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Kühlanzüge und Schutzhelme

New York, wie wirst du dich verändern! In Hanya Yanagiharas neuem Roman »Zum Paradies« wird die Zukunft von der Pandemie regiert

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 7 Min.

Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie ist nun einer der ersten komplexen Romane zum Thema von einer weltbekannten Autorin erschienen. Hanya Yanagiharas »Zum Paradies« hat 900 fulminante Seiten und kommt zugleich im englischen Original und in der deutschen Übersetzung heraus. Der Roman ist auf drei fiktionalen Zeitebenen angesiedelt, in denen es nicht nur um Pandemien geht, sondern auch um Rassismus, koloniale Abhängigkeiten, autoritäre Staatlichkeit und queere Beziehungen.

Für uns als Leser, die gerade eine Pandemie erleben, dürfte vor allem der dritte und umfangreichste Teil des Buches am interessantesten sein. Denn hier zerstört in einer Dystopie im späten 21. Jahrhundert eine ganze Reihe Pandemien (neben dem Klimawandel) die politische und soziale Ordnung, die wir kennen, und in den USA wird ein autoritäres System installiert.

Die 1974 geborene, in Hawaii aufgewachsene und heute in New York lebende Erfolgsautorin Hanya Yanagihara, deren Bücher ebenso vom Publikum geliebt wie von der Kritik überschwänglich gefeiert werden, entwirft in ihrem dritten Roman eine komplexe Parallelwelt, die vom späten 19. Jahrhundert über die 1990er Jahre bis ins ausgehende 21. Jahrhundert reicht. Die Personen in diesen drei verschiedenen, motivisch sehr dicht miteinander verwobenen, aber dennoch voneinander unabhängigen Geschichten tragen alle dieselben Namen.

Also treffen David Bingham, Edward Bishop und Charles Griffith mal im bürgerlichen New York des 19. Jahrhunderts, dann im Big Apple der 1990er während der Aids-Epidemie und schließlich in einem immer albtraumhafter und dystopischer werdenden New York in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts aufeinander. Stilistisch, motivisch und inhaltlich erinnert vor allem der 1893 spielende erste Teil an die Prosa von Henry James. Das verbindende Motiv der drei Teile ist dann auch ein Haus am New Yorker Washington Square, der bereits 1880 titelgebend war für einen Roman von James, dessen Handlung von Yanagihara in abgeänderter Form immer wieder neu zusammengesetzt und inszeniert wird. »Washington Square« dient ihr als eine Art Folie, auf der sie ihr Opus entwickelt. Darin wird einmal sogar »Washington Square« als Theaterstück aufgeführt.

Nur: Das New York des 19. Jahrhunderts, das bei James Schauplatz einer bürgerlichen Liebestragödie ist, gehört bei Yanagihara nicht zu den USA, denn die gibt es hier gar nicht. Stattdessen ist das New York in »Zum Paradies« die Hauptstadt der sogenannten Freistaaten, die unter anderem auch Maine und Pennsylvania, also den nordöstlichen Teil der heutigen USA, umfassen. Daneben gibt es den Westen, die südlichen Kolonien und die Union, wobei nur in den Freistaaten queere Beziehungen legalisiert und sogar zu einer bürgerlichen Norm geworden sind.

Erzählt wird die Geschichte von David Bingham, der eine arrangierte Ehe mit dem neureichen Charles Griffith ausschlägt und sich mit einem proletarischen Musiker namens Edward Bishop in Richtung Westen absetzt. Offen bleibt, ob dies ebenso wie in James’ Roman zu einer Tragödie führt oder einen emanzipatorischen Schritt in ein anderes Leben darstellt.

Dieser Kampf um Freiheit, die Abhängigkeit und die Hierarchie in Beziehungen, der Bruch mit familiären Zwängen, der Druck der eigenen Vergangenheit und der bürgerlichen Normen finden sich auch im zweiten Teil wieder, in dem es um einen jungen Anwaltsgehilfen geht, der eine Beziehung mit einem Vorgesetzten seiner Kanzlei in den 1990er Jahren eingeht. Hier wird keine völlig andere parallele politische Gegenwart entworfen. Der Fokus geht vielmehr zurück in die hawaiianische Familiengeschichte des jungen Anwaltsgehilfen, der einer königlichen Linie entstammt. Die Geschichte des Vaters, sein gesellschaftliches Scheitern und die Erfahrungen mit Rassismus während seines Studiums in den USA verknüpft Hanya Yanagihara mit der Kolonialgeschichte Hawaiis zu einem dichten mitreißenden literarischen Korpus, in dem es auch immer wieder um eine nicht näher benannte, neurologische Erkrankung des Vaters geht.

