Werbung
  • Kultur
  • »Chill Out Punk« von Cäthe

Abschied vom Verstand

Lässiger Sprechgesang, luftiger Disco-Funk, ironisch-schlaue Texte: Die Berliner Sängerin Cäthe hat ein großartiges neues Album veröffentlicht

  • Von Jan Paersch
  • Lesedauer: 5 Min.
Das klingt luftig, locker, international, nach französischem Disco-Leichtsinn und 
italienischer Strandbar, nach NDW mit Synthie-Bässen: Cäthe anno 2022
Das klingt luftig, locker, international, nach französischem Disco-Leichtsinn und 
italienischer Strandbar, nach NDW mit Synthie-Bässen: Cäthe anno 2022

Es ist nicht so einfach mit der Pärchenromantik. Selbst die achtsamsten Großstadtmenschen, die das Kunststück fertigbringen, zwischen Büro, Kita und Yoga noch Zeit für Zweisamkeit zu finden, geraten irgendwann an ihre Zärtlichkeitsgrenze. Die Sängerin Cäthe weiß um die Stolperfallen in langen Beziehungen - und wie man sie kulinarisch umtänzelt. »Was uns im Inneren zusammenhält / Die Lust auf Toast Hawaii« singt sie im ersten Song ihres neuen Albums, und liefert die Anleitung zur Selbst- und Fremdliebe gleich im Anschluss: »Wie gut, wie gut, dass es mich gibt / Sonst wüsste ich nicht, dass es dich gibt«.

Das Pfund dieser vierten Cäthe-Platte sind die smarten Texte, die ständig ums Ego der Protagonistin kreisen - um dann gleich wieder ironische Distanz einzunehmen. »Chill Out Punk« heißt das neue Album, und die Künstlerin, die eigentlich Catharina Sieland heißt, möchte den Titel nicht mit musikalischen Genres in Verbindung bringen. »Der Punk steht für die Kanten im meinem Herzen. Aber ich möchte mich ein bisschen beruhigen, möchte mich nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen lassen. Wieder ein bisschen lockerer miteinander werden. Ich will nicht mehr allen gefallen! Aber gleichzeitig will ich mich dabei entspannen.«

Die Marke Cäthe stand bislang für charmanten Indie, mal folkig, mal punkig, zuweilen rockistisch überladen. Ein Auftritt in der Late-Night-Show »Inas Nacht« machte die Sängerin 2011 bekannt, drei Alben erschienen in kurzer Folge. Und dann: Pause. Was ist passiert in den sechs Jahren seit dem letzten Album? »Ne ganze Menge«, grinst Cäthe, »ich bin Mutter geworden, bin umgezogen, und habe eine Therapie hinter mir. Zeitweise hatte ich das Gefühl: Ich möchte nicht mehr, ich höre auf mit der Musik. Beruflich habe ich mir einiges angeschaut, um dann doch wieder beim Musikmachen zu landen. Ich habe gemerkt, dass ich die Umstände ändern muss. Mit wem ich zusammenarbeiten möchte.«

Im Zoom-Call sitzt eine hellwache, gut gelaunte Frau Ende 30, pastellfarbenes Jackett, hochgesteckte Haare. Kurz steckt ihr Kumpel Andi Fins sein Gesicht in die Laptop-Kamera. Auch ihm ist es zu verdanken, dass Cäthe vor Kurzem »Chill Out Punk« veröffentlicht hat. Er schrieb einen Großteil der Musik des Albums und coproduzierte es.

