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  • »Nightmare Alley« von Guillermo del Toro

Die Liebe zu den Liegengelassenen

Eine Hommage an den Film noir: Guillermo del Toros Neuverfilmung des Romans »Nightmare Alley«

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.
Bradley Cooper in »Nighmare Alley«: Bei aller Jahrmarktsromantik darf das Riesenrad nicht fehlen.
Bradley Cooper in »Nighmare Alley«: Bei aller Jahrmarktsromantik darf das Riesenrad nicht fehlen.

Wanderjahrmärkte gehören zu den schönsten Settings des US-amerikanischen Films der 30er und 40er Jahre. Sie sind Orte des Spektakels, an denen die moralischen Grenzen und andere Zwänge der bürgerlichen Welt spielerisch für kurze Zeit überschritten werden konnten und an denen Platz für Außenseiter war. Ein Kosmos allerdings, der - als dunkler Spiegel der Normalität - selbst auch bestimmt von Ausbeutung und Gewalt ist.

Guillermo del Toros Film »Nightmare Alley« ist in seinem ersten Drittel eine Hommage an diesen Ort, den er gar nicht erst versucht, realistisch zu inszenieren, sondern als traumartige Parallelwelt in satten Farben zeigt, in steter filmästhetischer Verbindung mit den Jahrmarktsszenen des klassischen Hollywood-Kinos. Das Bild eines vor einem schwarzen Himmel hell leuchtenden Riesenrads gehört zu den schönsten Kinobildern der letzten Monate.

Überhaupt ist alles in »Nightmare Alley« tiefschwarz, schwarz im Sinne von noir. Zuallererst die Farben: In der Nacht ist es noch dunkler als ohnehin schon, tagsüber ist alles meist verwaschen, und natürlich regnet es die meiste Zeit. Noir sind auch die Figuren: Stan Carlisle (Bradley Cooper), ein Getriebener, der ein - natürlich dunkles - Geheimnis mit sich herumträgt und der, nachdem er auf dem Jahrmarkt angeheuert hat, schnell zu einem erfolgreichen Mentalisten wird. Eine Femme fatale (leider wieder im Overacting-Modus: Cate Blanchett), die hier als Psychoanalytikerin praktiziert und als eine Art Kollegin des Manipulators Stan erscheint. Dazu gesellt sich der Millionär Ezra Grindle (Richard Jenkins), der ebenfalls ein - man ahnt es gleich - dunkles Geheimnis zu verbergen hat.

Den Plot hat Guillermo del Toro, der das Drehbuch gemeinsam mit seiner Frau Kim Morgan geschrieben hat, dem gleichnamigen Roman von William Lindsay Gresham entnommen. Greshams Roman wurde schon einmal verfilmt, 1947, von Edmund Goulding. Der erste »Nightmare Alley« ist ein formvollendeter, eher randständiger amerikanischer Film noir, der damals vom Studio wegen Familienuntauglichkeit schnell versenkt wurde und in Vergessenheit geraten ist. Außerdem musste auf Produzentenansage hin ein hoffnungsvolles Ende drangepappt werden, das wie eine lustige Bommelmütze wirkt, die man einem Unfalltoten aufgesetzt hat.

Del Toros »Nightmare Alley« erscheint heute, wenn man die beiden Filme hintereinander sieht, wie eine Entfaltung der damals wegen Zensurbestimmungen noch nicht ausformulierbaren Potenziale der Geschichte. Stan ergattert nach kurzer Zeit in der Jahrmarktscommunity einen Code, mit dem er vor Publikum überzeugend den Gedankenleser spielen kann.

Wie weit er wirklich geht, um das Büchlein zu bekommen, in dem sein Lehrer (David Strathairn) den Weg zu Ruhm und Reichtum notiert hat, lässt der Film tendenziell offen. Vaterfiguren haben in diesem Film jedenfalls nicht lange zu leben. Auch in diesem Sinne orientiert sich »Nightmare Alley« an den Befunden der Psychoanalyse zu Familienromanen, Begehren und dem Unbewussten, das keine Verneinung kennt.

Stans Wille zum Erfolg jedenfalls ist radikal und nimmt etwaige Verluste ohne erkennbare Regung in Kauf. Guillermo del Toro jedoch gelingt es, wie schon Edmund Goulding vor 75 Jahren, seine Figur so ambivalent zu halten, dass sie nicht als eindeutiger Villain, als Bösewicht, durchgeht.

Die Liebe zu den Außenseitern und Liegengelassenen, die in vielen Filmen Guillermo del Toros präsent ist (in »The Devil’s Backbone« und »The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers« vor allem, aber auch in einem Blockbuster wie »Hellboy - Die goldene Armee«), durchdringt auch diese Bilder. Sie lässt sich von der Amoralität des Protagonisten nicht großartig beirren. Seine Strafe am Ende ist gleichwohl furchtbar; doch da hat einen »Nightmare Alley«, der finsterste und erste wirklich ausweglose Film del Toros, schon so weit, dass man nur noch will, dass es wirklich allen gutgeht: den Kaputtgegangenen, den Säufern und auch den Mördern.

Das aber ist natürlich unmöglich. Erfolg und Aufstiegswille sind in »Nightmare Alley«, wie im gesamten Film noir, zwangsläufig durchtränkt von Manipulation und Gewalt. Noch das, was eine Kur verspricht, die Psychoanalyse, ist hier zum Instrument degeneriert, um weiterzukommen und das eigene Begehren zu realisieren. Und zugleich haben alle diese schief in die Welt gestellten Wunschmaschinen ihre Risse und Wunden, die sie - in einer Szene ganz buchstäblich - herzeigen und die in der Filmwelt Guillermo del Toros Gründe sind, den anderen nicht zu verurteilen.

»Nightmare Alley«: USA 2021. Regie: Guillermo del Toro. Buch: Guillermo del Toro, Kim Morgan. Mit: Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Richard Jenkins. 151 Minuten. Start: 20. Januar.

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