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Die Zurückgelassenen

In Afghanistan leben weiterhin Menschen, die mit Deutschland oder deutschen Organisationen zusammengearbeitet haben und nach dem Sieg der Taliban zurückgeblieben sind. Vier Porträts

  • Von Philip Malzahn, Kabul und Mazar-e Scharif
  • Lesedauer: 13 Min.
Die ehemalige Polizistin Soraya hat Angst, erkannt zu werden.
Die ehemalige Polizistin Soraya hat Angst, erkannt zu werden.

Zwanzig Jahre lang hat die Nato gegen die Taliban in Afghanistan Krieg geführt. Heute ist der Krieg vorbei: Die Taliban haben gewonnen, und die Einheimischen, die für die ausländischen Streitkräfte gearbeitet haben, bangen um ihr Leben.

Der Fluglotse

Als Jamal kurz vor dem Abitur steht und wie so viele andere in seinem Alter völlig überfordert von der Frage ist, was er mit seinem Leben anfangen soll, kommt ihm eines Abends beim Fernsehschauen die Antwort auf diese Frage. Eine Ausbildung zum Fluglotsen sei sehr attraktiv, so sagt die Stimme im Fernsehen, 50 US-Dollar im Monat würde man während der Ausbildung erhalten. Nach erfolgreichem Abschluss viel mehr. Alles, was man für die Aufnahmeprüfung bräuchte: einen Schulabschluss und gute Englischkenntnisse. »Englisch? Kann ich«, so beschreibt der heute Dreißigjährige seine Reaktion. Zusammen mit ein paar aus der Clique seien sie dann zur Universität gegangen. Dort habe ein Deutscher namens Gerhard Rose ihre Papiere eingesammelt. Laut Jamal war die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) für das Ausbildungsprogramm als Air Traffic Controller (ATC) verantwortlich.

Er und seine Freunde bestehen den Aufnahmetest. Doch der Weg zum Fluglotsen ist lang: Die Ausbildung dauerte mehr als drei Jahre, die jungen Männer werden auch in Indien und Bangladesch ausgebildet, weil es in Afghanistan keine Simulatoren für die verpflichtenden Trainingsstunden gibt. Nach erfolgreichem Abschluss werden sie von der Regierung angestellt, bekommen ein Monatsgehalt von 100 US-Dollar. Sie beschweren sich wegen des mickrigen Lohns, durch Unterstützungen von deutschen Kollegen wird ihr Gehalt auf 700 US-Dollar im Monat erhöht. Nur zum Vergleich: In Deutschland liegt das Einstiegsgehalt eines Fluglotsen bei etwas über 7000 Euro brutto.

Doch Jamal ist trotzdem zufrieden und beschreibt die darauffolgenden Jahre ziemlich positiv - trotz des andauernden Kriegs. Als im Februar 2020 jedoch das Friedensabkommen zwischen den USA und den Taliban in Qatar getroffen wird, überkommt ihn ein mulmiges Gefühl. Im darauffolgenden Jahr nimmt er wahr, wie der Verkehr am Flughafen zunimmt, wie immer mehr Transportmaschinen leer ankommen und voll wieder abfliegen.

Als er und seine Kollegen aufgrund des grassierenden Coronavirus zum zweiten Mal die Quarantäne am Flughafen verbringen müssen, wenden sie sich an ihre Vorgesetzten - laut Jamal allesamt deutsche Staatsbürger: »Ihr habt euch jahrelang auf uns verlassen können. Ihr müsst uns doch jetzt irgendwie helfen«. Sie wimmeln die Fluglotsen jedoch ab, sagen ihnen, es gäbe nichts, das sie tun können. »Gebt uns wenigstens ein Papier, irgendetwas, das uns die Tür öffnet, damit wir es an anderer Stelle probieren können«, forderte Jamal seiner Erinnerung nach von ihnen. Doch es passiert nichts.