Der gesundheitliche Zustand der diesmal weiblichen Protagonistin namens Charlie ist auch prägend für den dritten Teil, der fast die Hälfte des gesamten Romans umfasst. Charlie hat als Kind die schreckliche Pandemie von 2070 überlebt, leidet aber an Folgeschäden, die auch ihr Sozialleben stark beeinträchtigen. Sie ist nur bedingt in der Lage, Gefühle auszudrücken und Empathie zu empfinden. Ihr Großvater, ein berühmter Epidemiologe und hoher Regierungsbeamter, kümmert sich um sie, da ihr Vater als Mitglied einer verschwörungstheoretischen terroristischen Gruppe, die gegen die Regierung und deren Pandemie-Regime kämpft, früh ums Leben gekommen ist.

Das New York zwischen 2043 und 2093, in dem wieder das einst gutbürgerliche Haus am Washington Square Schauplatz der Handlung wird, ist starken Veränderungen unterworfen. Der Central Park wird zu einem riesigen, autoritär geführten Wissenschaftspark, in dem zu Pandemien geforscht wird, die zyklisch den Planeten heimsuchen und Millionen von Menschen töten. Hitzewellen machen das Leben in der Stadt unerträglich, die heteronormative Ehe als stabilisierender Faktor und zur Reproduktion der geschrumpften Bevölkerung wird zur Pflicht. Fliegende Drohnen überwachen alles, die Polizei durchsucht, wann immer es ihr passt, Wohnungen und nimmt Menschen fest. Zunehmend verschlechtert sich der Lebensstandard und politische Gegner werden öffentlich hingerichtet.

»Zum Paradies« wirft naheliegende moralische Fragen auf, die in der Pandemie eine Rolle spielen. Eine Diskussion, die keineswegs platt daherkommt und in einen komplexen literarischen Plot eingewoben ist. Wie ist in solchen Ausnahmesituationen das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik? Was sind die sozialen Konsequenzen der Pandemie und der dazugehörigen Eindämmungsmechanismen? Welche Abwägungen müssen getroffen werden? Und welche Dynamiken stecken in diesen Prozessen? Die Katastrophen unserer Zeit - egal ob Klimawandel oder Pandemien - lassen auch in der Fiktion die sozialen Abgründe noch sichtbarer werden und verschärfen bestehende Ungleichheiten und politische Spannungen.

Das dystopische New York der Zukunft ist in Zonen eingeteilt. Die Bäume am einst gutbürgerlichen Washington Square, der in Zone 8 liegt und nur noch eine asphaltierte Fläche für einen Marktplatz von Straßenhändlern ist, werden ausgegraben und in die Viertel der Besserverdienenden verpflanzt. Weite Teile der Metropole sind angesichts der gestiegenen Wasserspiegel abgesoffen, regelmäßig gibt es Hochwasser. Über zahlreiche Sprünge zwischen verschiedenen Zeit- und Erzählebenen entwickelt Hanya Yanagihara mithilfe eines komplexen World-Buildings ihre spannende Geschichte und erzählt, wie es zu dieser Dystopie gekommen ist.

»Zum Paradies« handelt zwar von einer Pandemie, die weitaus drastischer wirkt als unsere Realität mit dem Coronavirus, doch Yanagihara dreht die Eskalationsschraube nicht ganz so weit wie etwa die dieser Tage auf Starzplay anlaufende Verfilmung des 2014 erschienenen Romans »Station Eleven« von Emily St. John Mandel oder andere gängige Pandemie-Narrative. Von denen scheint es gerade immer mehr zu geben, und meistens handeln sie davon, dass innerhalb kürzester Zeit die gesamte soziale und politische Ordnung über den Haufen geworfen wird.

Auch Yanagihara widmet sich in ihrem Roman den Details eines solchen Wandels und erzählt von langwierigen und komplexen Veränderungsprozessen. Wobei sie eine massive Zunahme dieser Art von Katastrophen und Bedrohungen in der Zukunft inklusive der sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Konsequenzen inszeniert. So gibt es hier kein Internet mehr, geduscht wird nur noch einmal die Woche, die Menschen tragen je nach Witterung Kühlanzüge und Schutzhelme. Auf den Plätzen gibt es zur Unterhaltung Geschichtenerzähler, während Bücher Mangelware geworden sind und queere Beziehungen klandestin ausgelebt werden müssen.

Ein Stück weit ist diese Dystopie einer autoritären Zukunft sicher auch den politischen Ereignissen der letzten Jahre in den USA unter der Trump-Administration geschuldet. Bei der Lektüre löst dieser literarisch sehr dichte Text mit fortlaufender Handlung immer mehr Beklemmung aus, und das Finale dieses aufwühlenden Romans, dessen drei Teile in Anspielung auf den Titel jedes Mal mit den Worten »... zum Paradies« enden, ist wirklich verstörend.

Hanya Yanagihara: Zum Paradies. A. d. amerik. Engl. v. Stephan Kleiner. Claassen, 896 S., geb., 30 €.

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