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  • Sportler im Nationalsozialismus

Fußballer im Widerstand

Viele bekannte Fußballer in Deutschland wurden einst von den Nazis verfolgt und ermordet. Ihre Biografien fließen nun in die Bildungsarbeit mit jungen Fans ein

  • Von Ronny Blaschke
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Fans des FC Bayern erinnerten vor zwei Jahren eindrucksvoll an das von den Nazis ermordete Klubmitglied Hugo Railing.
Die Fans des FC Bayern erinnerten vor zwei Jahren eindrucksvoll an das von den Nazis ermordete Klubmitglied Hugo Railing.

Norbert Lopper zählt zu den großen Talenten der späten 30er Jahre. Noch vor der Machtübernahme der Nazis in Österreich erlebt der jüdische Fußballer bei seinem Verein Hakoah Wien antisemitische Anfeindungen, von Spielern, Fans, Funktionären. 1938 flieht Lopper mit gerade mal 18 Jahren nach Belgien, wo er weiter Fußball spielt und seine künftige Frau kennenlernt. Lopper versucht vergeblich, in die USA zu emigrieren. Er wird nach Auschwitz deportiert und schwer gefoltert, doch er überlebt. Seine Frau und viele seiner Verwandten werden ermordet.

Norbert Lopper ist eine traurige Symbolfigur unter vielen. »Fußballer im Fokus«: Unter diesem Titel ist die Bildungsbroschüre der Arolsen-Archive erschienen, erarbeitet in Kooperation mit dem Bundesligisten Borussia Dortmund. Die Forscher porträtieren zwölf Spieler, die mitunter zu den Besten ihrer Nationalteams zählten: in Polen, Ungarn oder in der Tschechoslowakei. »Wir möchten die Spieler nicht nur als Opfer beschreiben, sondern auch als prägende Figuren in Fußball und Gesellschaft«, sagt Henning Borggräfe, Historiker und verantwortlich für Forschung und Bildung bei Arolsen, einem der größten Archive zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. »Es ist wichtig, nicht nur die Deportationen zu betrachten, sondern die gesamte gesellschaftliche Transformation.« Schon kurz nach 1933 verstießen viele Vereine ihre jüdischen Mitglieder. Langjährige Vorbilder wurden aus den Chroniken gestrichen.

An diesem Donnerstag jährt sich die Befreiung von Auschwitz. Auch im Fußball werden rund um den 27. Januar wieder Fangruppen und Vereine den internationalen Gedenktag begehen: mit Lesungen, Stadiondurchsagen oder der Verlegung von Stolpersteinen. Dabei können die Fußballanhänger künftig auf das Bildungsmaterial jenes Archivs zurückgreifen, das seinen Sitz im nordhessischen Bad Arolsen hat. »Der Fußball hat die Entwicklung wie unter einem Brennglas verdeutlicht«, sagt Borggräfe. Die Forscher legen dar, dass Fußballer aus unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden. Der polnische Spieler Antoni Łyko etwa schloss sich einer Widerstandsgruppe an. Mit vielen Mitstreitern wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er zu den wenigen Gefangenen zählte, die zumindest an einem Fußballspiel auf dem Appellplatz mitwirken durften - als vermeintliche Ablenkung vom grausamen Alltag. Łyko wurde später gemeinsam mit Dutzenden anderen Regimegegnern erschossen.

Andere Spieler hingegen überlebten, zum Beispiel Nicolas Birtz vom luxemburgischen Verein FC Düdelingen. Birtz schloss sich einer Gruppe an, die kritische Flugschriften verteilte, Parolen auf Wände malte und deutsche Straßenschilder mit luxemburgischen Namen überklebte. Birtz überstand die Lager, bestritt 1948 ein Länderspiel für Luxemburg und wurde in den 70er Jahren zum Bürgermeister seiner Heimatstadt Düdelingen gewählt.

Forschungen wie diese markieren eine wichtige Etappe für das bundesweite Netzwerk »!Nie Wieder«, das sich seit bald 20 Jahren für eine lebendige Erinnerungsarbeit im Fußball stark macht. »Fußballer im Fokus« formuliert Ideen für Workshops und Projekttage. »Ein wichtiger Anknüpfungspunkt für Fans von größeren Vereinen ist die lokale Geschichte, denn die Identifikation mit der eigenen Stadt ist groß«, sagt Andreas Kahrs, der maßgeblich an der Broschüre beteiligt war. »In unseren Workshops lernen die Teilnehmenden, welche lokalen Orte für die Deportationen wichtig waren.« Lagen Stadien in der Nähe von Arbeitslagern oder Außenstellen von Konzentrationslagern? Wurden Sportstätten für Propagandaspiele oder als Aufmarschplätze genutzt?

Weniger im Fokus stehen bislang die durchaus prominenten Täter aus dem Sport. Der damalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Felix Linnemann, war als führender Polizeibeamter für Deportationen von Sinti und Roma verantwortlich. Der einstige Hamburger Fußballer Otto Harder arbeitete als Wachmann in Konzentrationslagern. Und das Verbot des Frauenfußballs 1955 wurde größtenteils von Funktionären forciert, die einst in der NSDAP Mitglied waren.

In der außerschulischen Bildung sind vor allem Hochschulen, Gewerkschaften und Jugendverbände aktiv. Andreas Kahrs hofft, dass auch der Fußball weitere Angebote schaffen kann. Er selbst organisiert Bildungsreisen für Fans, Funktionäre und Sponsoren. Schon jetzt haben Klubs die Forschungen der Arolsen-Archive in ihren sozialen Medien verbreitet, etwa Ajax Amsterdam und der KS Cracovia aus Kraków. Der SC Paderborn hat das Archiv für Dreharbeiten besucht. »Fußballvereine wirken für Außenstehende manchmal sehr groß und unnahbar«, sagt Kahrs. »Es wäre hilfreich, wenn noch mehr Klubs auf den lokalen Gedenkort oder die jüdische Gemeinde vor Ort zugehen würden.« So können Netzwerke entstehen, wie es sie in Dortmund, Gelsenkirchen oder München bereits gibt.

Andreas Kahrs und Henning Borggräfe werden sich weiter mit verfolgten Fußballern beschäftigen. Zum Beispiel mit dem Österreicher Norbert Lopper. Wegen der schweren Folter im KZ konnte Lopper seine Laufbahn nach dem Krieg nicht fortführen. Doch er arbeitete bald erfolgreich als Funktionär bei Austria Wien und schilderte als Zeitzeuge die Verbrechen der Nazis, immer und immer wieder. Lopper starb 2015, er wurde 95 Jahre alt.

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