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Eine Frage des Überlebens

Oleksii Pshenychnikov vom Kiewer Symphonie-Orchester über eine kulturelle Mission und eine Konzerttour durch Deutschland

  • Von Olaf Neumann
  • Lesedauer: 9 Min.

Sie demonstrieren, spielen und schreiben Lieder gegen den Krieg: Ukrainische Künstler widersetzen sich der russischen Invasion auf ihre Weise. Der Geiger Oleksii Pshenychnikov, 22 Jahre alt, wird jetzt zum Beispiel mit dem Kyiv Symphony Orchestra durch Deutschland touren und ein Zeichen gegen den Krieg setzen. Geleitet wird das Ensemble seit 2018 von Luigi Gaggero, von Haus aus Schlagzeuger und der einzige Professor für Zimbel (mittelalterliches Klanginstrument) in Westeuropa. In einem vielseitigen Programm mischt der italienische Chefdirigent die bedeutenden Kompositionen der ukrainischen Klassik mit den großen Werken des zentraleuropäischen Repertoires.

Oleksii Pshenychnikov, in Kiew geboren und Absolvent der dortigen Musikhochschule, ist Mitglied des Kiewer Symphonie-Orchesters, obwohl er noch im letzten Semester an der Nationalen Musikakademie der Ukraine studiert. 2019 hat er mit dem ukrainischen Jugendsymphonieorchester in Graz gastiert. Ab Montag, dem 25. April, ist er auf Tour durch Deutschland. Das Orchester startet seine Konzertreise im Dresdner Kulturpalast, wird am 26. April im Gewandhaus von Leipzig, Partnerstadt von Kiew, sowie am 27. April in der Berliner Philharmonie spielen, in den folgenden Tagen in Wiesbaden, Freiburg, Hannover und am 1. Mai in der Hamburger Elbphilharmonie.

Herr Pshenychnikov, wo erwische ich Sie gerade über Zoom?

Ich bin in Kiew an einem sicheren Ort. In den letzten Tagen war es hier ruhig.

Im Moment finden keinen Bombardierungen durch die russische Armee statt?

Zwei- oder dreimal am Tag gibt es Luftalarm. Aber ich habe seit vier Tagen keine Bomben mehr gehört.

Wie haben Sie sich auf die Konzertreise durch Deutschland vorbereitet?

Wir haben zusammen in Polen geprobt, aber auch jeder für sich zu Hause.

Der russische Präsident Wladimir Putin behauptet, dass die Ukrainer und die Russen »ein Volk« mit einer Kultur seien. Wie sehen Sie das?

Meine strikte Antwort lautet Nein. In der gesamten Geschichte der Ukraine hat es von unterschiedlichen Mächten eine sehr starke imperialistische Manipulation gegeben. Es gab Beschränkungen für die ukrainische Sprache und Kultur und Verbote für Musiker, Dichter und Wissenschaftler. Alle, die ein normales Leben in materieller Hinsicht führen wollten, mussten nach Moskau oder St. Petersburg gehen. So war es im russischen Zarenreich und in der UdSSR.

Putin behauptet, dass eine selbstständige Ukraine kein Existenzrecht habe. Was macht für Sie als Künstler aus Kiew die Eigenständigkeit der Ukraine aus?

Natürlich gibt es eine eigenständige ukrainische Sprache und Kultur. Selbiges gilt für die Künste und Wissenschaften. Wenn sie sich Dörfer in der Ukraine anschauen und diese mit Ortschaften in Polen, Russland und Belarus vergleichen, werden sie Unterschiede feststellen - trotz 100 Jahren Imperialismus. Wir haben eigene Gedanken, eine eigene Art, unsere Heime einzurichten, uns anzuziehen, uns zu unterhalten. Die Selbstständigkeit der Ukraine ist kein Hirngespinst.

Putin bezeichnet die Ukraine als »Eiterbeule« und »Geschwür«. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas hören?

Es gibt eine jahrhundertealte Ansicht, dass in Russland große Russen, in der Ukraine kleine Russen und in Belarus weiße Russen leben. Das war eine dominante Ideologie in einigen Kreisen im russischen Zarenreich, aber auch noch danach. Doch das ist Chauvinismus. Ist jemand besser, nur weil er in Russland geboren wurde, und ein anderer sein kleiner, dummer Bruder, nur weil er in der Ukraine auf die Welt kam? Das ist erschütternd.