In der Nacht des 13. August 2021, als die Stadt Mazar-e Scharif in die Hände der Taliban fällt, ist er alleine mit einem Kollegen im Tower. Die Taliban seien von den Bergen herabgestiegen und haben das Feuer auf den Flughafen eröffnet. »Es war wie die Apokalypse. Man hat die Schüsse gesehen, die Leuchtstreifen«, erinnert sich Jamal. Bei dem Angriff sei der Flughafen noch in vollem Betrieb gewesen, mit Zivilmaschinen, Militärmaschinen und Helikoptern. Ihn und seinen Kollegen packt die Todesangst. Er habe per Funk an die abfliegenden Deutschen appelliert: »Wir helfen euch doch, wir helfen euch seit Jahren, wie könnt ihr einfach gehen?« Mit jedem abfliegenden Flugzeug sei die Angst aber gestiegen. Als nur noch ein paar Flugzeuge auf Abflug warten, brüllt er: »Nehmt uns mit! Fliegt nicht ab! Wartet! Wir kommen!« Er und sein Kollege verlassen den Tower und rennen auf die nächstgelegene Maschine zu.

Doch jedes Mal, wenn die Taliban das Feuer eröffnen, müssen sich die beiden auf den Boden werfen und ausharren, bis keine Kugeln mehr fliegen. Dann weiter rennen. »Der Pilot hat die Geduld verloren«, erzählt Jamal. Das letzte Flugzeug hebt ab als er nur noch etwa 100 Meter entfernt ist. Jamal und sein Kollege entkommen den Taliban, indem sie das Liefertor aufbrechen, durch das sonst die Tanklaster auf das Flughafengelände fahren.

Jamals Geschichte zeigt, wie dramatisch, wie überhastet, wie chaotisch und vor allem wie ungerecht die Evakuierung der sogenannten Ortskräfte durch die internationalen Streitkräfte gelaufen ist. Jahrelang hat Jamal für die Sicherheit der Luftfahrt gesorgt. Und während die Taliban ihn beschossen haben, er auf dem Boden lag und um sein Leben zitterte, hoben die letzten Maschinen vom Flughafen ab, die ihn zurückgelassen haben.

Übrigens: Seit dem Fall der Stadt Mazar-e Scharif sitzt niemand mehr im Kontrollturm. Es gibt weder das Personal noch die nötige Technik. »Die Deutschen«, so erzählt Jamal, »haben für über fünf Millionen Euro ein neues System installiert.« Die Instandhaltung dessen würde über die Jahre noch mal das sechsfache kosten, so der Fluglotse. Doch das Geld sei für die Katz, das System kaputt. Die Geschichte ist beispielhaft für die letzten 20 Jahre, die verfehlten Bemühungen des Westens und den überhasteten Abzug. Doch in Afghanistan geht das Leben weiter, wenn es auch noch gefährlicher ist als zuvor. Trotz fehlender Fluglotsen steuern jeden Tag Passagiermaschinen der afghanischen Airlines den Flughafen an. Die Piloten fliegen einfach auf Sicht. Die Passagiere wissen nicht, dass ihr Pilot im tiefsten Winter versucht, per Augenmaß die Landebahn zu treffen.

Die Polizistin

Sie wollte ein Vorbild für alle afghanischen Frauen sein. Heute ist Soraya eine Vertriebene, eine Gejagte. Um sich zu schützen, hat sie sich selbst in einer Wohnung eingeschlossen, die nicht ihr gehört. Denn Soraya hat sich über die Jahre viele Feinde gemacht. Feinde, die mit ihr kurzen Prozess machen würden, wenn sie wüssten, wo sie sich aufhält. Denn Soraya war nicht nur Polizistin, was auf der ganzen Welt kein ungefährlicher Beruf ist, sie hat 15 Dienstjahre als Frau in Afghanistan gearbeitet. Ihre Heimatstadt Herat, die im Westen Afghanistans in der Nähe der iranischen Grenze liegt, gilt als besonders konservativ.

Direkt nach der Wahl des ersten Präsidenten Afghanistans nach dem Fall der Taliban 2001 geht sie zur Polizei. Ihr Job war es, in dieser extrem konservativen Gesellschaft Frauen zu unterstützen, die zu Hause Gewalt erfahren haben. In ihrer Arbeit in der zentralen Polizeistelle in Herat war sie die erste Ansprechpartnerin für Frauen, die nicht mehr weiter wussten und so bei jener Institution Hilfe suchten, der in Afghanistan eigentlich die wenigsten vertrauen: dem Staat.

