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Kampf um den Platz auf der Sonnenseite

»Gloria Mundi« ist die Geschichte einer Familie, die sich beim Streben nach Glück fast selbst zerstört

  • Von Christin Odoj
  • Lesedauer: 6 Min.
Statt Ruhm und Herrlichkeit wartet auf die kleine Gloria ein Leben mit zwei ausgebrannten Eltern kurz vor dem finanziellen Ruin. Dafür aber immerhin liebevolle Großeltern.
Statt Ruhm und Herrlichkeit wartet auf die kleine Gloria ein Leben mit zwei ausgebrannten Eltern kurz vor dem finanziellen Ruin. Dafür aber immerhin liebevolle Großeltern.

Die kleine Gloria wird geboren, aber das, was sie umgibt, ist kein bisschen ruhmreich, so wie es ihre Eltern mit der Namenswahl eigentlich für sie gewünscht hätten. Glorias Welt ist eine extrem dünnhäutige Mutter, abgearbeitet von ihrem Job in einem Klamottenladen, und ein Vater, dessen größte Sorge die Fünfsterne-Bewertungen als Uber-Fahrer sind. Das tägliche Gewurstel ums Irgendwie-über-die-Runden-kommen in der Arbeiterklasse von Marseille hat sie aggressiv gemacht, omnipräsent ist die Abwesenheit von Geld und die Frage, wie sich das ändern kann. In dieser Lebensrealität bewältigt man keine Krisen, hier lebt man sie jeden Tag.

In »Gloria Mundi« erzählt Regisseur Robert Guédiguian einen Ausschnitt aus dem Leben einer Familie um Mutter Mathilda (Anaïs Demoustier) und Vater Nicolas (Robinson Stévenin), die nicht, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron es einst als erstrebenswert ausgab, Erste in der Schlange sind. Sie sind nicht mal Zweite oder Dritte. Ihr einziger Antrieb ist, irgendwann einen Platz auf der Sonnenseite zu ergattern. Den hat sich schon Mathildas Halbschwester Aurore (Lola Naymark) gesichert. Sie ist – fast schon überzeichnet – die Verkörperung der entsolidarisierten Mittelschicht. Aufgrund ihrer Herkunft weiß sie, wie es ganz unten aussieht und da will sie nie wieder hin. Ihr größtes Bestreben ist es, niemals mit dem Schmutz unter den Fingernägeln leben zu müssen, wie es ihre und Mathildas Mutter als Putzfrau ein Leben lang tat. Mit ihrem Freund Bruno (Grégoire Leprince-Ringuet), der zu Glorias Geburt eine Runde Koks ausgibt, was seine einzige selbstlose Tat im Film bleiben wird, betreibt Aurore ein Pfandleihhaus in einem der ärmsten Viertel Marseilles. Für Bruno und Aurore teilt sich die Welt in Gewinner und Verlierer, und es ist überaus deutlich, zu welcher Seite sie sich zählen. Die Figurenkonstellation hätte in keinem Brecht›schen Lehrstück besser angelegt sein können, um die Verhältnisse, in denen man existiert, klarzumachen.

Als einzig warmherzige Charaktere, immerhin gibt es die in diesem Kosmos überhaupt, taucht die Elterngeneration auf, die sonst viel gescholten wird als zu störrisch, zu weiß, zu rassistisch, zu reaktionär. Das hätte so erfrischend wirken können, wäre das Drehbuch an dieser Stelle nicht übertrieben pathetisch und daher bemüht menschlich.
Aurores und Mathildas Mutter Sylvie (Ariane Ascaride) arbeitet als Reinigungskraft in der Nachtschicht, weil das noch einmal Zuschläge gibt. Sie ist die einzige, die den Streik für bessere Arbeitsbedingungen ablehnt, weil sie es sich nicht leisten kann, ihren Job so kurz vor der Rente zu riskieren. Aufopferungsvoll kümmert sie sich tagsüber – ohne geschlafen zu haben – um ihre Enkelin Gloria, weil Mathilda im Modeladen die Probezeit überstehen will, was höchst unwahrscheinlich ist, weil »irgendeine Polin oder Bulgarin« den Job danach für weniger machen wird. So etwas wie Elterngeld gibt es in Frankreich nicht, höchstens einen Zuschuss zum Gehalt.