Lwiw zum Beispiel gehört zu den kulturell bedeutendsten Städten Europas und zählt zum Unesco-Welterbe. Es ist über die Jahrhunderte vom Zusammenleben mehrerer Ethnien geprägt worden. Bauwerke der Renaissance, des Barocks, des Klassizismus und des Jugendstils beherrschen das Stadtzentrum. Befürchten Sie, dass Putin das alles auslöschen will?

Nicht nur Lwiw, Mariupol ist bereits zerstört. Vor zwei Wochen habe ich gelesen, dass die russischen Streitkräfte ein bedeutendes Museum zerbombt haben. Ich weiß nicht, was mit den Kunstwerken passiert ist. Die »großen Russen« zerstören gerade das kulturelle Erbe der »kleinen Russen«. Und leider stehen nach wie vor viele Russen hinter Putin.

Welche Rolle kann ein Künstler aus der Ukraine in diesen Tagen einnehmen?

Wir Musiker machen Musik, denken über Kompositionen und Arrangements nach. Wir haben den Auftrag, unsere Kultur zu bewahren. Alles was wir tun können, tun wir. Das gilt für alle Ukrainer. Wenn jemand in der Nähe eines Museums oder Archivs wohnt, kann er dort fragen, ob Hilfe gebraucht wird, Kunstschätze in Sicherheit gebracht werden oder Fotos von jenen gemacht werden müssen beziehungsweise ob er Exponaten bei sich zu Hause Unterschlupf gewähren kann. Man kann auch in Kriegszeiten vieles tun, um Kultur zu erhalten.

Wie verarbeiten Sie persönlich die gegenwärtige Situation?

Um ehrlich zu sein: Ich bin wie gelähmt. Ich kann momentan meine Gefühle nicht in Worten ausdrücken, kann darüber gar nicht richtig nachdenken. Wenn ich es täte, würde ich innerlich zerbrechen. Ich befinde mich in einem Selbstverteidigungsmodus, einem Überlebensmodus. Ich lebte mit meinen Freunden in Obolon, im Norden von Kiew, als die russische Invasion begann. In den ersten Tagen war es sehr beängstigend. Ich konnte weder schlafen noch essen, diese Tage glichen Albträumen. Als der Gefechtslärm immer lauter wurde, habe ich mich mit meinen Freunden in einen Schutzraum begeben. Aber dann habe ich auf Telegram gesehen, wie russische Soldaten in unsere Nachbarschaft eingedrungen sind und zivile Fahrzeuge angegriffen haben. Das passierte nur wenige Kilometer von mir entfernt. (Atmet tief ein.)

Was haben Sie dann getan?

Meine Mutter holte mich ein paar Stunden später aus der Stadt raus. Sie, meine Schwester und ich fuhren mit dem Auto zu meinem Onkel und meiner Tante im Südwesten von Kiew. Dass die Familie wieder vereint war, hat mir wirklich sehr geholfen. Zu sechst ist es besser, als sich allein durchschlagen zu müssen. Ich kann aber nicht behaupten, dass es dort ruhiger war als in Kiew. Ich bin irgendwann zurückgekehrt. Hier in der Stadt blickt man die ganze Zeit auf Wolkenkratzer und andere hohe Gebäude. Ich wohne ziemlich weit oben. Das wirkt irgendwie beunruhigend in der gegenwärtigen Situation. Man kann von hier nicht sehen, wohin Menschen flüchten, was da unten vor sich geht, man sieht eigentlich nur Explosionen irgendwo und hört die Sirenen, den Luftalarm, und kann nur hoffen, dass das eigene Haus nicht getroffen wird.

Hilft die Musik Ihnen ein wenig bei der Bewältigung des Alltags?

Ja. Ich versuche, jeden Tag Violine zu spielen, seit wir Krieg haben. Ich habe eine Zeit lang Bachs Sonaten und einige Bearbeitungen von ukrainischen Volksliedern gespielt. Und mein Programm zu den Prüfungen am Konservatorium geprobt.

Hat die Musik für Sie eine neue, ganz besondere Bedeutung gewonnen?

Selbstverständlich. Vor meinem 15. Geburtstag stand ich vor der Wahl: studiere ich Mathematik, Physik oder Chemie? Oder konzentriere ich mich ganz auf die Violine. Es war keine leichte Entscheidung, aber ich wählte die Musik. Nach ein paar Jahren ist mir zwar bewusst geworden, dass ich nicht der neue Heifetz, Menuhin oder Milstein werde, ich fühle mich dennoch zu einer musikalisch-kulturellen Mission berufen. Es gibt ukrainische Musik, die nicht so bekannt und anerkannt ist, wie sie sein müsste. Und außerdem: Musik ist heilend, sie ist das Heilmittel für mein Herz und ich hoffe auch für die Herzen unserer Zuhörer.