»Vergewaltigungen, Schläge, Misshandlungen, Folter, Zwangsverheiratung von Minderjährigen, ich habe alles miterlebt«, erzählt sie. Schnell muss sie erkennen, dass ihr Beruf das Privatleben beeinträchtigt. Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, die ihrem Mann beinahe das Leben kostet. In vielen Fällen, die Soraya über die Jahre betreut,werden die Eheleute durch den Staat geschieden - für viele Ehemänner und ihre Familien eine unerträgliche Schande, gegen die sie sich wehren. Mit Einschüchterung, Bedrohung, Erpressung, aber auch mit körperlicher Gewalt. »Man gewöhnt sich daran«, erzählt Soraya, »zumindest denkt man das am Anfang.« Doch im Jahr 2011 betreut sie eine Fall, der bis heute ihr Leben bestimmt.

Damals hilft sie einer Frau, deren Ehemann sie schlug und vergewaltigte. Sie lässt sich scheiden, Soraya sorgt dafür, dass er verhaftet wird. Bereits vom Gefängnis aus droht er ihr und ihrer Familie per Telefon. Aus Angst um ihren jüngsten Sohn schickt sie diesen 2013 auf einem illegalen Weg nach Deutschland. Als der Mann aus dem Gefängnis kommt, entführt er ihren Mann, foltert diesen und schießt ihn ins Bein - bis heute kann er nicht richtig laufen. Soraya sucht nach ihm und findet ihn. Er wird einem Richter vorgeführt und zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt. Doch als die Taliban die Kontrolle übernehmen, entkommt er dem Gefängnis und bedroht die Familie erneut. Als er eines Tages vor ihrer Haustür steht, kommt es zu einem Faustkampf zwischen ihm und ihrem Mann, den sie nur knapp überleben. Seitdem leben sie versteckt. Er will eine Entschädigung von 8000 US-Dollar von der Familie erpressen. Sie zahlen ihm 2000, doch das hilft nichts.

Zu Hause zeigt sie uns einen riesigen Stapel Dokumente. Es sind Erinnerungen an ein anderes Leben. Zertifikate von der Schießausbildung durch die Amerikaner, Arbeitszeugnisse, Ausweise und haufenweise Fotos: mit ausländischen Offizierinnen auf Konferenzen im edlen Serena-Hotel in Kabul, sogar von einer monatelangen Fortbildung in Kairo. Es wirkt skurril, wenn Soraya diese Dokumente zeigt. Als wäre die Person auf den Fotos ein anderer Mensch. Soraya ist heute blass, gestresst.

Jeden Tag telefoniert sie mit ihrem Sohn. Dieser hat in Deutschland einen Schlaganfall erlitten, seine linke Körperhälfte ist gelähmt. »Ich muss raus, ich muss nach Deutschland zu meinem Kind«, sagt Soraya verzweifelt. Er ist schwer suizidal und droht regelmäßig sich umzubringen. Doch sie hat kaum Hoffnung, denn für sogenannte Ortskräfte der Bundesrepublik ist es extrem schwer, in diesen Tagen eine Aufnahmezusage aus Deutschland zu erhalten. Soraya hat nie direkt für die Bundesregierung gearbeitet. Obwohl sie an der vordersten Front für jene Vision gekämpft hat, die die Bundesrepublik mit ihrem Kampf für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie in Afghanistan angeblich verfolgt hat, weigert man sich bislang, Verantwortung für sie zu übernehmen und sie vor einem möglichen Mord zu schützen.

