»Wir werden immer mehr...«

Renate Christians über »Omas gegen Rechts« und Zivilcourage gegen Hass und Gewalt, die sich auch gegen Frauen und Mädchen richten

  • Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.
Renate Christians ist aktiv bei den "Omas gegen Rechts" in Berlin.
Renate Christians ist aktiv bei den "Omas gegen Rechts" in Berlin.

Renate Christians (66), gelernte Krankenschwester, die später in der Tumor- Dokumentation arbeitete, stammt aus Duisburg und lebt seit sechs Jahren in Berlin, wo sie zu den aktivsten Mitgliedern der Initiative »Omas gegen Rechts« gehört.

Die »Omas gegen Rechts« sind noch sehr jung, erst 2019 in der Bundesrepublik gegründet worden - und doch schon stark präsent und stark vernetzt, landauf, landab. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Die Initiative entstand 2017 in Österreich als Reaktion gegen die Regierungskoalition der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ unter Kanzler Sebastian Kurz. Politisch sensibilisierte Frauen sind aufgestanden und haben gesagt: »Das wollen wir nicht noch einmal erleben, dass rechte Populisten uns in die Arme von Nazis und in eine Katastrophe treiben.« Sie gehörten teils noch der Kriegsgeneration an oder waren von der traumabelasteten Nachkriegszeit geprägt. Die Generation ihrer Eltern und Großeltern war eine geschädigte und beschädigte. Das trifft ebenso oder noch mehr auf Deutschland zu. Und so bildeten sich zwei Jahre später über Facebook auch hier erste Gruppen der »Omas gegen Rechts«. Gegründet wurden sie vor allem von Frauen, die schon früher politisch aktiv waren: in der Friedensbewegung, in der Antiatomkraftbewegung, in Umweltgruppen oder in feministischen Zusammenhängen.

Trifft das auch auf Sie zu?

Ja, ich war in der Friedens- und Antiatomkraftbewegung aktiv. Nach der Geburt meiner Kinder und der Trennung von meinem Mann hatte ich leider nicht mehr die Zeit und Kraft dafür. Jetzt, da die Kinder längst erwachsen sind, ihre eigenen Familien gegründet haben, bin ich wieder frei, mich stärker gesellschaftlich zu engagieren. Man möchte, man kann, man muss etwas gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus tun.

Die Omas von heute wollen nicht auf Kaffeekränzchen reduziert werden.

Auch nicht auf die Kittelschürze. Es sind starke, selbstbewusste, emanzipierte Frauen, die sich bei »Omas gegen Rechts« organisieren. Uns gibt es inzwischen in über 70 Städten deutschlandweit. Und wir werden immer mehr. Wir werden immer wieder von Frauen angeschrieben, die auch an ihren Wohnorten eine Gruppe aufbauen wollen. Wir helfen ihnen, beraten sie, wie man eine Facebook-Seite einrichtet, wie man Kundgebungen organisiert und Werbung macht.

Speist sich die Initiative »Omas gegen rechts« auch aus der Ablehnung, im Alter gesellschaftlich marginalisiert zu werden?

Eher nicht. Unsere Hauptmotivation ist im Anwachsen des Rechtspopulismus und Neonazismus begründet. Uns treibt die Angst um, dass sich rechtspopulistische Parteien, rechtsextreme Bewegungen oder Strömungen durchsetzen könnten und die freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährden, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus sich weiter ausbreiten.

Ein besonders negatives Beispiel bieten die USA, wo es der rechtspopulistische Präsident Donald Trump geschafft hat, innerhalb von vier Jahren die Nation zu spalten wie nie zuvor. Auch wenn man nach Frankreich schaut, muss man beunruhigt sein. Dort greifen zwei rechtspopulistische Spitzenkandidaten nach der Präsidentschaft. Und bei uns sitzen Rechtspopulisten nicht nur in Landesparlamenten, sondern auch im Bundestag. Sie relativieren die Verbrechen der Nazis, leugnen den Klimawandel und versuchen das Unverständnis von einigen Menschen über die Anti-Corona-Politik der Regierung für sich auszubeuten. Wir haben eine Verantwortung unseren Kindern und Enkelkindern gegenüber, sowohl was den Schutz der Demokratie, solidarischen Zusammenhalt der Gesellschaft wie auch den Stopp des Klimawandels betrifft. Wir »Omas gegen Rechts« stehen daher auch an der Seite der Jugendlichen von »Fridays for Future«.

Und Sie protestieren auch energisch gegen Corona-Leugner.

Das ist richtig. Wir demonstrieren gegen rechtspopulistische und rechtsextremistische Verschwörungstheorien und Fake News, darunter die Leugnung der Pandemie. Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus werden unter uns allerdings auch sehr kontrovers diskutiert. Es gibt Frauen, die sich nicht an unseren Protesten gegen die sogenannten Spaziergänger beteiligen, weil sie anderer Meinung sind, selbst nicht alle Maßnahmen zur Eindämmung von Corona gutheißen. Manche sind auch in der Tat nicht einsehbar. Meinungsvielfalt ist eine unsere Stärke. Wir müssen nicht alle der gleichen Meinung sein. Wir diskutieren viel. Man muss andere Meinungen auch aushalten können.