Sylvies Mann Richard (Jean-Pierre Darroussin), der zwar Aurores, aber nicht Mathildas leiblicher Vater ist, fährt Bus und verliert seinen Job, als er beim Telefonieren am Steuer erwischt wird, da ging es um heikle Familienangelegenheiten. Richard ist es auch, der überhaupt kein Problem damit hat, dass Sylvies Exmann Daniel (Gérard Meylan) plötzlich wieder auftaucht, nachdem er 20 Jahre im Gefängnis saß. Im Gegenteil, es entwickelt sich eine sanfte Freundschaft zwischen den beiden, und Richard bietet Daniel an, übergangsweise bei ihnen einzuziehen.

All diese übertriebene menschliche Wärme, die die Kindergeneration vermissen lässt, wirkt bei den Eltern aufgesetzt und macht ihre Figuren eindimensional und unglaubwürdig. Das Drehbuch lässt ihnen hier fast keinen Raum für Ambivalenzen und Widersprüche, was kaum zu glauben ist, anhand der Schicksalsschläge, die diese Familie zeichnen. Entweder sind die Charaktere in »Gloria Mundi« ausschließlich gut, oder egoistische, vom Kapitalismus fertig gemachte Subjekte.

Dass Lebenserfahrung und Schicksalsschläge die Älteren milde und menschlich gemacht haben sollen, grenzt an Naivität. Sie als Kontrastverstärker zur völlig abgestumpften, selbstbezogenen jüngeren Generation zu gebrauchen, unnötig. Ihr Treten nach unten spricht für sich. Guédiguian versucht auch gar nicht, eine Erklärung für diesen krassen Generationengegensatz zu geben. Spätestens an diesem Punkt ist offensichtlich, dass Streamingformate, denen man bisweilen den Hang zum Überepischen auch der trivialsten Geschichten vorwirft, das geeignetere Format zu sein scheinen, um solchen Persönlichkeiten mehr Tiefe zu verleihen.

Mit einem ähnlichen Sujet, aber wesentlich komplexeren Charakteren schafft es die Netflix-Serie »Maid« eine berührende Geschichte vom Überleben in der Wildnis eines kaum vorhandenen Sozialstaats zu erzählen. Dass »Gloria Mundi« dafür ohne rot wehende Fahne auskommt, ist nach Ken Loachs letzten beiden Filmen auch kein Kriterium mehr, mit dem Werke aus diesem Genre noch punkten können. Dafür schafft es der Franzose Guédiguian immerhin, einen Funken Poesie in die trübe Grundstimmung zu bringen, was dem Briten Loach eher abgeht.

Was »Gloria Mundi« allerdings gut gelingt, ist die Abbildung der Geschlechter und ihrer jeweiligen Gefängnisse, in die sie Erwartungen und Sehnsüchte zwängen. Sylvie ist eine starke Frau, die ihre Tochter Mathilda größtenteils allein durchgebracht hat und sich dafür sogar prostituierte, eine Aufopferung, die den Töchtern als unerreichbar vorgelebt wird.

Mathilda wiederum verliert schnell die Beherrschung (wie fast alle jungen Charaktere im Film) und besitzt wenig Resilienz, modern ausgedrückt: die Gabe, die Beschissenheit der Dinge auszuhalten, noch dazu verzweifelt sie an ihrer Mutterrolle. Das Leben ist für sie eine einzige Überforderung, was Mathilda zu dem Satz verleitet: »Wir sind Versager«, womit sie eigentlich ihren Mann meint, weil er nicht in der Lage ist, die Familie durchzubringen und ihnen die Statussymbole zu beschaffen, die allgemein als Beweis dafür gelten, ein glückliches Leben zu führen. »Ich trage die ausrangierten Klamotten aus dem Laden, und unser Fernseher ist so groß wie eine Briefmarke.« Nicolas wiederum erliegt dem Anspruchsdenken an seine Männlichkeit und neigt zu extremen Kurzschlussreaktionen, was noch in die Katastrophe führt. Alles in allem ist »Gloria Mundi« eine Tragödie griechischen Ausmaßes über die Zumutungen des Kapitalismus. Und so vergeht – leider ohne ein Fünkchen Hoffnung – der Ruhm der Welt (sic transit gloria mundi).

»Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille«: Frankreich/Italien 2019. Regie und Drehbuch: Robert Guédiguian. Mit: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Anaïs Demoustier. 107 Minuten. Jetzt im Kino.

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