Der Kameramann

Irgendwo in der Peripherie Kabuls. In einer Seitenstraße wartet Mohammed (Name geändert) und winkt uns hastig durch die Tür. Kalter Schneeregen fällt an diesem Nachmittag auf die Stadt. Mohammed führt uns durch einen vernachlässigten Hof in das Haus. Wir setzen uns in ein durch einen Holzofen beheiztes Zimmer. Doch bevor der Dreiunddreißigjährige seine Geschichte erzählen kann, muss er die Tränen unterdrücken. Er lehnt sich nach vorne, legt seine Stirn auf den Holztisch und holt tief Luft. Sekunden vergehen, die sich wie Minuten anfühlen. Stille. Das Haus, in dem wir sitzen, ist nicht seins. Wäre er noch in seinem eigenen, wäre er wahrscheinlich tot. Mohammed wird, wie seine gesamte Familie, von den Taliban gesucht. Nur wenige Tage nach der Machtübernahme am 15. August klopfen sie zum ersten Mal an der Tür. Keiner macht einen Mucks, dicht kauern sie sich aneinander. Irgendwann verschwinden die Kämpfer wieder. Seine Frau muss sich übergeben.

Mohammed hebt den Kopf vom Tisch und beginnt zu erzählen. Knapp zehn Jahre war er Kameramann für diverse Medien, unter anderem für Tolo TV, dem größten unabhängigen Sender des Landes, der in den vergangenen Jahre immer wieder Angriffsziel der Taliban war. Das Handwerk hat er von Deutschen gelernt, erzählt er. Von einem Günther das Filmen; Lichttechnik und Produktion von einem Willy. Sein Bruder war lange für die deutsche Botschaft tätig. Als die Islamisten die Kontrolle über die Hauptstadt erlangen, evakuiert die Bundeswehr Mohammeds Bruder. Sie nehmen aber nur ihn, seine Frau und Kinder mit. Dass die ganze Familie in Gefahr ist, findet seitens der Bundesregierung keine Beachtung. Mohammeds andere Geschwister, ein Bruder und eine Schwester, versuchen dennoch zu entkommen. Doch um am Flughafen Kabul auch nur die kleinste Chance auf Evakuierung zu haben, brauchen sie gültige Reisedokumente. Sie besitzen beide jedoch nur ihre alten afghanischen Personalausweise. Deshalb nehmen sie den gefährlichen Weg auf sich, neue Dokumente zu beantragen. Es ist das letzte Mal, dass Mohammed von ihnen hört.

Nach vier Tagen ohne Kontakt und verzweifelter Suche meldet sich der Vorsteher des Bezirks Schakardara. Seine Schwester hat man erschossen aufgefunden. Sein Bruder wurde enthauptet. Obwohl es keine Zeugen gibt, sind sich Mohammed und seine Familie sicher: Es waren die Taliban. »Zu dem Zeitpunkt hatten sie bereits die absolute Kontrolle«, sagt Mohammed. »Wer sonst würde die beiden auf offener Straße so brutal ermorden?« Ihr Leben ist seitdem von Angst bestimmt.

Seine Stimme zittert, als er sagt: »Wir wollen die Hilfe von Deutschland. Wir brauchen die Hilfe von Deutschland!« An dieser Stelle muss Mohammed seine Stirn wieder auf den Tisch legen. Stille. In vollkommener Panik, so Mohammed, ist die Familie darauf in den Norden geflohen, nach Mazar-e Scharif. Sieben Tage haben sie dort versucht, über die Grenze nach Usbekistan zu kommen - erfolglos. Danach sind sie nach Dschalalabad gegangen, an die Grenze zu Pakistan. Nach sieben erfolglosen Tagen sind sie nach Kabul zurückgekehrt, wo sie, wenn niemand hilft, wohl der sichere Tod erwartet.

Seit Monaten wechselt Mohammed alle paar Tage mit seiner Frau und den drei Kindern den Wohnort. Nur so konnten sie bislang überleben. Doch auch an ihrer derzeitigen Tür kann es jederzeit klopfen. Mohammed und seiner Familie rennt die Zeit davon. Wenn ihnen niemand hilft, so ist sich Mohammed sicher, gibt es keine Hoffnung. Bevor wir das Haus verlassen, legt er noch mal den Kopf auf den Tisch. In absoluter Stille teilen wir diesen Moment der Angst und Trauer. »Danke, dass ihr gekommen seid«, sind seine letzten Worte.