Welches sind die bedeutenden Kompositionen der ukrainischen Klassik?

Wir spielen auf unserer Tournee durch Deutschland Maxim Berezovskys Sinfonie Nr. 1. Das ist ein ukrainischer Komponist aus dem 18. Jahrhundert, der in Bologna studiert hat. Er war sehr europäisch eingestellt. Seine Musik bewegt sich zwischen Barock und Klassik. Von Borys Ljatoschynskyj haben wir die Sinfonie Nr. 3 ausgewählt. Er ist ein bedeutender Vertreter der ukrainischen Musik des 20. Jahrhunderts. Diese Sinfonie hat er nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Ljatoschynskyjs sinfonische Werke sind von äußerst hoher Qualität. Und von Ernest Chausson spielen wir das Poème für Violine und Orchester. Nicht zu vergessen Walentyn Wassylowytsch Sylwestrow, der zwischen Avantgarde und neuer Einfachheit changiert. Und ich habe einige Freunde, denen ich zutraue, dass sie die nächsten großen Komponisten der Ukraine sein werden.

Hat die Musik der Ukraine einen ganz eigenen Sound?

Das trifft natürlich vor allem auf unsere Volkslieder zu. Wir präsentieren sie aber nicht im Original, sondern in neuen Arrangements. Wir wollen aus ihnen etwas Neues schöpfen, das die Einzigartigkeit ukrainischer Kunst offenbart und bewahrt. Bei unseren eigenen Kompositionen setzen wir allerdings auf europäische Traditionen, weil diese universell sind, überall verstanden werden und alle Menschen berühren.

Ab Montag sind Sie mit dem Symphonie-Orchester Kiew auf Deutschlandtour. Es besteht die akute Gefahr, dass das Orchester mit seiner über 40-jährigen Tradition nicht mehr weiter bestehen kann. Kann die Tournee das Orchester vor der Auflösung retten?

Ich denke, dass die Gefahr oder Furcht vor Auflösung der aktuellen Situation geschuldet ist. Wir können in Kiew nicht mehr proben, weil unser Proberaum sich in einem Gebäude befindet, das zu den Zielen russischer Bombardements gehören könnte. Wir werden nach unserer Deutschlandtour sehen, wie es weitergeht. Momentan bekommen wir noch weiterhin unsere Gehälter und proben alle alleine zu Hause.

Sie sind Kulturbotschafter Ihrer Nation. Wie lautet Ihre Botschaft an Deutschland und das restliche Europa?

Wir sind nicht nur die Stimme der Lebenden, sondern auch die der Toten. Wir wollen die Welt davon überzeugen, dass es in diesem Krieg vor allem um Menschenrechte und Meinungsfreiheit geht. Und um unsere Kultur. Und dass alle Menschen frei und selbstbestimmt in einem souveränen, unabhängigen Land leben wollen, frei von Unterdrückung, Gewalt, Tod.

Versuchen Sie auch, russische Künstler über den Krieg aufzuklären?

Unser Orchester hat im Moment keinen Kontakt zu russischen Musikern. Ich persönlich auch nicht. Nicht nur, weil es nach 2014 sehr schwer war, Beziehungen zu russischen Künstlern und Kultureinrichtungen zu knüpfen, auch weil von dort niemand uns kontaktiert hat.

Fällt es Ihnen als Künstler schwer, auf eine derartige Ausnahmesituation ästhetisch zu reagieren?

Ich versuche, die äußerst verwirrenden, verstörenden Gefühle und Momente einzufangen. Es ist aber sehr schwierig, im Krieg körperlich wie geistig gesund und fit zu bleiben.

Haben viele Ihrer Kollegen die Kunst aufgegeben, um der Verteidigung des Landes zu dienen?

Nicht viele, vielleicht einer von Hundert. Die meisten waren und bleiben Musiker.

Wird das Orchester nach der Tour durch Deutschland in die Ukraine zurückkehren?

Ja. Wir müssen zurückkehren, nach Kiew und in andere Städte. Ich weiß zwar nicht, ob wir vor Publikum spielen können, ob wir noch Konzerte geben können. Ich hoffe es sehr.

Und wenn der Krieg weiter eskaliert, wären Sie dann bereit, mit der Waffe in der Hand zu kämpfen?

(Denkt lange nach.)

Ja. Ja. Denn es ist eine Frage des Überlebens. Es geht um das Überleben aller Ukrainer. Es geht nicht nur um unsere staatliche Existenz, es geht um die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung unseres Volkes.

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