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Einfach nur krank

Politiker sprechen von Impfskepsis unter Menschen mit Migrationshintergrund, während noch immer Menschen vom deutschen Gesundheitssystem ausgeschlossen werden

  • Von Ayesha Khan
  • Lesedauer: 4 Min.
Wer geht schon gerne zum Arzt? Menschen mit Migrationshintergrund müssen allerdings häufig weitere Hürden nehmen, um medizinisch versorgt zu werden.
Wer geht schon gerne zum Arzt? Menschen mit Migrationshintergrund müssen allerdings häufig weitere Hürden nehmen, um medizinisch versorgt zu werden.

Ich gehe nicht gerne zu Ärzt*innen. Dieser kalte Wartezimmerflair, sehr weiße Wände, abstrakte Kunst, eine vertrocknete Pflanze im Fenster, ja nicht einmal die Lesezirkel-Zeitschriften auf dem Glastisch sprechen mich an. Ich vermeide also, wenn er nicht unbedingt sein muss, den Gang in eine Praxis. Nur meine Zahnärzte empfand ich durchgehend als angenehm. Das mag auch daran liegen, dass ich bis jetzt nur Lob für meine Mundhygiene bekommen habe. Meine Zähne seien mein Kapital, sagte mein früherer Zahnarzt damals in Hamburg zu mir. Ich glaubte diesem Mann mit der geschmeidigen Stimme und den sanften braunen Augen alles. So sehr, dass ich sogar seine CD kaufte, die am Empfang auslag. Ich habe allerdings vergessen, ob ich sie mir auch jemals angehört habe.

Als ich ein Teenager war, hatte meine Mutter einen Unfall und litt von da an unter chronischen Schmerzen. Es ließ sich nicht mehr vermeiden: Immer häufiger fand ich mich in Wartezimmern wieder. Ich kannte sie alle. Die Ärzt*innen, die Assistent*innen, die Menschen hinten in den Laboren, ja sogar die Vertretungen lernte ich kennen. Aber nicht nur das: Als wir einen neuen Orthopäden aufsuchten, machte ich meine erste bewusste Erfahrung mit »Morbus mediterraneus«. Eine Diagnose, die auf dem rassistischen Vorurteil von medizinischem Personal beruht, Migrant*innen hätten gar kein behandlungsbedürftiges Leiden.

Keine Sorge, dass Praxen, Krankenhäuser und Kliniken keine »safer spaces« für nicht-weiße Kassenpatient*innen sind, war mir schon immer bewusst. Aber wie diskriminierend, rassistisch und exkludierend das gesamte Gesundheitswesen ist, verstand ich erst später. Da saß meine Mutter mit all ihren Krankenakten, Befunden und Röntgenbildern bei diesem Arzt, dessen Brille alle fünf Sekunden auf seine Nasenspitze rutschte, was mich übrigens ungemein aggressiv machte - und dieser Arzt schaute meine Mutter an, dann mich, rief seine Assistenz, murmelte ihr etwas zu und verließ dann ohne ein Wort an uns den Raum.

Am Empfang gab man meiner Mutter ein Rezept mit Ibuprofen. Der Arzt habe nichts feststellen können (ja wie denn auch ohne Untersuchung?), und in Zukunft solle meine Mutter mit solchen Beschwerden nur zu ihrem Hausarzt gehen, in dieser Praxis behandle man »echte Beschwerden«. Wieder zu Hause begriff ich erst, was geschehen war. Und es sollte noch einige Jahre dauern, bis mir jemand den Begriff »Morbus mediterraneus« erklären würde. Damals, und wir sprechen von der Zeit Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre, gab es noch keine öffentlichen Debatten über systemischen Rassismus im Gesundheitswesen. Vielleicht haben wir es auch ein wenig der Pandemie zu verdanken, dass dieser Aspekt noch deutlicher angesprochen wird. Ich persönlich hatte, wie oft als Jugendliche, keine Worte für das Gefühl nach dem Arztbesuch. Aber es blieb und bleibt ja nie nur bei einem Gefühl. Es hat jedes Mal auch reale Konsequenzen und Auswirkungen auf das Leben von Menschen. Ich hatte damals keine Ahnung, wie oft sich solche Momente noch wiederholen würden. Wie oft Hilfe, Behandlung und Therapie verweigert werden, wie oft Menschen rassistische Gewalt von Ärzt*innen erfahren und wie oft migrantische Menschen für rassistische Diskurse herhalten müssen.

Ein »Lowlight«, ein Tiefpunkt, waren deshalb auch die Aussagen von Berlins Regierender Bürgermeisterin Franziska Giffey zum Thema Impfen. Die Impfskepsis unter Menschen mit Migrationshintergrund sei hoch, hatte sie behauptet. Und das in Zeiten, in denen die einen aus der bürgerlichen Mitte Allianzen mit esoterischen Impfgegner*innen, Reichsbürger*innen und Nazis schmieden und sich täglich in zahlreichen deutschen Städten zu Querdenken-Spaziergängen verabreden und die anderen Mordpläne gegen Politiker*innen in Telegram-Gruppen diskutieren. Auf welcher Grundlage sie von »Impfskepsis« bei Menschen mit Migrationsgeschichte spricht, wissen wir nicht. Eine entsprechende Studie gibt es in Deutschland nicht.

Ich habe einen Tipp an Frau Giffey: Vielleicht sollten wir anstatt von »Impfskepsis bei Migranten«, und die mag es durchaus geben, denn migrantische Menschen machen genug diskriminierende Erfahrungen im deutschen Gesundheitssystem, über die soziale Frage nach Zugängen zu Impfangeboten für migrantische Menschen, für Geflüchtete, für Arbeiter*innen und wohnungslose Menschen sprechen.

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