Pandemie erhöht Reformdruck

Lage in den Krankenhäusern ist vor der Omikron-Welle angespannt

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

In den Krankenhäusern herrscht angespannte Erwartung: Wie viele Patienten werden im Zuge der anwachsenden Omikron-Welle eine stationäre Behandlung brauchen? Auch wenn einiges darauf hindeutet, dass die Virusvariante eher mildere Krankheitsverläufe bewirkt: Unter der hohen absoluten Zahl von Infizierten werden sich mit Sicherheit auch Menschen befinden, deren Risikofaktoren dazu beitragen, dass sie trotzdem im Krankenhaus versorgt werden müssen.

Zwar sei im Moment auch bei den Inzidenzen noch keine »Wand«, wie von Virologen angekündigt, zu sehen, aber auch bei dieser Kennziffer haben wir es in Deutschland mit »verzögerten Zahlen« zu tun. Das gibt Gerald Gaß zu bedenken, als er am Dienstag in Berlin die Situation in den Krankenhäusern beleuchtet. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) rechnet, mit Blick auf andere Staaten, mit einem weiteren Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz auf 1000 bis 1500 bundesweit. Damit wäre die Bundesrepublik auch international keine Ausnahme. Aber auch er weiß nicht, was das hierzulande für den Grad der Hospitalisierung dieser positiv getesteten Fälle bedeuten wird. In vergleichbaren Industrieländern seien zudem andere Impfquoten erreicht worden und andere Kontaktbeschränkungen gültig. Dennoch müssten die Kliniken hierzulande vorbereitet sein. Dafür spricht zudem, dass möglicherweise viele Beschäftigte in Quarantäne müssten und deshalb ausfallen könnten.

Für eine gute Vorbereitung auf einen neuen Pandemiehöhepunkt ist jedoch auch der Ist-Zustand entscheidend. Dieser ist für die Krankenhäuser seit März 2020 der Ausnahmezustand, trotz immer wieder einmal zurückgehender Inzidenzen. »In allen Abteilungen und Kliniken ist maximaler Infektionsschutz nötig«, beschreibt Gaß die Daueranforderung, weil jeder Patient potenziell infiziert sein könnte. Die Regelversorgung konnte 22 Monate nicht so gesichert werden wie vor der Pandemie. Die Intensivstationen sind mit den Covid-Patienten massiv zusätzlich belastet. Es kommt zu Wartezeiten für andere Patienten, die nach einem Eingriff einige Tage auf der Intensivstation beobachtet werden müssten. Gaß weist noch einmal darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Covid-Patienten auf den Intensivstationen beatmet werden müssen, wiederum die Hälfte davon würde nicht überleben. »Die Schwerkranken nehmen mehr Ressourcen in Anspruch. Die Prozesse auf den Stationen werden langsamer durch den Infektionsschutz. Mehrbettzimmer sind weniger möglich.«

Weil aber das Finanzierungssystem der Krankenhäuser nicht auf Pandemien eingestellt ist, fordert der DKG-Chef und Volkswirt, dass der Rettungsschirm für die Kliniken nachjustiert werden müsse, und zwar über das Jahr 2022 hinaus. »Bis zu 600 Krankenhäuser sind davon gar nicht erfasst, darunter Fach- und psychiatrische Kliniken. Aber auch dort muss der Infektionsschutz gesichert werden, und wir brauchen die Häuser für die Versorgung.«

In Sachen einrichtungsbezogene Impfpflicht forderte Gaß ebenfalls Nachbesserungen, »damit es keine juristischen Auseinandersetzungen mit den wenigen ungeimpften Mitarbeitern geben muss«. Zum Stichtag 15. März müssten die Krankenhäuser handlungsfähig sein, um Betretungsverbote und arbeitsrechtliche Konsequenzen durchsetzen zu können.

Zur Stärkung der Pflege fordert die DKG statt einzelner Prämien für bestimmte Bereiche, die auch noch die Belegschaften spalten würden, nachhaltige Unterstützung, etwa in Form eines Steuerfreibetrages für Pflegende in Krankenhäusern und in der Langzeitpflege. Zur Eile drängt der DKG-Chef bei der anstehenden großen Krankenhausreform. Unter anderem bei der Sicherung der Fachkräfte dürfe nicht auf das Ende der Pandemie gewartet werden. Das sei die größte Herausforderung für die Zukunft der Krankenhäuser, hier würden bessere Arbeitsbedingungen und mehr Zeit für Patienten gebraucht. Die Personalausstattung müsse sich an internationalen Standards orientieren. Es gehe nicht um mehr Betten oder mehr Standorte, sondern auch um mehr ambulante Angebote an den Krankenhäusern.

Die Pandemie stärkte bereits die Zusammenarbeit der Krankenhäuser, hier könne angesetzt werden, um die Versorgung auch in der Fläche zu sichern. Für stärkere Absprachen zwischen den Häusern müsse aber die Politik die Bedingungen schaffen. Die geplante Regierungskommission solle zügig die Arbeit aufnehmen, fordert die DKG, und auch die Krankenhäuser daran beteiligen.

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