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Chinesische Stadiondiplomatie

Die Volksrepublik sucht nach Einfluss in Afrika, auch zwei Fußballstadien des Afrika-Cups in Kamerun sind mit chinesischem Geld gebaut

  • Von Ronny Blaschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Hunderte Menschen säumen die Straßen von Dakar im Juli 2018, sie applaudieren und schwenken chinesische Flaggen. Bei seinem Staatsbesuch in der senegalesischen Hauptstadt erhält Xi Jinping das, was ihm in Europa selten zuteil wird: Bewunderung. Mit seiner Entourage besucht der chinesische Präsident eine Schule, ein Krankenhaus, ein Museum. Es sind Projekte, die chinesische Firmen finanziert oder gebaut haben.

Ein öffentlichkeitswirksamer Termin findet im Sport statt. Xi Jinping eröffnet mit dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall das neue Nationalstadion für Ringen, erbaut in 28 Monaten von chinesischen Firmen. »Für viele Staaten sind Stadien wichtige Wahrzeichen. Um sie herum können Geschäfte und Viertel entstehen«, sagt Ding Guanghui von der Universität für Ingenieurwesen und Architektur in Peking. »Doch auch die chinesische Regierung verfolgt mit solchen Bauten politische Ziele.«

Seit 1995 hatte Senegal diplomatische Beziehungen zu Taiwan gepflegt, der Inselstaat wird von der Volksrepublik China als abtrünnige Region betrachtet. Peking erhöhte den Druck und stellte Investitionen in Aussicht, auch im Sport. 2005 löste sich Senegal von Taiwan und nahm Beziehungen zu Peking auf. Seither ist das Handelsvolumen zwischen beiden Staaten von 175 Millionen Euro auf 2,2 Milliarden pro Jahr gewachsen. Durch den Besuch von Xi Jinping gilt Dakar als Symbol für eine Entwicklung, die Forscher wie Ding Guanghui als »Stadiondiplomatie« bezeichnen. Mehr als 100 Arenen hat China in Entwicklungsländern gebaut, zwei Drittel davon liegen in Afrika. Aber tragen diese Bauten tatsächlich zur Entwicklung bei?

Der Fußball legt das Gegenteil nahe. Chinesische Firmen errichteten etliche Stadien für Gastgeber vergangener Afrikameisterschaften. Ob Ghana oder Angola, Gabun oder Äquatorialguinea: Peking vergab günstige und langfristig angelegte Kredite. Und sicherte sich im Gegenzug den Zugang zu seltenen Erden und Rohstoffen wie Öl, Kupfer oder Kobalt. Inzwischen ist die Volksrepublik in den erwähnten Ländern einer der wichtigsten Handelspartner. »China möchte strukturelle Abhängigkeiten schaffen«, sagt Simon Chadwick, Direktor des Zentrums für die Eurasische Sportindustrie (CESI). »In Afrika stößt Peking auf weniger Restriktionen als in Europa. Und die Regime vor Ort können sich mit neuen Stadien als großzügig und volksnah präsentieren.«

Es sind Regime, die häufig wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen in der Kritik stehen. Das gilt auch für Kamerun, zurzeit Gastgeber des 33. Afrika-Cups. Der zentralafrikanische Staat wird seit 40 Jahren autokratisch von Paul Biya geführt, der demnächst seinen 89. Geburtstag feiert. Seine frankophone Regierung kämpft im Westen des Landes seit Langem gegen anglophone Separatisten. Rund 4000 Menschen sollen dabei getötet worden sein, 700 000 befinden sich auf der Flucht. In den zensierten Medien Kameruns ist von Anschlägen und Gefahren für den Afrika-Cup wenig zu erfahren. Stattdessen: Botschaften von Aufbruch, Zusammenhalt und mächtigen Freunden aus Fernost.

