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  • »Wallenstein« am Staatsschauspiel Dresden

Der Krieg ernährt den Krieg

Die Eigendynamik der Schlacht: Frank Castorf hat am Staatsschauspiel Dresden Friedrich Schillers »Wallenstein«-Trilogie auf die Bühne gebracht

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 7 Min.
Frank Castorfs Dresdener Debüt: »Wallenstein« von Friedrich Schiller mit jeder Menge Text von Curzio Malaparte
Frank Castorfs Dresdener Debüt: »Wallenstein« von Friedrich Schiller mit jeder Menge Text von Curzio Malaparte

Curzio Malaparte, zu jener Zeit als Kriegsberichterstatter für die italienische Tageszeitung »Corriere della Sera« tätig, dinierte mit Hans Frank, dem »Schlächter von Polen«, und dessen Frau Brigitte auf der Krakauer Burg Wawel. Dem Gelage mit monarchistischem Antlitz, das der »Deutsche König von Polen« ihm vorsetzte, folgte ein Besuch des Warschauer Ghettos. Zwischen Anziehung und Abstoßung berichtet der Journalist vom Zweiten Weltkrieg und führt in seiner 1944 erschienenen Reportage »Kaputt« Gewalttaten in schockierenden Bildern aus. Der faschistische Kritiker des Nationalsozialismus genoss die Präsenz der Führungskräfte in Lappland, Polen, Kroatien und Leningrad. In seinem Erlebnisbericht beschreibt er, wie er die Kriegsverbrecher im Gespräch mit sarkastischen Bemerkungen bedachte, um sie in seinen Publikationen der Lächerlichkeit preiszugeben.

»Nackte deutsche Männer wirken eigenartig wehrlos«, stellt er mit Blick auf die rosigen Bäuche saunierender Soldaten in Lappland fest. »Ihre eigentliche Haut ist die Uniform. Wenn die Völker Europas wüssten, welch schlaffe, wehrlose und tote Nacktheit sich unter dem Feldgrau der deutschen Uniform verbirgt, würde das deutsche Heer auch dem schwächsten und schlechtestbewaffneten Volk keine Angst mehr einflößen.« Die Männerschar steht kurz vorm Finale ihres Schwitzrituals. Sie heben ihre Arme zur Selbstgeißelung, in der Hand die Birkenrute, dann zum Hitlergruß, ihrem Vorgesetzten gegenüber. Doch auch die strenge Geste bringt ihre weichen, verletzlichen Körper nicht in Form. »Das Gesicht dieser Männer, ernst und hart, eben ein deutsches Gesicht, bildete einen seltsamen Gegensatz zu diesen weißen und schlaffen nackten Gliedern, es wirkte beinahe wie eine Maske.«

Nicht mehr rosig, sondern blutüberströmt mit klaffenden Wunden treten die Soldaten des Dreißigjährigen Krieges an die Bühnenkante. Ihre Leiber sind schon verletzt, stellenweise tritt das Innere nach außen und durchbricht den Schutzwall der Haut. Die menschgewordenen Fleischbrocken tragen starre Masken, durch die jedes Wort vom Prolog des »Wallenstein« gepresst werden muss. Die wächsernen Gesichter, der rohe Leib und die getragenen Verse schlagen die Kluft zwischen der entindividualisierenden Gewalt der Kriegsökonomie und der Berufung des Einzelnen auf Ehre, Gerechtigkeit und das Vaterland. Über sieben Stunden entfaltet sich die Eigendynamik der Schlacht: Von »Wallensteins Lager« über »Die Piccolomini« bis zu »Wallensteins Tod« inszeniert Frank Castorf, der erstmals am Staatsschauspiel Dresden arbeitet, den ausladenden Text von Friedrich Schiller. Durchbrochen vom Weltkriegspanorama Malapartes, ergibt sich das Bild eines sich selbst verzehrenden Europas, in dem Autoritarismus und Maskulinismus um sich schlagen.

Die halbtoten Soldaten laufen nach dem maskengedämpften Prolog um den Heereshügel, der die Bühne bestimmt. Bühnenbildner Aleksandar Denić gestaltete den drehbaren Aufbau, dessen Vorderseite ein Vorhang mit doppelköpfigem Adler verschließt. Aus seiner Spitze ragen die drohenden Fahnen der Kriegsparteien. Über eine Videoprojektion wird sichtbar, wie die Männer, verborgen hinter der Kuppel, von leeren Tabletts speisen - und sich ineinander verbeißen.

Wie die Reproduktion des Heeres zu gewährleisten sei, stellt sich als zentrale Frage der Kriegsführung. So beklagen sich Bauer und Bauernknabe, gespielt von Henriette Hölzel und Kriemhild Hamann, über die Verwüstung, die die Armee über sie bringt. Wallenstein versammelte ein so großes Heer unter sich, dass es das Umland mit seiner Macht erpressen konnte, möglichst ohne die Lebensgrundlage zu zerstören.

»Wenn Sie den Krieg gewinnen wollen«, riet auch Malaparte dem Generalgouverneur Polens, »können Sie nicht die Heimat des Arbeiters zerstören. Sie können nicht die Maschinen, die Werkstätten, die Industrien zerstören. […] Auch in allen anderen von Ihnen besetzten Ländern Europas dürfen Sie das Vaterland des Adels und des Bürgertums zerstören, aber nicht das Vaterland der Arbeiter.« Der Nationalsozialismus müsse die polnische Arbeiterbewegung für sich gewinnen, um sich wirtschaftlich abzusichern, meinte der italienische Faschist, und dürfe ihr nicht weiter Schaden zufügen.

