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Mit angezogener Handbremse

In Deutschland könnte die Omikron-Welle weniger krass ausfallen, aber etwas länger andauern als anderswo

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.
Durch verschärfte verspätete Maßnahmen gegen die Delta-Variante ist Deutschland gut auf die Omicron-Welle vorbereitet
Durch verschärfte verspätete Maßnahmen gegen die Delta-Variante ist Deutschland gut auf die Omicron-Welle vorbereitet

80 430 registrierte Neuinfektionen an nur einem Tag – das hat es während der Corona-Pandemie in Deutschland noch nicht gegeben. Das Robert-Koch-Institut bezifferte am Mittwoch die Sieben-Tage-Inzidenz auf 407,5.

Auch wenn der extreme Anstieg der Fallzahlen gegenüber dem Vortag mit 45 690 Fällen eher auf Probleme im Meldewesen zurückzuführen ist – die Fachleute sind sich weitgehend einig, dass auch hierzulande die Inzidenz in nächster Zeit noch deutlich steigen wird. Die Omikron-Variante, das zeigt ein Blick auf die Landkarte, bewegt sich gerade von Nord nach Süd durch die Republik.

Ausgerechnet Bremen, das Bundesland mit der höchsten Quote doppelt Geimpfter (84,3 Prozent), ist klarer Inzidenzspitzenreiter. »Mit der beispiellosen Effektivität der Übertragung wird Omikron letztlich fast jeden finden«, sagt der US-Immunologe und Präsidentenberater Anthony Fauci. Auch Geimpfte und Genesene würden infiziert werden, aber sie müssten meist nicht ins Krankenhaus.

Deutschland geht indes – anders als Länder wie Großbritannien oder Dänemark – halbwegs vorbereitet in die Omikron-Welle. Das liegt an den verspätet eingeführten Maßnahmen zur Begrenzung der Delta-Welle, die jetzt helfen, die Zahlen zu begrenzen. Die Bundesrepublik startet sozusagen mit angezogener Handbremse.

Daher werden die Zahlen nicht ganz so steil nach oben schießen wie anderswo, die Welle wird sich aber wohl über einen längeren Zeitraum erstrecken. Das ist positiv, da Omikron zwar nicht den tödlichen Schrecken verbreitet wie vorherige Varianten. Das Problem ist das der sehr hohen Infektionszahlen. Damit braucht es eine geänderte Corona-Strategie.

Für die Krankenhäuser etwa bedeutet das: Nicht etwa die Intensivstationen werden überlastet werden, so dass örtlich triagiert wird, sondern die normalen Stationen werden sich füllen, auch wenn das bisher noch nicht zu beobachten ist. Aus verschiedenen Landesteilen kommen zudem Berichte, wonach sich die Kliniken für steigende Patientenzahlen gerüstet sehen.

Laut MDR-Recherche können in Thüringen zahlreiche Häuser die Bettenkapazitäten zügig nach oben fahren und sind mit Hilfe von Notfallplänen auf viele Szenarien vorbereitet. Krisenstäbe, die die Lage bewerten, tagen regelmäßig.

Die eigentliche Gefahr ist, dass bei ohnehin unterbesetztem Personal viele Pflegekräfte gleichzeitig in Isolation oder Quarantäne müssen und nicht arbeiten können, was in Großbritannien zum Problem geworden ist. Die Sache mit der angezogenen Handbremse in Deutschland hilft aber auch hier. Für Entlastung im Arbeitsbereich soll zudem die Halbierung der Quarantänezeit auf sieben Tage sorgen, wenn man einen negativen Test vorlegen kann oder wenn man frisch geimpft oder genesen ist.

Diese eher pragmatische Regelung, die nur einen geringen Anteil an Infektionen übersehen dürfte, wurde beim letzten Bund-Länder-Treffen beschlossen, doch die Umsetzung zieht sich hin. Das Bundeskabinett beschloss die Verordnung am Mittwoch, durch Bundestag und Bundesrat soll sie bis Freitag gehen. Erst dann können die Länder sie einführen.

Die Quarantäneverkürzung hat indes einen Haken: Aus Studien gibt es Hinweise, dass Antigen-Schnelltests Omikron schlechter erkennen als PCR-Tests oder zumindest erst mit mehreren Tagen Verspätung. Die zuständigen Fachbehörden wiegeln bisher ab und erklären, in Deutschland seien »keine unzuverlässigen Tests zugelassen«. Auch die in den USA angedachte Praxis, mit zwei Schnelltests in zeitlichem Abstand die Wahrscheinlichkeit von falsch-negativen Tests zu mindern, ist kein Thema. Immerhin: Beschäftigte in Kliniken und Pflegeeinrichtungen können sich nur per PCR »freitesten«.

Deren Testkapazitäten sind zwar bisher nicht ausgelastet, aber dies könnte bei hohen Coronazahlen passieren. Deshalb gibt es schon Forderungen, jenseits der Aktenheime und Kliniken Quarantäne für Kontaktpersonen aufzugeben. Eine Nachverfolgung bei künftig extrem hohen Fallzahlen sei nicht mehr möglich, dies binde außerdem zu viele Kapazitäten und könnte so viele Menschen in Quarantäne bringen, dass tatsächlich Engpässe beim Personal entstehen. Einzelne Wirtschaftsbereiche warnen schon mal vorsorglich.

Der Bundesverband Medizintechnologie hält Fachkräfteausfall für möglich, der Außenhandelsverband BGA eine temporäre Störung der Lieferketten, wobei ein Zusammenbruch nicht drohe. Wie realistisch dies ist, lässt sich seriös nicht beurteilen. Für die zuletzt viel bemühte kritische Infrastruktur gilt, dass dort in allen Bereich Pandemiepläne in den Schubladen liegen müssen.

Unmittelbar ernst ist die Lage hingegen an Schulen. Falls sich die Infektionslage weiter verschärft, müsse die Politik schnell reagieren, fordert Lehrerverbandschef Heinz-Peter Meidinger. Dabei könne es um tägliche Corona-Tests und um eine FFP2-Masken-Pflicht gehen. Auch eine Aufhebung der Präsenzpflicht sei denkbar. Andere wiederum halten tägliche Tests und FFP2 bei Lockerung der Quarantäne gerade für den Schlüssel, um Schulen offenzuhalten.

Vieles bleibt offen, die Politik wird wohl noch mehrfach über Maßnahmen beraten. Aber immerhin gibt es erstmals Licht am Ende des Tunnels: Immer mehr Virologen gehen davon aus, dass nach den Omikron-Wochen die Pandemie zur Endemie wird.

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