Zwei der sechs Stadien der diesjährigen Afrikameisterschaft wurden von chinesischen Firmen ermöglicht, in Bafoussam und in Limbe, es sind funktionale Bauten für jeweils 20 000 Zuschauer. Lokale Medien berichten, dass sich kleinere Geschäfte ansiedeln werden und dadurch 5000 Arbeitsplätze entstehen könnten. Auch Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua widmete den Stadien einen Bericht; zu Wort kam darin auch der kamerunische Regionalpolitiker Augustine Awa Fonka: »Die Handelsbeziehungen zwischen China und Kamerun haben eine große Zukunft.« Von Korruption und überhöhten Baukosten: kein Wort. Kamerun verfügt über beachtliche Vorkommen an Erdöl, Eisenerz und Gold. Doch die Infrastruktur für die Erschließung ist ausbaufähig.

China könnte bei der Entwicklung helfen, seine Netzwerke auf dem afrikanischen Kontinent sind seit Jahrzehnten etabliert. Während des Kalten Krieges in den 50er Jahren hatte China unter Mao Zedong Wirtschaftshilfen von der Sowjetunion bezogen. Für die gemeinsame Sache unterstützte Peking in Afrika sozialistische Regierungen, schickte unter anderem Bauarbeiter und Material für günstige Infrastruktur, auch für Sportstätten. 1964 besuchte Premierminister Zhou Enlai zehn afrikanische Staaten, die gerade unabhängig geworden waren. Einige Zeremonien fanden in Stadien statt. 1971 trat die Volksrepublik anstelle von Taiwan den Vereinten Nationen bei - mit Unterstützung aus Afrika.

Von einem tatsächlichen Bauboom kann man jedoch erst im 21. Jahrhundert sprechen. Chinesische Firmen errichteten nicht nur in Afrika neue Stadien, sondern auch in Kambodscha, Laos, Haiti oder El Salvador; in Ländern, die durch Konflikte oder Naturkatastrophen Zerstörungen erlitten haben. Und auch über das Bauen hinaus möchte Peking Einfluss nehmen. 2019 führte der chinesische Konzern Huawei in Ägypten den schnelleren Mobilfunkstandard 5G ein, kurz vor Beginn des dortigen Afrika-Cups. Der Suezkanal östlich von Kairo gilt für die »Neue Seidenstraße« als essenziell. Bis Mitte des 21. Jahrhunderts will China Dutzende Länder in Europa, Asien und Afrika vernetzen: durch Bahnlinien, Schnellstraßen, Pipelines oder Häfen.

Entlang der Handelsroute sollen auch Sportstätten entstehen: ein Stadion im kroatischen Rijeka, eine Schwimmhalle im belarussischen Minsk, auch im italienischen Triest ist ein Projekt im Gespräch. »Es ist offensichtlich, dass China nicht mit Waffengewalt eindringt, so wie es einige Staaten aus Europa in früheren Jahrhunderten praktiziert haben«, sagt Matt Ferchen von der Universität Leiden. »Aber manche Strukturen erinnern an die koloniale Vergangenheit.« In Afrika verpflichten sich Staaten oft zum Import chinesischer Waren, was der heimischen Produktion schadet. Chinesische Unternehmen lassen Angestellte häufig einfliegen und verzichten auf die Fortbildung lokaler Arbeiter, wodurch soziale Spannungen entstehen können.

Wohl niemand kann genau beziffern, wie viele Milliarden aus Europa in den vergangenen Jahrzehnten nach Afrika geflossen sind. Die dortige Wirtschaftsleistung hat sich trotzdem kaum gebessert. Die Volksrepublik geht einen anderen Weg, aber auch ihre Infrastruktur sei wenig nachhaltig, sagt Charlie Xue von der City-Universität in Hongkong. »Die Instandhaltung ist nicht gut, so sind die Stadien manchmal schon nach zehn oder 20 Jahren in einem traurigen Zustand.« Trotzdem werden weitere Stadien gebaut, zum Beispiel für den Afrika-Cup 2023 in der Elfenbeinküste.

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