Wie erklären Sie sich den zunehmenden Rechtsextremismus hierzulande?

Das ist schwer zu erklären. Vielleicht weil Denken in rassistischen Kategorien zählebig ist, von Generation zu Generation weitergetragen wird? Judenhass gibt es seit Jahrhunderten. Es wurden Vorurteile und Klischees von bestimmten Kräften geschürt, die Feindbilder und Sündenböcke brauchen , um ihre Ziele zu erreichen. Ähnliche Mechanismen sind bei Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit zu beobachten. Und manche brauchen wohl das Gefühl, anderen Menschen überlegen zu sein. Ich weiß es nicht. Es ist jedenfalls nicht zu begreifen.

Speist sich Xenophobie nicht auch aus sozialen Ursachen?

Es ist eine völlig unbegründete Angst, dass Menschen, die zu uns flüchten, unser Lebensniveau absenken. Diese Angst braucht niemand im Sozialstaat zu haben. Das ist absurd.

Durch die Abwertung der Anderen meint mancher sich selbst aufzuwerten?

Vielleicht. Aber das Gegenteil ist der Fall: Man macht sich selber klein, schlägt aus, was das eigene Leben durch die Erfahrungen anderer Menschen, durch andere Kulturen und Lebensweisen bereichern könnte. Gegen solche Engstirnigkeit, die für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit empfänglich macht, muss man früh angehen. Man muss schon mit Kindern und erst recht mit Jugendlichen darüber sprechen. Man muss ihnen zeigen, wie die Welt wirklich ist: bunt und vielseitig.

Die Literatur über die NS-Zeit, über den Holocaust, ist hierzulande schier unüberschaubar. Es scheint aber, dass Aufklärung wenig bewirkt gegen Rechtsaußen?

Das liegt vielleicht daran, dass wir alle in einer medialen Blase leben, nur die Nachrichten wahrnehmen, die wir wahrnehmen wollen. Bei Facebook oder Twitter werden die Einträge geliked, die aus dem eigenen Umkreis stammen. Jugendliche sind besonders anfällig, auf bestimmte Links oder Songs hereinzufallen. Sie sind nicht immer in der Lage, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Sie verstehen bestimmte Songtexte nicht, wenn aber der Rhythmus knallt, sind sie begeistert. Sie sind leichter zu beeinflussen. Und wenn das erst einmal gelungen ist, fällt es schwer, sie zu überzeugen, dass sie Fake News, Rechtspopulisten oder Rechtsextremisten auf den Leim gegangen sind. Das Internet spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Verbreitung von Mythen und Fake News, von Hass und Phobien. Wir leben in einer Welt der Desinformationen und leider auch zunehmenden Desinteresses und Mitgefühls für den oder die Anderen.

Würden Sie es begrüßen, wenn Internetprovider verpflichtet wären, achtsamer zu sein und inhumane Inhalte zu löschen?

Natürlich. Hasskommentare und Falschmeldungen dürfen nicht verbreitet werden. Man muss aber aufpassen, dass Auflagen nicht in Zensur ausarten. Die Meinungsfreiheit ist ein kostbares Gut. Sie endet aber dort, wo Hass und Gewalt gepredigt, demokratische Werte diffamiert, völkisches Gedankengut oder Frauenfeindlichkeit kolportiert werden. Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Da gibt es klare Grenzen. Eine demokratische Gesellschaft muss sich als wehrhaft beweisen.
Für Corona-Leugner, Aluhut-Träger und Randalierer, die Parolen wie »Meinungsdiktatur« skandieren oder Anti-Pandemie-Maßnahmen mit der Judenverfolgung unter den Nazis vergleichen, habe ich kein Verständnis. Rechtspopulisten und Rechtsextremisten verdienen Null-Toleranz.

Haben Sie keine Angst, wegen ihrer Überzeugung tätlich angegriffen zu werden?

Nein. Wir melden unsere Gegenkundgebungen an. Die Polizei schützt uns. Bislang habe ich mich auch immer sicher gefühlt. Ich halte aber auch bestimmte Verhaltensmaßnahmen ein, gehe beispielsweise mit meinem Oma-Schild oder Oma-Button nicht allein auf die Straße, stelle mich nicht allein einer wütenden Menge, sitze auch nicht allein in der U-Bahn mit meiner Plakette. Ich rate auch den Frauen, die neu zu uns stoßen, vorsichtig zu sein. Unsere Stärke ist die Gemeinschaft.

An diesem Montag findet weltweit zum zehnten Mal die Kampagne »One Billion Rising« statt - eine Milliarde Menschen erheben sich tanzend gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Die »Omas gegen Rechts« tanzen ab 17.30 Uhr vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Am 19. Februar, zum zweiten Jahrestag des rechtsextremen, rassistischen Anschlags in Hanau, trommeln sie gegen rechten Hass. Dürfen Opas auch mitmachen?

Aber natürlich. Sie sind bei all unseren Aktionen willkommen. Zivilcourage gegen Unrecht, Gewalt und Hass ist dringend geboten, sollte jeder, sollte jede zeigen.

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