Cäthe anno 2022: Das klingt luftig, locker, international, nach französischem Disco-Leichtsinn und italienischer Strandbar, nach NDW mit Synthie-Bässen. Und nach dem US-Funk der frühen 80er Jahre. »Es war zu Beginn der Pandemie«, erinnert sich Cäthe an die Zeit, die dem Songwriting vorausging, »Andi und ich haben uns ein Auto gemietet, sind ins Grüne gefahren und haben Musik gehört. Die Liste mit Sachen, die wir gut fanden, wurde immer länger. Ganz wichtig: die Talking Heads. Ich liebe David Byrne, seine Texte und wie er sie performt! Man kann ihm auf der Bühne dabei zugucken, wie er sich von seinem Verstand verabschiedet. Und dabei gleichzeitig unglaublich sexy ist. Er war ein Vorbild. Nicht verkopft sein, nicht übers Aussehen nachdenken, sondern ganz in den Körper gehen - der ist so schlau, der macht sowieso, was er will.«

Cäthes Stimme auf »Chill Out Punk« bildet die neue Gelassenheit ab. Abgeklärter, im Mix präsenter denn je. Ein lässig gedehnter Sprechgesang mit weichen Konsonanten, der die eigentlich unmöglich komplizierten Zeilen »Warum muss ich eigentlich / Mit meiner Therapeutin / Über deine Minderwertigkeitskomplexe reden« in einen mitsingbaren Hit verwandelt. »Warum Darum« ist der Über-Hit der Platte, ein Piano-Loop wie von A Tribe Called Quest erfunden, ein lockerer Shuffle-Beat, mehr braucht es nicht. Dazu der Text: »Du meinst, wir hab’n Probleme / Fragst, wie ich damit umgehe / Ich bin total perplex, esse eine Tüte Chips«.

»Worte sind echt krass«, kommentiert die Künstlerin. »Veränderst du einen Satz, verändert sich die Bedeutung des ganzen Liedes. Momentaufnahmen schaffen ist cool, aber nicht meine Intention. Ich muss schon eine gewisse Haltung spüren. Songschreiben hat mit Handwerk und mit Geduld zu tun. Die Idee für einen guten Song hat meist lange gegart.«

Haltung hat bei Cäthe auch mit Widersprüchen zu tun. Fast nur Party-Hits in der ersten Albumhälfte. »Der Himmel hängt so tief« - purer Eskapismus-Funk mit jingelnder Gitarre und hüpfendem E-Bass, nur der Songtext klingt nicht danach: »Der Himmel hängt zu tief / Zieh mich raus, fang mich auf / Bevor ich dran verreck«.

Dagegen verhehlt die Single »Orgasmus« nicht, dass Sex zuweilen eine mühsame Angelegenheit ist. Wie wäre es, zwischen Pflichten und Alltagszermürbung einmal wieder zum Höhepunkt zu kommen? »Ich bin müde von deiner Fairness / Müde von meiner Zukunft / Ich will doch nur einen Orgasmus haben«.

Im Gespräch mit Cäthe ist eine gewisse Berliner Schnauze unüberhörbar. Ihre schnoddrige Aufforderung an den Autor: »Ey, wenn ich anfange zu labern, dann sagste mir das!« Catharina Sieland hat schon einige Bundesländer abgehakt: geboren in Sachsen-Anhalt, aufgewachsen in Baden-Württemberg, später Franken, dann ein gutes Jahrzehnt in Norddeutschland. »In Hamburg bin ich erwachsen geworden. Aber mit der Berliner Mentalität komme ich sehr gut zurecht. Manchmal ertappe ich mich selbst bei schlechter Laune, dann kommt auch von mir ein Spruch.« Von Hauptstadt-Härte ist allerdings im Interview wenig zu spüren. Mit der freundlichen Sängerin lässt sich trefflich über Meditation, Achtsamkeit und Ofengemüse plaudern. Bleibt noch zu klären: Wer ist eigentlich diese Cäthe, Frau Sieland?

»Die ist wie ein Wildpferd und will ihre Freiheit. Eine hundertköpfige Gestalt, die im Wandel zu Hause ist und viel Lust empfindet. Natürlich bin auch ich so. Aber vieles, was ich auf der Bühne auslebe, ist durchaus extrem: Emotionen werden viel dramatischer. Im Alltag ginge das gar nicht. Da kriegste ja ne Macke. Oder alle um dich herum.«

Cäthe: »Chill Out Punk« (Träum Weiter! Records)

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung