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Queer- und nicht Hetero-Beauftragter

In der »Emma« wird Sven Lehmann aufgefordert, sich auch um die Belange heterosexueller Jugendlicher zu kümmern. Sibel Schick erkennt darin transfeindliche Propaganda

  • Von Sibel Schick
  • Lesedauer: 4 Min.
Sven Lehmann kümmert sich als Queer-Beauftragter der Bundesregierung um die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt
Sven Lehmann kümmert sich als Queer-Beauftragter der Bundesregierung um die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt

Das Magazin »Emma« forderte den Queer-Beauftragten der Bundesregierung, Sven Lehmann, in einem Artikel dazu auf, sich für heterosexuelle Jugendliche einzusetzen. In der Form eines offenen Briefes, der sich vielmehr wie Werbung für das neue Buch von »Emma«-Gründerin Alice Schwarzer lesen lässt, wendet sich die Autorin Stefanie Moers an den Grünen-Politiker und schreibt, dass Jugendliche »extrem verwirrt« seien, was ihre »sexuelle Neigung« angeht. Bei der Gemengelage von pan-, bi- und homosexuell »fragt sich das durchschnittlich heterosexuelle Kind inzwischen, ob mit ihm alles in Ordnung ist, ob es 'anders' ist«, so Moers. Zu keiner einzigen Behauptung präsentiert die Autorin Fakten. Lediglich ihre subjektive Meinung scheint der Anlass zu sein, von einem Minderheitenbeauftragten zu fordern: »Bitte vergessen Sie die Mehrheit nicht.« Lehmann solle sich auch für die »psychische und körperliche Gesundheit der durchschnittlichen Mehrheit« einsetzen, so die Forderung.

Der Text ist eine kompakte Version der transfeindlichen Propaganda, die das Magazin »Emma« seit geraumer Zeit betreibt. So behauptet Moers, dass »Anderssein« heute mehr »Klicks bringe«. Hetero Jugendliche würden dem Druck nachgeben und sich als queer outen, ohne queer zu sein. Eine Behauptung, die besonders prekär und absurd ist. Denn wissenschaftliche Studien belegen, dass vor allem Marginalisierte wie trans und nicht-binäre Personen oder von Rassismus betroffene Menschen durch Angriffe, Verfolgung und Gewalt im Netz systematisch dazu gebracht werden, sich nicht politisch zu äußern oder ihre Accounts zu löschen. Zudem werden trans Personen und nicht-weiße Menschen überdurchschnittlich häufig von Armut, Arbeits- und Obdachlosigkeit betroffen und körperlicher und institutioneller Gewalt ausgesetzt. Ihr Anderssein gilt nicht als »cool«, sondern ist meist schmerzhaft und lebensbedrohlich.

Rechte Narrative und Verzerrungen ziehen sich durch den Text wie ein roter Faden. So spricht die Autorin von »unseren Teenagern« - gemeint sind natürlich nur heterosexuelle Teenager, die von vermeintlich gefährlichen Anderen verwirrt würden. Die rechte Analogie dazu sind die böswilligen Eindringlinge, die sich gegen einen vermeintlich homogenen Volkskörper wenden – sie gegen uns. Moers liefert auch persönliche Erfahrungen, etwa wenn sie von ihrer 18-jährigen Tochter - also keinem Kind, sondern einer jungen erwachsenen Frau - erzählt, die in der Schule pansexuelle Menschen kenne. Dies soll skurril sein, so die Autorin, denn sie musste den Begriff erst googlen. Vermutlich ebenso Kalkül ist die konsequente Verwendung des falschen Begriffs »transsexuell«. Er verkennt, dass es bei Transgeschlechtlichkeit nicht um Sexualität, sondern um Identität geht. Aber: wenn etwas mit Sexualität zu tun hat, wirkt das im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen besonders alarmierend.

Die Gastautorin zeichnet ein bedrohliches Bild. Es gehe um »tiefgreifende Entscheidungen«, die ohne die Eltern nicht getroffen werden sollten – um Pläne, die tief in die persönliche und psychische Entwicklung des Kindes eingreifen. Um welche Pläne und Entscheidungen es konkret geht, verrät sie aber nicht. Die Gefahr bleibt diffus, aber die Lösung scheint einfach: Sven Lehmann soll etwas machen! Was er machen soll, bleibt ebenso unklar. Die einzige Funktion dieses Briefs scheint, äußerst marginalisierte Menschen als reiche, gelangweilte, verwöhnte und noch dazu mächtige Freaks darzustellen, die für mehr Aufmerksamkeit einem skurrilen Trend folgen und dabei den guten deutschen hetero Kindern Schaden zufügen. Dabei ist Trans-Sein »ganz sicher weder ein Hype noch eine Modeerscheinung«, wie Sven Lehmann gegenüber der Presseagentur dpa erklärte. Gegenüber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« zeigte sich der Queer-Beauftragte gar enttäuscht über die jüngsten Positionen von »Emma«-Herausgeberin Alice Schwarzer: Sie sei »von alten feministischen Überzeugungen abgerückt« und »dazu übergegangen zu sortieren, wer dazugehören darf und wer nicht. Damit benutzt sie letztlich Mechanismen des Patriarchats«, so Lehmann.

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Tatsächlich dient die Umkehr der wahren gesellschaftlichen Verhältnisse dazu, benachteiligte Gruppen noch weiter zu marginalisieren und die Gewalt gegen sie zu legitimieren. Das kann man täglich bei rechtsextremen Medien und auf Incel-Foren für Männer, die unfreiwillig im Zölibat leben und Frauen dafür die Schuld geben, beobachten: »All lives matter«, »weiße werden ausgetauscht«, »Wo bleibt der Hetero-Pride« und »Männerrechte gegen das Matriarchat« ist dort zu lesen. Das selbsternannte feministische Magazin »Emma« bedient sich hier also einer Argumentation, die unter anderem gegen Feminismus verwendet wird. Und bedauerlicherweise nicht, um das Patriarchat zu besiegen, sondern zu bestärken und auf eine weitaus schlechter gestellte Gruppe zu treten. Das mag nicht überraschend kommen, enttäuschend ist es trotzdem.

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