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  • Kinofilm über Autismus

Eintrittskarte in eine andere Welt

Der Dokumentarfilm »Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann« gibt Einblicke in die Wahrnehmung autistischer Menschen

  • Von Christin Odoj
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Brite Joss ist fasziniert von Farben und Licht. Hier wandelt er durch eine Ausstellung.
Der Brite Joss ist fasziniert von Farben und Licht. Hier wandelt er durch eine Ausstellung.

Woher wissen wir, dass es regnet? Die Tropfen am Fenster laufen in gemächlichen Bahnen das Glas hinunter. Menschen mit extrascharfen Sinneswahrnehmungen würden vielleicht noch antworten: Man kann ihn riechen. Aber normalerweise fragt sich das niemand aus der neurotypischen Welt, in der gilt, was die meisten Menschen bezüglich Sprache und Sozialkompetenz für normal halten. Es regnet einfach. Für Naoki Higashida ist die Frage nach dem Regen unfassbar komplex. Er nimmt die Welt in tausendfacher Vergrößerung wahr. Um festzustellen, dass es regnet, braucht er mehrere Erkenntnisschritte. Er verknüpft frühere Erinnerungen an Regen miteinander.

Dabei spielen verschiedene Eindrücke eine Rolle: Gerüche, Lautstärke, Licht. Erst wenn er seine Erinnerungen mit dem Jetzt verbindet, kann er sicher sagen, dass es regnet.
Im Alter von fünf Jahren wird bei Higashida ein schwerer nonverbaler Autismus festgestellt. Trotzdem lernt er, sich mithilfe eines Buchstabenbrettes auszudrücken. Im Alter von 13 Jahren schreibt er den Bestseller »Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann«, der in Japan 2005 erschien und mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt ist. Das Buch ist ein Meilenstein auf dem Weg zum Verständnis, wie nonverbale Autisten die Welt wahrnehmen. Es ermöglichte Millionen Eltern, ihre eigenen Kinder zu verstehen und einen Zugang zu ihnen zu finden.

Der britische Dokumentarfilmer Jerry Rothwell hat das Buch für den gleichnamigen Film adaptiert. Dafür porträtierte er weltweit verschiedene Kinder mit einer ähnlichen Diagnose wie Higashida. Alle sind Autisten, alle können sich nicht oder nur schwer mit Wörtern verständlich machen. Aber in ihrem Inneren stecken allzu menschliche Emotionen, Erfahrungen und Gefühle, die sie mitteilen wollen, aber oft nicht wissen wie.

Rothwells Film ist dabei – wie schon das Buch – wie eine offene Tür zu einem neuen Blick auf die Welt. Jahrzehnte galt nonverbaler Autismus als schwere Verhaltensstörung. Autisten erschienen als »zurückgeblieben«, als »bedauernswerte Geschöpfe« oder als vom Teufel besessene Wahnsinnige, und genau so ging man dann auch mit ihnen um. Eigentlich sprach man Autisten ab, überhaupt eine Form von Auffassungsgabe zu besitzen. All das ist längst widerlegt, zumal das Autismusspektrum breit ist.

Rothwells Filmadaption gelingt es, den Kern des Buches in Bilder zu verwandeln. Autismus ist eine besondere Art der Weltwahrnehmung. Alles passiert gleichzeitig; alle Sinne, wenn sie wie eine Kameralinse wären, sind permanent voll geöffnet. Nicht nur Licht, auch Geräusche, Gerüche, Bewegungen prasseln ungefiltert auf das Gehirn ein. Higashida schreibt dazu im Buch: »Mein Gehirn schwingt permanent von einer Richtung in die andere. Ich fühle mich niemals entspannt.« Der Film schafft es, diese permanente Unruhe mit der Vergrößerung einzelner Objekte einzufangen. So sind Verkehrslärm, Lichtwechsel und das Knistern von Papier gleichwertig in einer Einstellung gebannt. Dieser gestalterische Gedanke ist bei der Visualisierung von Autismus naheliegend wie eindrucksvoll.

Rothwell, der in seiner Dokumentation »Heavy Load« (2008) junge Autisten bei der Gründung einer Punkband begleitete, erzählt in »Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann« die Geschichte von Amrit, Joss, Ben, Emma und Jestina. Fünf junge Menschen, von denen zwar jeder die Diagnose nonverbaler Autismus erhalten hat, die aber – so ist der Mensch – sehr verschieden sind.

Amrit aus Indien beobachtet ihre Umgebung sehr genau und macht aus dem, was sie sieht, beeindruckende kubistische Kunst, die jedes Detail in Bilder übersetzt. Den Briten Joss begleitet die Kamera und zeigt seine Spezialleidenschaft für Verteilerkästen. Joss liebt das sonore Summen, lehnt sich gegen die Kästen und lauscht – er sagt, er erkenne Musik darin.

Was Joss mit anderen gemein hat, ist das ungefilterte Ausleben von Emotionen. Im Film schreit und brüllt er ab und an. Ein Grund, warum man ihn nicht auf einer herkömmlichen Schule akzeptierte. In Joss› Wahrnehmung spielt es keine Rolle, erklärt aus dem Off ein Ausschnitt aus Higashidas Buch, ob etwas vor 12 Jahren oder vor 30 Minuten passiert ist. Erinnerungen überkommen den Jungen, dann äußern sich die damit verbundenen Emotionen sofort, ungefiltert und ohne kognitive Kontrollinstanz. Das ist auch der Grund, warum viele Autisten ständig etwas bei sich haben, das einen immer wiederkehrenden motorischen Rhythmus hat, etwa einen Fidget Spinner, Geschenkband oder ein Kinderspielzeug, das sie in den Händen drehen können. Es gibt Sicherheit und Routine in stressigen Situationen.

Rothwell ist mit der Dokumentation eine beeindruckende Übersetzungsleistung gelungen, die die Buchvorlage nicht übertrifft, die aber zeigt, wie wenig Mühe sich die neurotypische Gesellschaft gibt, Autismus zu verstehen – und damit eine viel größere Unfähigkeit zur Anpassung offenbart, als man sie Autisten unterstellt. Denn alle Kinder im Film haben Ausgrenzungserfahrungen gemacht, wurden für geistig unzurechnungsfähig gehalten, weil sie nicht aussehen, nicht denken und nicht sprechen wie die meisten. Und sie haben nur sehr wenig mit dem streichholzzählenden Dustin Hoffman in »Rain Man« gemein.

»Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann«. Regie: Jerry Rothwell. USA 2020, 82 Min. Start: 31.3.

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