Ohne Warnschild

Der Autor Hartmut Lange wird 85

  • Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Meister des Wortes: Hartmut Lange
Ein Meister des Wortes: Hartmut Lange

Man kann nicht jeden Dichter lesen. Aber irgendwann weiß man, welcher Dichter der richtige ist. Hartmut Lange zu lesen, bedeutet das Betreten einer bodenlosen Weltstelle. Dieses Begebnis verläuft zunächst ohne merkliche Erschütterungen; nirgends Warnschilder, die das Gespenstische vorfühlen lassen. Aber plötzlich schließt diese Weltstelle einen festen Ring um dich. Fremde Welt, fremde Menschen? Nein, das ist das eigene Ich, das da aufgespalten sein Unwesen treibt und von dem du selbst so wenig wissen willst.

Er ist Deutschlands bedeutendster Novellist. Die Geschichten des 1937 in Berlin Geborenen sind Meistererzählungen über die Zauberkraft unmerklich heraufziehender Schatten. Aus Spalt weit geöffneten Türen, auf mystischen Gartenwegen hin zu einem See, in neu bezogenen Villen, in Wattlandschaften oder aus Museumsnischen heraus dräut Rilkes Diktum »Du musst dein Leben ändern«. Wenn man nur wüsste, wie. Begonnen hat er als Autor von Stücken. Jugendwucht ist die Welteintrittsart von Dramatikern. Lange schrieb kantige, kunstkluge Schauspiele, als träfen sich Heiner Müllers düstere Lohndrücker mit Shakespeares lustigen Mördern, Marlowes kalte Rüpler mit Schillers heißen Räubern. Er war Dramaturg am Deutschen Theater Berlin, Freund von Peter Hacks. Aber jene »stalinistische Bildungsrevolution«, die ihn gefördert hatte, verweigerte ehrliche Blicke. Das linke Syndrom: »Man schwelgt in dem Vergnügen, alles begriffen zu haben. Es ist eine Position der ewigen Überlegenheit, der etwas Herzloses anhaftet.«

Mit »Marski« (1962), der Komödie um den Großbauern im Kollektivierungswirbel, bewies er, ein großer, also verbietbarer Bühnenautor zu sein. In »Hundsprozess« rechnete er so deutlich mit Dogmatik und Pression ab, dass ihn Angst überkam, jemand könne das Manuskript entdecken. Er schrieb sich glänzend poetisch ins öffentliche Schweigen. Und verließ in den 60er Jahren die DDR, weil sie für ihn nicht marxistisch genug war. Er floh nicht, er rettete seinen Glauben. Bis zu einem Ereignis, das den Umschlagpunkt seines novellistischen Hauptwerks vorwegnahm: »Mein Stück ›Trotzki in Coyocan‹ wurde im Westen als Fernsehinszenierung vorbereitet, und man wollte eine Diskussion über den politischen Hintergrund senden. Ernest Mandel, der Leiter der Vierten Trotzkistischen Internationale, Eugen Kogon und ich saßen vor der Kamera, plötzlich überkam mich ein Gefühl von Gleichgültigkeit. Ich spürte mit Erstaunen, dass mich der Sachverhalt, über den wir diskutieren sollten, nicht mehr interessierte.«

Das Licht, das von irgendwoher einfällt, zeigt die Welt anders als bislang. Solche Momente gehören zu den schönsten wie schrecklichsten eines Lebens. So beginnen Heimatlosigkeit und Ankunft. Ein Anhänger der Vernunftlehre, wie er nur unter marxistischen Himmeln gedeihen kann, stieß also eines Tages auf sein »Pascalsches Erschrecken«, auf die Blöße seiner Existenz, die sich durch kein Faseln mehr überdecken lässt. Ein Geschichtenfinder des Unglaublichen war geboren. Erzählend vom Drama der Freiheit: Sie macht uns unvorhersehbar - für uns selbst und für andere. Die Welt kann neu und anders werden. Ein Mann findet daheim einen Entwurf für die eigene Todesanzeige. Eine Frau fährt in die Berge und kehrt nicht zurück. Einer erhält einen Brief: »Du wirst jetzt 60, und es kann dir nicht gleichgültig sein, dass deine Frau erst 41 ist.« Geschichten, die gutbürgerlich ausgepolstert beginnen, führen unmerklich in eine dunkle Atmosphäre. In diesen Novellen (»Die Waldsteinsonate«, »Die Wattwanderung«, »Das Streichquartett«, »Der Abgrund des Endlichen«) ist alles Wirkliche nur Projektionsfläche für Unwirklichkeiten. Dieser Prosa merke ich die Not an, aus der heraus sie entstand. Das ist variierter Hölderlin: Der schreibende, spielende Mensch ist der arme Mensch, denn er schreibt und spielt, weil er es nötig hat.

Das Meisterliche siedelt nicht an landläufigen Aufmerksamkeitsstrecken. Langes Werk gehört zur seltenen Instanz von Literatur, die für Momente vom Tode freispricht. Unsere Mittelmäßigkeit muss träumen, um sich selbst zu ertragen, sie darf erwarten, dass sie Träume erfüllt. Wo wir auf »Erkenntnisseligkeit« setzen und Dinge nur auf Begriffe bringen, so Lange, »füttern wir nur unsere Arroganz«. Glück ist möglich: indem man keine Angst vor jener Angst hat, die uns im freien Fall überkommt. Heute wird Hartmut Lange 85.

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