Während die Soldaten über das Verhältnis von Treue und Sold debattieren, gebiert Henriette Hölzel, nun in der Rolle der Marketenderin, ein Kind. Mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppt sie sich über die Bühne bis in einen blau tapezierten Raum, der sich dem Blick des Publikums entzieht. Über eine Projektion wird es Zeuge der Geburt eines Menschen, die sich als Todeskampf über eine halbe Stunde erstreckt. Hölzel, umringt nur von Frauen, verausgabt sich körperlich, während sie schreit und presst. Ihre Geburtshelferinnen wehrt sie ab, als müsste sie ihr Baby vor den anderen schützen. Aufgerissene, nicht blinzelnde Augen starren dabei intensiv in die Kamera. Ihren schmerzgespannten Blick bricht der säuselnde Frauenchor, der die Szene unterstützt.

Dann erblickt die blutverschmierte Babypuppe endlich das Licht der Welt und bekommt seinen Schicksalsspruch als Kind des Lagers. Aus dem kleinen Soldaten kann alles werden, solange der Krieg dauert. Und die Schauspielerinnen singen ihm Lieder von seiner Zukunft: »Wohlauf Kameraden, auf’s Pferd, auf’s Pferd, / in das Feld, in die Freiheit gezogen; / im Felde, da ist der Mann noch was wert, / da wird das Herz noch gewogen.«

Nun tritt endlich der Mann auf, der die Heere vereinte, dem Kaiser gleichauf schien und des Sieges gewiss. Wallenstein, dargestellt von Götz Schubert, trifft auf seine soeben aus Wien zurückgekehrte Frau. In einer Kuppel, geschmückt mit Sonne und Sternen, die dem mit der Aufklärung verbundenen Holzstich »Wanderer am Weltenrand« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert nachempfunden ist, zählt die Herzogin Zauberzahlen und Sternzeichen auf. Wie im bekannten Motiv versucht die von Nadja Stübinger gespielte Herzogin das Himmelszelt mit dem Kopf zu durchstoßen, um Einblick ins Ewige zu erhalten. Trotz der günstigen Zukunftszeichen sinkt Wallensteins Stern am Hofe, berichtet seine Frau.

Ihr Austausch ähnelt einer Vergewaltigung. Männliche und weibliche Rollen können sich in dieser Inszenierung nicht begegnen, ohne eine hypersexualisierte Spannung aufzubauen, die meist in Gewalt durch den männlichen Part kippt. Die Offiziere und Soldaten sind fraglos patriarchale Macker, die alles Weibliche aus sich ausschließen und negieren müssen, doch diese Dynamik ist zu einseitig, um als Kritik am Maskulinismus zu wirken. Eine Frau darf in dieser Produktion nur als Objekt des Begehrens erscheinen.

»Boys will be boys« ist die aufgeführte Grundhaltung, deren zerstörerische Kraft nur oberflächlich kritisiert wird. Ein komisches Symbolbild für diesen vergiftenden Satz zeichnet eine Szene, in der sich Heerführer wie Kinder mit Miniaturpanzern jagen. Nach dem Auftreten von Octavio Piccolomini, der im Verlauf gegen den in Ungnade fallenden Wallenstein intrigieren wird, kommt es zur wilden Karambolage, in der sich der Krieg fortsetzt.

Überraschend linear spielt das starke Ensemble Schillers Stoff in den Stunden nach der Pause. Null Uhr rückt näher, und die Texthänger mehren sich. Die Schauspieler*innen wirken erschöpft, auch im Publikum ruhen einige Köpfe auf den Schultern der Nachbar*innen. Vor dem ersehnten Tod Wallensteins bewegt sich die Inszenierung zurück zu Malaparte und zeigt die eingefrorenen Pferde im russischen Ladogasee. Der so eröffnete historische Kontext lässt sich bis in die Gegenwart verlängern und macht Kommentare zum Zeitgeschehen überflüssig. Nur einmal wird der Name Putin in einer Reihe mit Hitler und Mussolini genannt. Dieser Verweis fällt im Rahmen der Inszenierung durch seine Plumpheit auf, ist aber nichts im Vergleich zum pathetischen Ende.

Mit dem Ableben Wallensteins fällt der Vorhang leider noch nicht. Eine Versammlung der mexikanisch-indigenen Zapatista-Bewegung, ausgestattet mit Federn und Kopfschmuck, ruft zum friedlichen Widerstand auf. »Mein Name ist Mensch.« Mit dem Versuch eine eindeutige Botschaft zu setzen, rutscht der Abend kurz vor ein Uhr in banalen Kitsch ab. Statt die Widersprüche der falschen Frontstellung zwischen freiheitlichen Werten und erstarkendem Autoritarismus auszuhalten, bietet dieser Endpunkt einen moralistischen Ausweg, der dem Reflexionsniveau der vergangenen Stunden nicht gerecht wird.

Nächste Vorstellungen: 23.4., 14. und 26.5.

www.staatsschauspiel-dresden.de

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