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  • Wissenschaftsladen Dortmund

Linkes Internetprojekt im Querdenker-Sumpf angekommen

Ehemalige Mitstreiter*innen wehren sich gegen Querfront bei free.de

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.
Seit Beginn der Pandemie demonstrieren Querdenker auch in Dortmund.
Seit Beginn der Pandemie demonstrieren Querdenker auch in Dortmund.

Der Wissenschaftsladen Dortmund (Wila) ist eine Institution in der linken Szene des Ruhrgebiets. Anfang der 1980er Jahre wurde der Verein von Studierenden der Technischen Universität gegründet. Der Wila ist für viele Projekte verantwortlich. Früh hatte er eine Solaranlage auf dem Dach des Kulturzentrums »Langer August« in Dortmund gebaut. Eine Fahrradwerkstatt mitinitiiert und Jugendarbeit in der Nordstadt gemacht. Das bekannteste Projekt des Wila ist free.de, ein Internetprojekt, das es seit 1991 gibt. Für die linke Netzinfrastruktur in Deutschland war free lange Zeit wichtig. Lange bevor es eine Schwämme an Blogbetreibern gab, konnten linke Projekte ihre Internetseiten bei free laufen lassen. Auch Mailadressen und Datei-Container bietet free an. Das Versprechen dabei, Menschen unterstützen, die »das Netz als Werkzeug in emanzipativen Auseinanderset­zungen nutzen wollen«.

Davon ist heute leider wenig übrig geblieben. Mit einer Erklärung wenden sich ehemalige Mitstreiter*innen, User*innen und Unterstützer*innen von free.de und dem Wila Dortmund an die Öffentlichkeit. Für sie ist das Projekt bei den Querdenkern und Corona-Leugnern angekommen. Das dieser Vorwurf nun öffentlich gemacht wird, liegt in letzter Konsequenz an Demoteilnahmen von Protagonisten des Projekts. Am dritten Januar demonstrierten sie in Dortmund bei einer Demo von Coronaleugnern. Mit dabei auch Neonazis der Partei »Die Rechte«. Seitdem sei »die Zeit der internen Aufarbeitung vorbei«, heißt es in der Erklärung der ehemaligen Mitstreiter*innen.

Auch in Dortmund dürfe man sich »keine Illusionen« über den Charakter dieser Demos machen. Kritik an der Demoteilnahme habe bei den Betreibern von free.de keine Wirkung gezeigt. Um einen »Ausrutscher« handele es sich dabei nicht, so die ehemaligen Mitstreiter*innen: »Die bei free.de verbliebenen Personen scheinen sich schon vor einigen Jahren in eine bedenkliche Richtung radikalisiert zu haben.« Um das festzustellen, hilft ein Blick auf die Internetseite des Wissenschaftsladens. Seit Beginn der Pandemie werden dort Videos und Texte von Querdenkern wie Sucharit Bhakdi verbreitet. In der Regel handelt es sich um pseudowissenschaftliche Beiträge, deren Inhalte längst widerlegt sind. Versuche, dagegen zu intervenieren, seien gescheitert, heißt es in der Erklärung. Mahnende Stimmen hätten kein Gehör gefunden und seien aus dem Projekt gedrängt worden.

Warum es wichtig ist, über die Entwicklungen bei einem kleinen Dortmunder Verein zu informieren? free.de hat noch immer eine große Nutzerbasis. Server und Dienstleitungen werden beansprucht. 2018 gab es eine Hausdurchsuchung in den Räumlichkeiten des Wissenschaftsladens. Französische Atomkraftgegner hatten Baupläne von Atomkraftwerken bei free.de abgelegt. Die Durchsuchung führte zu einer breiten Solidarität in der linken und netzpolitischen Szene. Die ehemaligen Mitstreiter*innen des Projekts sind der Meinung, dass free.de jetzt »das Vertrauen verspielt« habe und als »linke digitale Infrastruktur nicht mehr tragbar« sei.

Nutzer*innen sollten überlegen, ob sie weiter mit dem Projekt zusammenarbeiten wollen. Lokal in Dortmund wird es bald um den Umgang mit dem Wissenschaftsladen im Kulturzentrum »Langer August« gehen. Eine Protagonistin von free sitzt im Vorstand des Trägervereins. Im Februar gibt es eine Mitgliederversammlung mit dem Ziel, die linke Querdenkerin abzuwählen.

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