweise gewürdigt werden: Eine PR-Firma schenkt einer Journalist*in teure Reisen zu Dreharbeiten, dann wird dieser Film besonders unterstützt.

Doch das war nicht das ganze Debakel der HFPA. Ihre Jury bestand erstaunlicherweise jahrzehntelang komplett aus weißen Mitgliedern. Das muss man erst mal schaffen! Ja, ja, es geht nicht um die Hauptfarbe, sondern um journalistische Standards, Kompetenz und Können. Nur fand sich halt über Jahrzehnte hinweg »zufälligerweise« kein einziger schwarzer Mensch, der die hohen journalistischen Standards bei der Foreign Press Association erfüllen konnte. Dass Rassismus und Sexismus bis vor nicht allzu langer Zeit sogar in den Gesetzen steckten, spielt ja auch keine Rolle mehr. Das alles ist nun Geschichte. Heute bestimmen natürlich nur Kunst und Talent den Markt. Und die Identitätspolitik möge uns bitte in Ruhe lassen!

Dieses Mal - eigentlich schon zu spät - konnte der Verband nicht mehr vor der Kritik davonlaufen. So musste sich eine Veranstaltung, bei der ein paar privilegierte Journalist*innen und Akteur*innen der Filmbranche lange Zeit gemütlich unter sich geblieben waren, weil sie die Regeln des Spiels gut kannten und einmal im Jahr ihre schöne alte Tradition mit Glamour, Gala und Globes genießen konnten, nun wegen der Meckerei einer »Quotendiktatur« (!) mit Reformen beschäftigen. Recht ärgerlich!

Wie sahen die Reformen nun aus? Anders gefragt: Waren die paar Maßnahmen, die blitzschnell durchgeführt wurden, wirklich strukturelle Reformen? Die HFPA hatte etwa angekündigt, dass die Mitglieder in Zukunft keine Geschenke mehr von Produzenten und PR-Firmen annehmen dürfen. Innerhalb einiger Monate wurden dann 21 neue Mitglieder aufgenommen - mit dem Fokus auf Diversität, wie es hieß. So oberflächlich dachte der Verband - als könnten die strukturellen Probleme, die über Jahrzehnte hinweg entstanden sind, mit der schnellen Aufnahme von ein paar schwarzen Mitgliedern gelöst werden. Auch der neu eingestellte externe Berater und Experte für Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion, Professor Shaun R. Harper, ist nach kurzer Zeit wieder zurückgetreten - mit dem Hinweis, dass er die von ihm erwarteten transformationellen Veränderungen nicht vornehmen könne, nachdem er die Tiefe der systemischen Probleme und Reputationsschäden der Organisation kennengelernt habe. Mit anderen Worten: Er glaubte, der Laden sei nicht mehr zu retten.

Es gab viel Hektik bei der Aufarbeitung, nur damit die Verleihung wie geplant am 9. Januar stattfinden konnte. Weil die »Tradition« nicht ausgesetzt werden sollte. Denn the Show must go on, das sei eben die Mentalität von Hollywood. Muss sie? Muss eine Preisverleihung, die an Relevanz und Glaubwürdigkeit stark verloren hat, in einer Welt, in der es ohnehin nur so von Filmpreisen und Festivals wimmelt, unbedingt stattfinden, nur weil ihr nicht mehr geblieben ist als die Tradition?

Was waren nun »die Verdienste um Film und Fernsehen« 2022 aus Sicht der seit Kurzem auch mit ein paar diversen Mitgliedern besetzten HFPA? Allein die Nominierungen im Bereich Film waren so hoffnungslos, wenn man sie mit anderen US-Werken aus dem vergangenen Jahr vergleicht, die etwa beim Sundance-Festival präsentiert wurden - aber wir sind hier eben in Hollywood, daran muss man sich ständig erinnern.

Jedenfalls hat der psychologische Western »The Power of the Dog« den Preis des Besten Filmdramas und dessen neuseeländische Regisseurin Jane Campion den der Besten Regie gewonnen. Der Australier Kodi Smit-McPhee wurde für seine Rolle in diesem Film als Bester Nebendarsteller geehrt. Bester Film im Bereich Komödie oder Musical war »West Side Story«, dessen Geschichte zum x-ten Mal erzählt wurde, diesmal von Steven Spielberg. Der Golden Globe für das Beste Drehbuch ging an den Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh für sein Drama »Belfast« über den Nordirlandkonflikt in den 1970er Jahren. Dabei wurden, so der Eindruck der Autorin dieser Zeilen, die katholischen Menschen, die sich für ein vereinigtes und unabhängiges Irland einsetzten, eher als brutal und die protestantischen, meist die schottischen oder englischen Kolonisator*innen, wiederum als friedlich dargestellt. Dabei denkt man unwillkürlich an »Vom Winde verweht« (1939), in dem die Südstaatler*innen, die Baumwollplantagenbesitzer*innen, die pro Sklaverei waren, von den im Film barbarisch dargestellten Nordstaatler*innen angegriffen und ihrer Pracht und Herrlichkeit beraubt wurden - aber dazu ein anderes Mal.

Der beste Beitrag, der bei dieser Verleihung einen Golden Globe gewann, war der japanische Film »Drive My Car« von Ryūsuke Hamaguchi. Die einzige Kategorie, in der es oft gute Filme gibt, ist interessanterweise die des fremdsprachigen Films! Die Frage, warum ausgerechnet die Sprache eines Films bestimmen soll, mit welchen anderen Filmen dieser konkurrieren darf, ist bei den Golden Globe Awards noch nicht angekommen. Die Foreign Press Association hat ja momentan wichtigere Probleme. Und dass einige Filme mehrsprachig sind oder sein könnten, »sogar« US-amerikanische Produktionen (Überraschung: das Land besteht zum großen Teil aus Immigrant*innen, die mehrere Sprachen sprechen), ist ihnen anscheinend auch noch nicht aufgefallen. Da ist die Oscar-Akademie einen Schritt voraus, wenn auch nur einen kleinen. Sie hat 2020 diese Kategorie zumindest in »Bester internationaler Film« umbenannt.

Es ist klar, dass es bei den Oscars und Golden Globes eher um den US-Markt geht. Aber sogar der US-Markt - wer hätte es gedacht! - ist nicht mehr derselbe. Zumindest nach MeToo und Black Lives Matter nicht. Also, weg mit der Tradition!

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