Lasst uns in Frieden (21): Wo Teppiche geklopft werden

Mehr Geld für Waffen? Tut mir leid, ich bin da raus

  • Von René Hamann
  • Lesedauer: 4 Min.

Neulich träumte mir, ich könne mir noch mal das Haus ansehen, in dem ich als Junge zwischen sechs und zehn mit den Eltern lebte. Ein einfaches Mietshaus in einer sogenannten Zollsiedlung an der Grenze, in denen ursprünglich Zöllner und ihre Familien wohnen sollten. Es gab eine kleine Wiese davor, auf der ein Baum stand und eine Teppichstange neben denen für Wäsche.

In meinem Traum kam die Teppichstange nicht vor, aber in dem Buch, das ich zur Zeit auf dem Klo lese (es gibt immer drei Lektüren: das Buch fürs Klo, das fürs Reisen, Schwimmbad, Parkbank und den ÖPNV, und das fürs Bett; man nennt es Vielbücherei), nämlich »Atemschaukel« von Herta Müller, kommt zumindest ein Teppichklopfer vor: »Ich wollte Leute sehen, die nicht im Lager leben, die ein Zuhause haben, einen Zaun, einen Hof, ein Zimmer mit einem Teppich, vielleicht sogar einen Teppichklopfer. Wo Teppiche geklopft werden, dachte ich, kann man dem Frieden trauen, dort ist das Leben zivil, dort lässt man die Leute in Frieden.«

Das stimmt bekanntlich nicht. Wo Teppiche geklopft werden, werden auch Kinder geschlagen, meist mit denselben Gerätschaften, das ist jedenfalls meine Erfahrung. Wo Kinder geschlagen werden, sind Kriege nicht weit, zumindest zeitlich nicht; zwischen meiner Kindheit und dem 8. Mai 1945 lagen schließlich auch nur knapp dreißig Jahre.

Nun ist die »Atemschaukel« kein Antikriegsbuch, eher ein Nachkriegsroman, es spielt in russischen Lagern, in denen Rumäniendeutsche Strafarbeit fürs Deutschsein ableisten. Das Problem ist das der Kollektivstrafe, wohinter wiederum das Problem einer einseitig bipolaren Welteinteilung steht. Also Gut und Böse. Wo Böse, da alle böse, so die Denke, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an George W. Bush, der diesen Satz vor knapp zwanzig Jahren auf den kriegerischen Punkt gebracht hat. Wie lächerlich, dachten wir damals, und heute sind wir nicht mehr weit von dieser Bush’schen Wahrheit entfernt.

Denn ernsthaft, was habe ich mit der Ukraine zu schaffen? Nichts. Mit Russland? Schon etwas mehr, ich kenne Leute, die Beziehungen dorthin haben, familiärer Natur, Ursprünge. Mein Großvater war im Russland-Feldzug der Wehrmacht, aber da hört die »Identifikation mit dem Aggressor« schon wieder auf.

Aber auch im Verteidigungsfall ist das nicht mein Krieg, ich möchte am liebsten gar nichts damit zu tun haben. Wenn ich mir die Bilder so ansehe, zum Beispiel die Fernsehbilder, die ukrainische Soldaten zeigen, die ebensolche Schränke zu sein scheinen wie die Männer auf russischer Seite, viril und kampfeslustig, und mir gleichzeitig vor Augen halte, dass laut ukrainischem Oberbefehl alle Männer zwischen 18 und 60 im Land bleiben müssen, um »das Land zu verteidigen«, während sich »Frauen und Kinder zuerst« in Richtung Grenze aufmachen, dann weiß ich nicht, was an diesem Krieg anders sein soll als an anderen Kriegen. Nach der Emanzipation ruft in diesem Zusammenhang kaum eine, stattdessen sind hierzulande Waffenlieferungen und aufgestockte Militärbudgets plötzlich wieder okay, tut mir leid, ich bin da raus.

Auch der digitale Solidaritätsunsinn wieder, meistens weiß ich gar nicht, was ist an der Ukraine-Fahne jetzt blau, was gelb, was oben, was unten, ich vertue mich schon bei den Schlümpfen immer, haben die jetzt weiße Hosen und blaue Körper oder umgekehrt, und ist das bei Schlumpfine nicht sogar andersherum?

Was Musik betrifft, bin ich in Sachen Krieg weniger bei den Schlümpfen, als wieder bei George W. Bush, und ich muss mir »I Fought in a War« von Belle & Sebastian anhören, aus dem sehr schlimmen Jahr 2003, das wohl traurigste Antikriegslied aller Zeiten. »I fought in a war/ and I left my friends behind me/ To go looking for the enemy, and it wasn't very long / Before I found out that the sickness there ahead of me / Went beyond the bedsit infamy of the decade gone before ...«

Das ist alles so schaurig wie zu klopfende Teppiche. Von denen haben wir jedenfalls keine mehr.

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