Risikofaktor Männlichkeit

Partnerschaftsgewalt hat verheerende Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit von Frauen. Dies ist kein ahistorisches Phänomen, sondern Produkt der patriarchalen Klassengesellschaft

  • Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 5 Min.
Frauen wehren sich - gegen Vergewaltiger, Ärzte, Richter und das Patriarchat! Unsere Fotoreihe zeigt einige Momente dieser Aufbrüche der feministischen Gesundheitsbewegung aus den Archiven.
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Am Morgen des 16. November 1980 tötete der prominente Philosoph Louis Althusser seine Ehefrau Hélène Rytmann in ihrem gemeinsamen Bett – eine Tat, die er fünf Jahre später in seiner Autobiografie folgendermaßen erklärte: »Ich erwürgte meine Frau, die für mich die ganze Welt war, als ich … eine intensive und unvorhersehbare Krise der psychischen Störung durchmachte – sie, die mich so sehr liebte, dass sie aus Mangel an Lebenskraft nur noch sterben wollte – und zweifellos muss ich ihr in meiner Verwirrung und gänzlich unwissentlich ›diesen Gefallen getan haben‹, gegen den sie sich nicht wehrte, an dem sie aber starb.« Trotz ihrer dreisten Absurdität hatte diese Erzählung damals dem zuständigen Richter eingeleuchtet, der Althusser nahezu unmittelbar nach der Tat für schuldunfähig erklärte.

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist und versucht, es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen. dasnd.de/hohmann

Und noch im August 2021 stellt ein Autor namens Fritz Göttle in der »Süddeutschen Zeitung« die Männerbündelei über seine Urteilskraft. »Keine Kontrolle« habe Althusser mehr gehabt »über das, was er fühlte, dachte, tat – ein schauriger Befund, eine tragische Ironie für einen Philosophen, der sich beschäftigt mit Bewusstsein und Identität, dem freien Willen, dem Cogito ergo sum.« Der Fokus ist hier auf den Täter gerichtet, das Mitgefühl gilt ihm, dem zugleich keine Verantwortung für seine Gewalttat zukommt. Und obwohl normale Männer selten geschriebene Zeugnisse ihrer Taten vorlegen – die skrupellose Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit ist den ganz großen Denkern vorbehalten – sind wir hiermit bei der gesellschaftlichen Realität von Partnerschaftsgewalt angelangt: Wenn irgendwo auf der Welt eine Frau getötet wird, ist in über 35 Prozent der Fälle der männliche Partner der Täter, wie die WHO festhält. Und ebenso wie Louis Althusser tragen die meisten dieser Männer niemals ernsthafte Konsequenzen für ihre Taten.

Gewaltbegriffe

Kurzer Exkurs zum Begriff der Partnerschaftsgewalt: Eine einheitliche Bezeichnung für Gewalt in intimen Zweierbeziehungen gibt es im deutschsprachigen Raum (noch) nicht – wohl auch, weil diese Gewalt vielfältige Formen hat, vom emotionalen über sexuellen Missbrauch bis hin zum Mord. Lange wurde der Begriff »häusliche Gewalt« verwendet, der heute zumeist Gewalt beschreiben soll, die sich nicht allein gegen die Partnerin, sondern auch gegen Kinder und andere Familienmitglieder richtet. Auch gibt es eine Kritik an der Emphase auf den Ort des Geschehens, an »dem Häuslichen«, als sachfremd oder irreführend; besser müsse der Inhalt der Tat benannt werden. Und tatsächlich ist bloße räumliche Nähe nicht ursächlich für Gewaltanwendung durch den männlichen Partner, den Vater, Onkel oder Bruder. Dennoch bietet die bürgerliche Wohnform - die einzelne Familie in den »eigenen vier Wänden«, die je nach Geldbeutel komplett überdimensioniert oder extrem beengt ausfallen können – potenziellen Tätern Gelegenheit, Anlass und Schutz für Übergriffe. Der massive Anstieg von Fällen sogenannter häuslicher Gewalt während der Covid-Lockdowns 2020/21 scheint das zu belegen.

Partnerschaftsgewalt, wie wir sie heute kennen, ist universal – und darin ein Phänomen der bürgerlichen Klassengesellschaft. Dies gilt im dreifachen Sinne: Erstens bringen kapitalistisch organisierte Gesellschaften die Gründe hervor, aus denen heraus Männer gewaltvoll agieren, zweitens hat die Gewalt je nach Klassenzugehörigkeit spezifische Ausformungen, drittens sind proletarische und von Armut betroffene Frauen am häufigsten Opfer von partnerschaftlichem Missbrauch. In Großbritannien beispielsweise erlebten laut staatlicher Erhebung 2016 »fast viermal so viele Frauen in der niedrigsten Einkommensklasse« Partnerschaftsgewalt als diejenigen mit höheren Einkommen.

Ausweg Bildung?

Zugang zu höherer Bildung und einem entsprechenden Arbeitsverhältnis erleichtern es statistisch, einer missbräuchlichen Partnerschaft zu entkommen. Das ergibt Sinn, denn materielle Unabhängigkeit und Zugang zu sozio-kulturellen Ressourcen sind im Kapitalismus geldvermittelt, ökonomische Sicherheit ist Bedingung für Handlungsfähigkeit – und insofern für den nicht unbeträchtlichen Teil der Frauen, der global in Armut lebt, übrigens schlicht jenseits des Möglichen. Dennoch tragen die Gewalterfahrungen von Frauen aus der »Mittelschicht« ihre eigenen klassenspezifischen Merkmale. Zum Beispiel ist Partnerschaftsgewalt in bildungsbürgerlichen Kreisen mit einem größeren Stigma belegt, weshalb Frauen aus diesen Milieus seltener Hilfe suchen. Außerdem ist es wiederum ein Risikofaktor, als Frau innerhalb einer heterosexuellen Beziehung besser ausgebildet zu sein als der Partner. Und sollte eine Frau tatsächlich qua Berufstätigkeit der Beziehungsgewalt entkommen sein, erwarten sie sexuelle Belästigung und Übergriffe durch männliche Vorgesetzte und Kollegen in der kapitalistischen Arbeitswelt – ein ausgesprochen weit verbreitetes Phänomen, wie die Metoo-Bewegung klargestellt hat.

Und das ist nur folgerichtig. In einem System, das im Normalfall durch Ausbeutung und Konkurrenz, im Extremfall durch Krieg geordnet wird, ist Männlichkeit – obwohl sie letztlich absolut niemandem gut tut – unerlässlich: Eine Subjektkonstitution, die Handlungsfähigkeit durch Unterwerfung des Gegenübers erlangt, ist hier zugleich Wettbewerbsvorteil, Kontrollmechanismus und Kompensation für selbst erfahrene Ohnmacht oder persönliche Ermächtigung. Die beiden letzteren affektiven Zustände motivieren zu gewaltsamer Bemächtigung oder Vernichtung des weiblichen Gegenübers im Partnerschaftskontext – und sie zeigen die Verwobenheit von Arbeitsleben und Privatsphäre, von Produktion und Reproduktion. Die Aufhebung dieser bürgerlichen Sphärentrennung muss also ein Anliegen derjenigen sein, die für eine Welt kämpfen, in der Liebesbeziehungen nicht mehr gefährlich sind.

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