Der Übersetzer

Dass Aryan (Name geändert) ein Händchen für Sprachen hat, wird im Gespräch schnell klar. Er ist zweisprachig aufgewachsen: Mit seiner Mutter spricht er als Kind Paschtu, mit seinem Vater Dari, die beiden afghanischen Amtssprachen. Im Interview an diesem sonnigen Wintertag, das wir in landesüblicher Manier auf dem Teppichboden führen, wechselt er sprunghaft zwischen fließendem Deutsch und Englisch, aber nicht hektisch, sondern elegant, so wie jemand, der sich offensichtlich wohlfühlt beim Reden. Sein Talent war auch den verantwortlichen Offizieren im Camp Marmol nicht lange verborgen geblieben. Das »Marmol« war die größte Militärbasis im Norden Afghanistans, in der Provinz Balkh. Dort übernahm die Bundeswehr während ihres 20-jährigen Afghanistan-Einsatzes ab 2006 die Kommandoführung. 2007 beginnt Aryan hier als Putzkraft im Feldlazarett zu arbeiten. Deutsch lernt er teilweise nur durch Zuhören, er beginnt, zwischen Bundeswehr und der afghanischen Armee (ANA) zu übersetzen.

Sein Beruf bringt ihn oft in brenzlige Situationen, auch im Privaten. Denn der Krieg in Afghanistan findet auch nach Feierabend statt. Es ist in seinem Umfeld, in seiner Nachbarschaft allgemein bekannt, welchen Beruf der heute 36-jährige Aryan ausübt. Und so dauert es nicht lange, bis er 2011 den ersten Drohbrief von den Taliban erhält. Er zeigt ihn seinen Vorgesetzten. Der Vorfall wird vermerkt, doch nichts passiert. Dass Mitarbeiter internationaler Streitkräfte solche Briefe erhalten, ist bereits zu dieser Zeit keine Seltenheit mehr. Seinen Job, für den er 1000 US-Dollar im Monat erhält, möchte er nicht aufgeben. Doch im Jahr 2015 wird ihm alles zu viel - die Belastung, die Gefahr, die Drohungen. Er versucht, in die Türkei auszuwandern. Doch die Kosten sind viel höher als erwartet, und am Ende bleibt er doch in Afghanistan.

Als die Bundeswehr ihre Ortskräfte sechs Jahre später, 2021, zu evakuieren beginnt, ist sich Aryan zunächst sicher, dass er dabei sein würde. Doch niemand meldet sich bei ihm, also fragt er nach. Das Verteidigungsministerium teilt ihm mit, er müsse sich gedulden. »Wie lange?«, möchte er wissen. »Noch eine Weile«, sagen sie ihm. Er schreibt über zehn Mails an die Bundeswehr. Dort ist er jedoch nicht im System vermerkt. Offiziell, so sagt der Computer, war er nie angestellt. Dabei hat Aryan alle notwendigen Belege, vor allem einen Arbeitsvertrag, den wir einsehen können.

Sein Fall ist wirklich seltsam. Aryan erfüllt alle, seien es noch so willkürliche rechtliche Rahmenbedingungen für ein Recht auf Evakuierung durch die Bundesregierung. Seinen Job, der teilweise an vorderster Front des brutalen und langwierigen Krieges stattfand, hat er stets gut gemacht. Das belegen Zertifikate der Bundeswehr, in denen ihm für seinen Dienst gedankt wird.

Ob er wirklich nicht auf der Liste steht, ob er einfach vergessen wurde oder durch das Raster gefallen ist, weiß er nicht. Ein ehemaliger Kollege, der wegen eines Drogendelikts auf der schwarzen Liste des Camps stand und dessen Arbeitsverhältnis fristlos gekündigt wurde, sei nun in Deutschland, erzählt er. Er selbst lebt alleine mit seiner Mutter und verbringt die Tage mit Mails, Telefonaten und Warten, wie so viele seiner Kollegen. Vor die Tür gehen kann er nicht, denn die Taliban kennen ihn. Für sie ist er ein Abtrünniger, ein Feind, ein Verräter. »Ich muss hier raus«, sagt er uns, »ansonsten bin ich tot.«

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