Ein Bewegungslehrbuch

Das Klimaschützernetzwerk »Ende Gelände« erklärt in einem neuen Band seine Ziele und Arbeitsweise

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.
Markenzeichen weißer Schutzanzug: Ende-Gelände-Aktivist*innen, hier auf einer Demo gegen die Abholzung des Dannenröder Forsts.
Markenzeichen weißer Schutzanzug: Ende-Gelände-Aktivist*innen, hier auf einer Demo gegen die Abholzung des Dannenröder Forsts.

Der Anfang des »Ende Gelände« Buches »We shut shit down«, das am 21. März bei Nautilus erschienen ist, liest sich wie ein Abenteuerroman. Ein internationaler Aktivist, der sich JJ nennt, nimmt die Leser*innen mit zur ersten Aktion des Anti-Kohle-Bündnisses »Ende Gelände« im Sommer 2015. In seinem Beitrag erklärt er viel über die Klimagerechtigkeitsbewegung, über die Strukturen von Klimacamps und darüber, wie es war, vor sieben Jahren zum ersten Mal massenhaft in einen Braunkohletagebau einzudringen.

Plastisch schildert JJ die Konfrontation mit der Polizei: »Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Schlagstock auf meine Beine zusausen, er trifft mich hart, aber das Adrenalin unterdrückt den Schmerz.« So geht es actionreich weiter. Die Kohlebagger sind blockiert, nach der Festnahme folgt die Freilassung und darauf eine große Party.

Das macht Lust, weiterzulesen, den mutigen Kämpfern gegen die fossile Industrie zu folgen. Aber das Buch bricht bewusst mit dieser Erzählung. Die beiden folgenden Berichte stammen von einer Frau of Color und einer Rollstuhlfahrerin, die jeweils zum ersten Mal bei einer Protestaktion sind, zu der ziviler Ungehorsam gehört. Gerade im Bericht von Kalinia, der Rollstuhlfahrerin, gibt es auch Kritik. So sieht sie in der »Heroisierung be_hinderter Menschen« Ableismus, also die, wenn auch in diesem Fall positive tendenzielle Reduzierung der Aktivist*innen auf ihr Handycap. Zudem sieht sie die Benennung ihres »Aktionsfingers« während einer Demo als »bunter« statt als »Rolli-Finger«. Zur Erklärung: Ende Gelände nutzt bei Aktionen das sogenannte Fingerkonzept. Dies bedeutet, dass die Teilnehmenden in mehreren Demozügen, Finger genannt, losziehen und zu unterschiedlichen Blockadeorten gehen, um effektiver zu blockieren.

Noch kritischer wird es in einem späteren Kapitel, in dem eine antikoloniale Aktivistin »Ende Gelände« als »weiß dominiertes Bündnis« bezeichnet, das sich nicht »grundlegend mit der eigenen Reproduktion kolonialer Kontinuität« befasse. Einige ihrer Mitstreiter beschimpft die Autorin als selbstgerechte »Klima-Almans«. Der Beitrag ist allerdings nicht nur wütend, er führt auch grundsätzlich in antikoloniale Theorie und Praxis ein. Manchem, der sich gerade über blonde Dreadlocks in Hannover aufregt, hätte es bestimmt nicht geschadet, die paar Seiten des Buches zu lesen.

Denn auch das gehört zu den Stärken des Buches. Viele Kapitel stehen für sich selbst und lassen sich wie ein Nachschlagewerk benutzen. Wie geht man als Bündnis vernünftig mit Repression um? Das entsprechende Kapitel bietet Antworten. Oder, wenn man erklären will, was eigentlich der Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit ist. Auch die Wurzeln der Klimabewegung werden erläutert.

Hier zeigen sich allerdings auch die Schwächen des Buches. Alle Beiträge sind kurz gehalten, kratzen oft nur an der Oberfläche, dafür wird manches, etwa die Bedeutung des Klimagipfels 2009 in Kopenhagen, in mehreren Kapiteln erwähnt. Hier wäre es besser gewesen, manches in einem Beitrag ausführlich darzustellen, als es immer wieder nur anzureißen.

Was hingegen sehr gut gelingt, ist die Verknüpfung von konkreten Erfahrungen mit grundsätzlichen Überlegungen. Im Kapitel zum Thema Staat heißt es: »Im Herbst 2019 etwa brach eine Diskussion über unseren E-Mail-Verteiler los, als wir sehr kurzfristig in den Umweltausschuss des Bundestags eingeladen wurden. Und zack, da war sie plötzlich, die Staatsdebatte…« Im Folgenden werden grundlegende Positionen, die es im Bündnis zum Staat gibt, erklärt und historisch-politisch hergeleitet. Es geht auch darum, wie in Debatten mit unterschiedlichen Ansichten umgegangen wurde. Dabei werden Schwächen und Stärken der eigenen Positionen angesprochen. Erfreulich ist auch die Offenheit, mit der das Buch geschrieben wurde. Im Kapitel zur Organisierung und Entscheidungsfindung heiß es etwa: »Auch eine gute Party stärkt die Motivation.«

Wer wissen möchte, was die Menschen in den weißen Anzügen treiben oder sich mit linksradikaler Theorie und Geschichte befassen möchte, kann zu der Flugschrift greifen. Im Glossar kann jeder noch etwas lernen.

Ende Gelände: We Shut Shit Down. Edition Nautilus. 208 S., Broschur, 16 €.

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