Kurz vor knapp

Laut Weltklimarat müssen die globalen Treibhausgasemissionen in spätestens drei Jahren ihr Maximum erreicht haben

  • Von Christoph Müller
  • Lesedauer: 5 Min.
Durch den Klimawandel wird in Mitteleuropa Frühjahrstrockenheit zum Trend. Die Waldbrandsaison beginnt dadurch früher. Mitte März brannte es nahe Schloss Neuschwanstein.
Durch den Klimawandel wird in Mitteleuropa Frühjahrstrockenheit zum Trend. Die Waldbrandsaison beginnt dadurch früher. Mitte März brannte es nahe Schloss Neuschwanstein.

So lange haben bei einem Bericht des Weltklimarates IPCC die Verhandlungen über die »Zusammenfassung für Entscheidungsträger« noch nie gedauert. Erst Sonntagnacht waren sich die Vertreter der 195 IPCC-Mitgliedstaaten schließlich einig; die Vorstellung wurde bis auf den späten Montagnachmittag verschoben. Welche Länder und Themen für die über zweitägige Verspätung verantwortlich waren, war allerdings erst mal noch nicht zu erfahren.

Das am Montag erschienene Kapitel des Berichts beschreibt, was die Menschheit tun muss, um den Klimawandel zu stoppen. Kurz: Es geht um die Minderung der Emissionen, was wohl für die kontroversen Verhandlungen mitverantwortlich ist. Der Bericht ist der dritte Teil des mittlerweile sechsten Sachstandberichts des »Intergovernmental Panel on Climate Change« (IPCC), und stellt die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit Erscheinen des fünften Berichts im Jahr 2014 dar. Der Weltklimarat geht diesmal stärker auf die Rolle von nichtstaatlichen Akteuren wie Unternehmen und Finanzinstituten ein. Zum ersten Mal gibt es Passagen zur Nachfrage nach Energie und energieintensiven Gütern. Auch die sozialen Aspekte des Umbaus unserer Gesellschaften werden viel detaillierter beleuchtet als bislang. »Die Wissenschaft zeichnet die Landkarte mit allen Gefahrenstellen und Wegen, damit die Politik faktenbasiert entscheiden kann«, sagte der Ko-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer.

Ausgangspunkt dabei sind die Entwicklung der Treibhausgasemissionen, die trotz aller politischer Bekenntnisse noch immer steigen, sowie die bestehenden Klimaschutzmaßnahmen. Diese reichen, so die wissenschaftlichen Erkenntnisse, bei Weitem nicht, um die Erwärmung bei zwei geschweige denn bei 1,5 Grad zu stoppen. Dazu müssten die globalen Emissionen in den nächsten drei Jahren ihren Höhepunkt erreichen, bis zum Jahr 2030 etwa halbiert werden und im Jahr 2050 auf netto-null sinken, wird im Bericht vorgerechnet. Er macht allerdings deutlich, dass das immer noch möglich ist - und zwar bei tragbaren Kosten. Alle durchgerechneten Szenarien gehen davon aus, dass die Wirtschaft weiter wächst. »Wenn wir die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Erwärmung auf zwei Grad oder weniger zu begrenzen, würde das globale Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2050 nur um wenige Prozentpunkte niedriger ausfallen«, sagte Priyadarshi Shukla, einer der Ko-Vorsitzenden der Arbeitsgruppe, die den Bericht erstellt hat. Und das »ohne Berücksichtigung der wirtschaftlichen Vorteile, die sich aus geringeren Anpassungskosten oder vermiedenen Klimaauswirkungen ergeben«.

Einzelne, isolierte Maßnahmen reichen laut IPCC allerdings nicht, um die Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen. Nur mit einem ganzheitlichen Ansatz, der auch die institutionellen und ökonomischen Rahmenbedingungen mitberücksichtigt, könne der Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft gelingen. Wichtig sind hier auch die Finanzmärkte, denn noch sind die Finanzflüsse für den Umbau um einen Faktor drei bis sechs niedriger, als es bis 2030 nötig wäre. »Es geht darum, die riesigen Finanzflüsse dieser Welt zu nutzen, dass sie helfen, unsere Zukunft zu sichern, statt sie zu gefährden«, sagte Kerstin Lopatta, Ökonomin an der Universität Hamburg. Dazu müssten Unternehmen standardisiert über ihre Emissionen berichten sowie über die Klimarisiken, denen sie ausgesetzt sind. Derzeit arbeiten diverse Gremien an Standards für solche Berichte.

Aber selbst mit einer viel effektiveren Klimaschutzpolitik wird die Menschheit der Atmosphäre auch CO2 entziehen müssen, heißt es vom IPCC. Dies liege einerseits in der Natur der »Netto-Null-Ziele«, bei denen es noch Restemissionen gibt, die aber anderweitig ausgeglichen werden. Außerdem könnte die Erderwärmung die 1,5-Grad-Grenze zeitweise überschreiten. Zur CO2-Entnahme stehen laut Weltklimarat verschiedene Optionen zur Verfügung, die allerdings alle eine begrenzte Kapazität haben und teilweise umstritten sind. Am wenigsten kontrovers sind die Aufforstung geeigneter Flächen und die Wiedervernässung von Mooren. Richtig gemacht, lassen sich damit auch Vorteile für die Artenvielfalt erzielen. Schwieriger ist schon BECCS. Hier wird Biomasse wie Holz zur Energieerzeugung verbrannt, anschließend wird das CO2 abgeschieden und unterirdisch verpresst (CCS). Falls BECCS im großen Stil zum Einsatz kommen sollte, wären riesige Biomasseplantagen erforderlich, die dann nicht für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung stünden. Auch eine sichere Lagerung des Klimagases Kohlendioxid ist nicht in Sicht. Als weitere Möglichkeit wird genannt, CO2 aus der Luft zu filtern und anschließend wieder per CCS zu entsorgen. Der Platzbedarf hierfür ist relativ gering, dafür wären riesige Mengen an Ökostrom erforderlich.

Eindeutiger sind hingegen die Botschaften des IPCC an die Staaten: Wie dringend die Halbierung der Emissionen bis zum Jahr 2030 und die Absenkung auf netto-null bis 2050 sind, zeigte bereits der zweite Teil des IPCC-Sachstandberichts, der im Februar veröffentlicht wurde: Die aktuelle globale Erwärmung von 1,1 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit hat schwerwiegendere Folgen als zuvor erwartet. Und: »Die mittel- und langfristigen Auswirkungen sind bis zu einem Vielfachen höher als die derzeit beobachteten.« Es bleibt daher zu hoffen, dass die »Entscheidungsträger« dieser Welt den dritten Teil des IPCC-Berichts tatsächlich als »Landkarte« benutzen und die Menschheit aus der Klimakrise führen.

Der IPCC führt selbst keine Studien durch. Als zwischenstaatliche Institution hat er die Aufgabe, für die Regierungen den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel zusammenzufassen mit dem Ziel, Grundlagen für wissenschaftsbasierte Entscheidungen zu bieten. Das Verfahren ist zweistufig: Erst verfassen die Wissenschaftler einen mehr als 1000-seitigen Bericht, dann handeln Diplomaten die diesmal gut 60-seitige Zusammenfassung aus. Auch wenn dies manchmal mühselig ist, hat dies laut Ottmar Edenhofer zwei Vorteile: Alle 195 IPCC-Länder müssen so den Bericht im Detail durchgehen und erkennen dessen Inhalt durch die Verabschiedung offiziell an.

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