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  • Queer bei Olympia

Zum Verstecken gezwungen

Bei Olympia starten so viele offen queere Sportler wie noch nie. In China aber muss die Community weiterhin mit Repressionen rechnen

  • Von Ronny Blaschke
  • Lesedauer: 4 Min.
US-Eiskunstläufer Timothy LeDuc, hier mit Partnerin Ashley Cain-Gribble, tritt bei Olympia als erste offen nicht-binäre Person bei Winterspielen an.
US-Eiskunstläufer Timothy LeDuc, hier mit Partnerin Ashley Cain-Gribble, tritt bei Olympia als erste offen nicht-binäre Person bei Winterspielen an.

Als erster chinesischer Profisportler trat Xu Jingsen aus dem Schatten heraus. 2018 veröffentlichte der Surfer im sozialen Netzwerk Weibo ein Foto, das ihn auf einer Welle zeigt. Im Hintergrund: Eine Regenbogenflagge. »Ja, ich bin schwul«, schrieb Xu. »Heute bin ich mutig, mein wahres Ich zu sein, und ich betrachte das als das größte Geschenk.« Wenige Wochen später trug Xu Jingsen während der Eröffnungsfeier der Gay Games 2018 in Paris die chinesische Fahne. Fast 70 Sportler chinesischer Herkunft nahmen an diesem queeren Festival teil. Sie treiben Sport meist in ihrer Freizeit - in den chinesischen Staatsmedien spielen sie keine Rolle.

Mehr als 180 offen homosexuelle Sportler aus aller Welt waren bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio dabei. Nun bei den Winterspielen in Peking sind es bei kleineren Starterfeldern auch immerhin 36. In beiden Fällen ist das ein Rekord, das haben Aktivisten der US-amerikanischen Internetplattform »Outsports« recherchiert. »Immer mehr Athleten gehen an die Öffentlichkeit und machen anderen Menschen Mut«, sagt Anne Lieberman von der Nichtregierungsorganisation »Athlete Ally«. »Doch aus dem bevölkerungsreichsten Land ist kein offen queerer Sportler bei Olympia dabei.«

Nach Schätzungen sind in China rund 70 Millionen Menschen schwul, lesbisch, bi- oder intersexuell. Die Gesetzgeber haben Homosexualität 1997 entkriminalisiert und 2001 von der Liste der »psychischen Krankheiten« gestrichen. Ein Antidiskriminierungsgesetz existiert allerdings nicht, in den vergangenen Jahren galt: Homosexualität werde geduldet, so lange sie im Privaten bleibe. Doch damit scheint es nun vorbei zu sein: Seit Sommer 2021 haben Behörden Hunderte diverser Chatgruppen und Blogs mit LGBTQ-Themen gesperrt. Im November gab eine der wichtigsten Vereinigungen, die »LGBT Rights Advocacy China«, dem Druck nach und stellte ihre Arbeit ein.

»Die politische Führung bedient die Vorstellung, dass Homosexualität ein Import aus dem Westen sei«, sagt der Sportsoziologe Tobias Zuser, der in Hongkong lehrt. »Im Alltag werden traditionelle Geschlechterbilder stärker betont.« Die oberste Medienaufsicht kritisierte »verweichlichte Männer« in Videospielen und Sänger mit Make-up. Popmusik aus Südkorea und Filme aus Hollywood sollen zunehmend durch einheimische Produktionen verdrängt werden.

Auch der Sport wird im »Kulturkampf« gegen den Westen in Stellung gebracht. Vor knapp zwei Jahren forderte das Bildungsministerium von Schulen die Einstellung »pensionierter Sportler, um die Männlichkeit der Schüler zu kultivieren«. Hingegen erhielten populäre Fußballer Sperren. Schon 2018 versammelte der hiesige Fußballverband 50 Jungprofis in einem Militärcamp. Und im Jahr darauf erhielten Chinas Fußballerinnen vor der WM Unterricht mit dem Titel »Mutterland in meinem Herzen«.

In diesem Klima haben sich neben dem Profisurfer Xu Jingsen nur wenige Persönlichkeiten aus dem Sport geoutet. Im Juni 2021 machte die Fußball-Nationalspielerin Li Ying ihre Beziehung zu einer Influencerin auf der Plattform Weibo öffentlich. Li erhielt Unterstützung, stieß aber auch auf Ablehnung. Kurz darauf war ihre Mitteilung im Netz wieder verschwunden. Für Monate wurde die Stürmerin danach nicht ins Nationalteam berufen und verpasste deshalb das Olympiaturnier in Tokio. Ob sie damit für ihr Outing bestraft werden sollte, ist unklar. Mittlerweile hält sie ihre Beziehung aus der Öffentlichkeit heraus. Im September 2021 ging dann die Volleyballerin Sun Wenjing mit einem Coming-out an die Öffentlichkeit - allerdings schon zwei Jahre nach ihrer Karriere.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass sich queere Athleten auch in Europa und Nordamerika verstecken mussten. Manchmal aber bot ihnen der Sport einen Schutzraum. Der erste queere Sportverein Europas war 1980 der SC Janus in Köln. Zwei Jahre später rief der US-Zehnkämpfer Tom Waddell in San Francisco die Gay Games ins Leben. Diese Spiele entwickelten sich zu einer Plattform für Menschenrechte, zumindest im liberaleren Westen.

In diesem Jahr sollten die Gay Games erstmals in Asien stattfinden, in Hongkong, doch wegen der Pandemie wurden sie auf November 2023 verschoben. »Hongkongs Regierung wollte nicht wirklich etwas mit den Gay Games zu tun haben«, sagt der Forscher Tobias Zuser. Einige Aktivisten setzen jedoch Hoffnung in die Spiele. »Wir leben in einer sehr traditionellen Gesellschaft. Sexuelle Vielfalt wird in Medien und Schulbüchern fast nie thematisiert«, sagt der Jurist Wu Jian, der sich für Forschungen gerade im Ausland befindet und seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. »Durch die Gay Games könnten vor allem konservative Eltern sehen, dass wir keine Bedrohung für die Gesellschaft darstellen.«

Noch immer ist Homosexualität in 69 Ländern strafbar, in sieben Staaten droht für gleichgeschlechtlichen Sex sogar die Todesstrafe. Hingegen öffneten bei den Winterspielen 2010 in Vancouver und im Sommer 2012 in London sogenannte »Pride Häuser«, Treffpunkte für queere Athleten und Fans. »Auch ohne Corona wäre ein solcher Ort in Peking undenkbar«, sagt Wu Jian. In Peking, Schanghai oder Guangzhou muss die LGBTQ-Gemeinde ihren Freizeitsport konspirativ organisieren, sonst droht der Verlust von Hallen. Fernab der Metropolen ist der Sport als Rückzugsraum noch pure Utopie.

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